Guillaume Martin macht Frankreich Hoffnung

Radprofi Guillaume Martin bei der 14. Etappe der Tour de France

Tour de France

Guillaume Martin macht Frankreich Hoffnung

Von Michael Ostermann (Quillan)

Der Fanzose Guillaume Martin fährt auf der 14. Etappe der Tour de France auf den zweiten Rang des Gesamtklassements. Seine Landsleute hoffen jetzt, dass er dort bleibt - mindestens.

Es kommt nicht häufig vor, dass der Etappenelfte im Ziel gleich von zwei Livekameras in Empfang genommen wird. Doch als Guillaume Martin die 14. Etappe der Tour de France in Quillan beendet hatte, musste er dort direkt ein Live-Interview für das französische Fernsehen geben.

Mit der Ausreißergruppe nach vorne gespült

Während der Etappensieger Bauke Mollema zeitgleich für die internationalen TV-Stationen über seinen Soloritt zum Sieg referierte, musste Martin der Grande Nation erklären, wie es nun weitergeht für ihn bei dieser Tour de France, nachdem es ihn als Teil der Ausreißergruppe auf den zweiten Rang der Gesamtwertung gespült hat.

Etappensieg für Mollema - ein Franzose rückt nach vorne

Sportschau Tourfunk 10.07.2021 19:46 Min. Verfügbar bis 11.07.2031 ARD


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Ein Franzose in der Nähe des Gelben Trikots, das elektrisiert das französische Publikum. Auch wenn der Rückstand auf Tadej Pogacar, den Gesamtführenden, 4’04 Minuten beträgt. Martin, 28 Jahre alt und studierter Philosoph, war jedoch weise genug, den Erwartungen einerseits nicht zu viel Nahrung zu geben, das Feuer der Hoffnungen aber auch nicht gleich wieder zu löschen.

"Ich habe mein Schicksal herausgefordert“, sagte Martin. "Es wird weitere Möglichkeiten geben und ich werde weitermachen." Das ließ sich leicht in die Richtung interpretieren, dass er weiter versuchen werde, im Gesamtklassement Zeit gutzumachen. Man konnte Martin aber auch dahingehend verstehen, dass er weiter um einen Etappensieg kämpfen werde.

Schwäche im Zeitfahren

Einen Tageserfolg hatte Martins Team Cofidis im Vorfeld als Ziel für die Tour de France ausgegeben. Und das war auch der Plan für diesen Tag. So wollte die Équipe von vornherein keine Fragen nach dem Gesamtklassement aufkommen lassen. Dabei hat Martin schon einen zehnten und einen elften Platz bei der Tour errungen und gilt als ein Fahrer, dem man durchaus mehr zutrauen kann.

"Wir waren sehr realistisch“, sagte der Sportliche Leiter des Teams, Cederic Vasseur, "und wollten uns nicht unter Druck setzen". Der Ex-Profi argumentierte dabei vor allem mit dem Zeitfahren der 5. Etappe, bei dem Martin erwartungsgemäß Zeit verlor. Mehr als 3’15 Minuten verlor er dort auf Tadej Pogacar.

14. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 10.07.2021 05:51 Min. Verfügbar bis 10.07.2022 Das Erste

Auch Rigoberto Uran und Jonas Vingegaard, die der Franzose am Samstag von Platz zwei und drei verdrängte und die nun etwas mehr als eine Minute hinter Martin liegen, waren deutlich schneller im Kampf gegen die Uhr. "Wir hatten also einen anderen Ansatz mit Guillaume auf psychologischer Ebene, indem wir gesagt haben, dass wir uns keine Gedanken um die Gesamtwertung machen werden", sagte Vasseur.

Geschke: "Dafür lohnt es sich zu kämpfen"

Dieser Plan ist nun aufgegangen und das ändert fortan die Herangehensweise des Teams an die dritte Tourwoche. "Das wird ihm viel Selbstvertrauen geben und ich denke, dass das ganze Team hinter ihm stehen wird", glaubt Vasseur. "Es kommt nicht oft in einer Karriere vor, dass man die Gelegenheit bekommt, für einen Fahrer zu arbeiten, der bei der Tour de France um einen Podiumsplatz kämpft."

Diese Einschätzung bestätigte sich schon in Quillan, als Martins deutscher Teamkollege Simon Geschke schon recht enthusiastisch erklärte, dass der zweite Platz etwas sei, "für dass es sich lohnt zu kämpfen". Das wird Cofidis in den kommenden schweren Tagen in den Pyrenäen sicher tun.

Die Konkurrenz bleibt gelassen

Die Konkurrenz allerdings zeigte sich nicht allzu besorgt über Martins großen Sprung von Rang neun mit fast zehn Minuten Rückstand auf Rang zwei mit nur noch knapp über vier Minuten Rückstand. Das Team des Gesamtführenden Tadej Pogacar ließ die Ausreißer und Martin gewähren, und auch von den anderen Klassement-Teams spannte sich keins vor das Feld, um den Schaden zu begrenzen.

Pogacar hat das Gelbe Trikot auch weiterhin fest im Griff. Auf die Frage, wen er denn als gefährlichsten seiner Gegner betrachte, antwortete er in Quillan diplomatisch, dass alle von Rang zwei bis zehn es ausnutzen könnten, sollte er einen schlechten Tag haben. Den befürchtet der Slowene aber offensichtlich nicht.

Die anderen Teams wollen sich derweil anscheinend auf den Vorteil ihrer Kapitäne im Zeitfahren zu verlassen. "Wir setzen auf sein Zeitfahren", sagte der US-Amerikaner Sepp Kuss, ein Teamkollege des Dänen Vingegaard, dessen Mannschaft nicht nur ihren Kapitän Primoz Roglic, sondern mit Robert Gesink und Tony Martin zwei weitere Fahrer wegen Stürzen verloren hat.

Mit besten Wünschen der Franzosen

"Wir sind nur noch zu fünft, da müssen wir weise fahren", erklärte Kuss. Und auch die Mannschaft EF Education-Nippo um Rigoberto Uran hatte offenbar kein gesteigertes Interesse daran, Martins Vorsprung in der Fluchtgruppe zu verringern.

Und so sitzt ein Franzose nun unverhofft auf Rang zwei der Gesamtwertung. Sollte Martin diese Position in den Pyrenäen verteidigen können, werden ihn die Wünsche seiner Landsleute beim Zeitfahren am vorletzten Tag der Tour begleiten. Er wäre nicht der erste Radprofi, den die Aussicht auf einen Podiumsplatz in Paris beflügelt.

Stand: 10.07.2021, 21:17

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