Frauenradsport: Auf dem Weg zur eigenen Tour de France

La Course

Reformen zeigen Wirkung

Frauenradsport: Auf dem Weg zur eigenen Tour de France

Von Katarina Schubert

Der Frauenradsport kämpft um Anerkennung, da kommt die Einführung einer eigenen Tour de France genau richtig. Auch die UCI hat sich die Förderung des Frauenradsports groß auf die Fahne geschrieben. Die Reformen zeigen Wirkung.

Es ist eines der Highlights im Wettkampfkalender der weiblichen Radsport-Elite, das Eintagesrennen La Course by Le Tour de France, welches am Samstag (26.06.2021) bereits zum achten Mal im Rahmen der Tour de France der Männer ausgetragen wird. Dabei war das Rennen anfangs nur ein Zugeständnis des Tour-Veranstalters ASO an die Fahrerinnen. Denn die forderten für sich eine eigene Tour de France, stießen damit aber lange auf taube Ohren. Bis jetzt.

Ab 2022: Tour de France der Frauen kehrt zurück

Im Mai bestätigte Tour-Chef Christian Prudhomme die Einführung einer eigenen Ausgabe für die Frauen für 2022, die am Schlusstag der Männer-Tour starten und über acht Tage durch Frankreich führen soll. Die Freude darüber bei Teams und Fahrerinnen ist groß, habe die Tour de France Femmes doch ein "Riesenpotenzial, den Frauenradsport weiter voranzubringen", meint die deutsche Meisterin Lisa Brennauer gegenüber der Sportschau. "Ich hoffe, dass die Tour de France für eine größere Sichtbarkeit sorgt und wir zeigen können, wie spannend und unterhaltsam Frauenradsport ist."

Es ist nicht der erste Versuch, eine Frauen-Tour zu etablieren. In den 1980er Jahren wurde die "Grand Boucle Féminine" ins Leben gerufen. Doch es mangelte an finanziellen Möglichkeiten und Sponsoren. Der Radsport-Weltverband UCI, Renn-Veranstalter sowie die Medien behandelten den Frauenradsport jahrzehntelang nur stiefmütterlich. Dies soll sich nicht wiederholen. Mit der Online-Trainingsplattform Zwift steht der ASO ein namhafter Sponsor an der Seite, der die Frauen-Tour mitträgt.

Erhöhte Sichtbarkeit und Professionalisierung

Es ist der nächste Schritt auf dem Weg, den Frauenradsport zu stärken. In den vergangenen Jahren habe sich einiges getan, so Lisa Brennauer. "Und das auf allen Ebenen – Infrastruktur, Teams und Leistungsdichte. Aber wir sind noch nicht am Ziel angekommen."

Tour de France für Frauen - Ein langer Weg sport inside 09.06.2021 09:24 Min. Verfügbar bis 21.06.2022 WDR

Den Grundstein für diese positive Entwicklung legte die UCI selbst, als sie vor fünf Jahren die Rennserie der Frauen reformierte und die UCI Women’s WorldTour einführte. Mehr Rennen und strenge Anforderungen an die Rennveranstalter sorgen seitdem für eine größere Sichtbarkeit und eine voranschreitende Professionalisierung des Frauenradsports. So müssen die Veranstalter beispielsweise eine Live-Berichterstattung der Rennen garantieren.

Klappt das nicht, macht die UCI auch nicht vor ihrer prestigeträchtigsten Frauen-Rundfahrt, dem Giro Rosa, Halt. Weil dessen Veranstalter im vergangenen Jahr keine Live-Übertragung des Rennens bewerkstelligen konnte, strich die UCI den Giro Rosa kurzerhand aus dem diesjährigen World-Tour-Kalender.

Brennauer findet das schade, kann die vielerorts kritisierte Entscheidung aber verstehen. "Das Rennen gehört in die World-Tour, denn es ist die einzige zehntägige Rundfahrt und ein tolles Event." Die UCI setze damit aber ein wichtiges Zeichen, nicht alles durchgehen zu lassen. "Denn sonst bewegt sich ja nichts."

Mindestgehalt und Mutterschutz

Lisa Brennauer

Doch das ist nach wie vor bitter nötig, denn noch immer können viele Fahrerinnen nicht von ihrem Sport leben oder sind zumindest auf Unterstützung angewiesen. Das hat auch die UCI begriffen und im Rahmen ihrer "Agenda 2022", in der die Förderung des Frauenradsports im Mittelpunkt steht, die Reorganisierung der Teamstrukturen in Angriff genommen.

Zur vergangenen Saison führte der Radsportweltverband, wie bei den Männern schon längst geschehen, das zweistufige System von World- und Continental-Teams ein. Dies geht mit strengen Lizenzvorgaben einher. Um als Team an der UCI Women’s World Tour teilnehmen zu dürfen, müssen die Teams nun eine Reihe von Bedingungen erfüllen, welche vor allem die Trainings- und Lebensbedingungen der Fahrerinnen betrifft. Dazu gehört als wichtigster Schritt die Auszahlung eines Mindestgehalts. Hinzu kommen Urlaubs- und Krankengeld sowie Lohnfortzahlungen während des Mutterschutzes.

Diese Vorgaben stellen die Teams vor Herausforderungen, gibt Ronny Lauke, Teamchef des einzigen deutschen World-Teams "Canyon//SRAM Racing", zu bedenken. "Grundsätzlich begrüße ich die Schritte der UCI, mit denen sie den Frauenradsport vorantreiben möchte. Aber es macht es für mich als Teamchef natürlich nicht einfacher, die notwendigen Gelder zusammenzubekommen." Dies gehe nur mit starken Partnern an der Seite, die sich dem Frauenradsport verschrieben hätten. "Da haben einige Teams bestimmt Probleme, die neun World-Teams sind jedoch gut aufgestellt. Dort sollte auch jede Fahrerin vom Sport leben können."

Große Gehaltsunterschiede bei den Teams

Auch wenn das Durchschnittsgehalt der World-Team-Fahrerinnen laut einer Studie der UCI im Vergleich zum vergangenen Jahr um 25 Prozent anstieg, sieht es längst nicht bei allen Teams so rosig aus. Das betrifft vor allem viele Continental-Teams, die zwar ebenfalls regelmäßig an Rennen der UCI Women’s WorldTour teilnehmen, aber nicht die strengen Vorgaben erfüllen müssen. "Dort sind viele Fahrerinnen unterwegs, die gar kein Einkommen mit dem Radsport generieren können. Das ist ein semi-professioneller Bereich, an den die UCI nochmal ran muss", so Lauke.

Das sieht auch Lisa Brennauer so, die selbst für das deutsche Continental-Team "Ceratizit-WNT Pro Cycling Team" fährt. "Die Gehaltsunterschiede innerhalb, aber auch zwischen den Teams sind enorm. Das ist bei den Männern genauso, aber auf einem höheren Niveau." Es tut sich jedoch etwas. Mit Trek-Segafredo und Team BikeExchange kündigten dieses Jahr direkt zwei World-Teams an, ihr Mindestgehalt freiwillig an das der Männer anzupassen.

Bis zur Gleichstellung zwischen Frauen und Männern ist es – vor allem bei Themen wie Gehalt, Preisgeld oder medialer Berichterstattung – dennoch noch ein weiter Weg. Darüber könne man sich natürlich aufregen, aber der Frauenradsport hätte es, so Lauke, auch selbst in der Hand. "Die Grundzutaten sind da: gut organisierte Teams, Fahrerinnen, die sich auf ihren Sport konzentrieren können und Rennen auf höchstem Niveau", sagt er: "Wir müssen einfach weiter auf uns aufmerksam machen."

Stand: 22.06.2021, 08:00

Darstellung: