Tour de France: Verbissener Kampf um die roten Punkte

Wout Poels

Vier Fahrer mit Chancen aufs Bergtrikot

Tour de France: Verbissener Kampf um die roten Punkte

Von Michael Ostermann (Saint-Gaudens)

Der Kampf um das Gelbe Trikot ist so gut wie entschieden. Auch das Grüne Trikot ist wohl vergeben. Nur um das gepunktete Bergtrikot wird bei der Tour de France noch erbittert gerungen.

Diesmal verzichtete Wout Poels auf einen Schnappschuss mit dem Smartphone. Anders als zwei Tage zuvor in Andorra war das Wetter in Saint-Gaudens so ungemütlich, dass der Niederländer das Podium nur schnell wieder verlassen wollte. Und die Frau, die ihn aufs Podium begleitete, wo er nach der 16. Etappe erneut das gepunktete Trikot übergestreift bekam, hatte er ja nun eh schon in seiner Bildersammlung.

Gelb und Grün in sicheren Händen

In Andorra hatte Poels das Trikot des besten Bergfahrers zurückerobert, das er zwischenzeitlich dem Kolumbianer Nairo Quintana überlassen musste, der es wiederum an den Kanadier Michael Woods verlor. Es ist ein heißer Kampf entbrannt, um das Maillot à pois.

Es ist derzeit die einzige Wertung, der noch eine gewisse Spannung innewohnt. Das Gelbe Trikot ruht sicher auf den Schultern von Tadej Pogacar, der aufgrund seiner Jugend dann auch das Weiße Trikot des besten Jungprofis mit nach Hause nehmen wird, sofern der Slowene heil bis Paris kommt.

Gleiches gilt für Mark Cavendish. Dessen Vorsprung in der Punktewertung des besten Sprinters ist am Dienstag zwar ein bisschen geschrumpft. Sein größter Gegner im Kampf um das Grüne Trikot bleibt aber das Zeitlimit auf den beiden schwierigen Bergetappen in den Pyrenäen am Mittwoch und Donnerstag. Erreicht Cavendish an beiden Tagen das Ziel innerhalb der Karenzzeit, dürfte ihm das Maillot Vert nicht mehr zu nehmen sein.

Kuss gewinnt in Andorra, Pogacar hat alles unter Kontrolle

Sportschau Tourfunk 11.07.2021 12:11 Min. Verfügbar bis 12.07.2031 ARD


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Doppelte Punktzahl an den Schlussanstiegen

Für das gepunktete Bergtrikot kommen dagegen noch vier Fahrer infrage. 74 Punkte hat Poels als Führender dieser Wertung auf den bisherigen Anstiegen eingesammelt, dahinter liegen Woods (66), Quintana (64) und der Belgier Wout Van Aert (64).

Das Quartett kämpft verbissen um die Punkte. Am Dienstag herrschte zwar so eine Art Waffenstillstand, aber in den beiden kommenden Tagen dürfte es wohl weitergehen wie auf der 15. Etappe am vergangenen Sonntag, als sich alle vier Kontrahenten in der großen Ausreißergruppe befanden und an den Bergwertungen gegeneinander sprinteten.

"Entscheidend wird sein, es in die Gruppe zu schaffen, um Punkte zu sammeln", stellte Poels in Saint-Gaudens fest. "Und dann am besten auch bei den Schlussanstiegen vorne zu sein." Dort wird es dann die doppelte Punktzahl geben. Sowohl der Weg hinauf auf den Col du Portet als auch nach Luz Ardiden sind als Anstiege der "hors catégorie" gelistet - der Etappensieger bekommt dementsprechend 40 statt der sonst für derartige Berge vorgesehenen 20 Zähler gutgeschrieben.

Lücken in den Geschichtsbüchern

Maximal 124 Punkte sind in den verbleibenden fünf Tourtagen noch zu vergeben. 102 davon auf den beiden schwierigen Pyrenäenetappen am Mittwoch und Donnerstag. Ein weiterer Zähler ist am Freitag auf der Flachetappe nach Libourne zu holen. Und sollte die Entscheidung bis dahin immer noch nicht gefallen sein, gibt es am Sonntag auf dem Weg nach Paris noch einmal die Chance auf einen Punkt.

Es ist ungewöhnlich, dass der Kampf um das bei den Menschen am Streckenrand so beliebte Trikot mit den roten Punkten einen derartigen Spannungsbogen erlebt. In den vergangenen Jahren war die Sache meist recht früh entschieden. Häufig galt das Bergtrikot als eine Art Trostpreis für jene, die in der Gesamtwertung nicht ganz vorne landen konnten, aber in den Bergen ihre Stärken haben.

Das galt auch für Richard Virenque, der sieben Mal das Bergtrikot gewann, es aber trotz ausführlichem EPO-Gebrauch nur zwei Mal aufs Podium nach Paris schaffte - 1997 als Zweiter hinter Jan Ullrich und einmal als Drittplatzierter 1996.

Sein Bergtrikot-Rekord steht trotz Doping-Geständnis bis heute in den Geschichtsbüchern der Tour, anders als etwa die sieben Toursiege von Lance Armstrong. In der Liste der Bergpreisträger klafft jedoch für die Jahre 2008 und 2009 ebenfalls eine Lücke. Der Österreicher Bernhard Kohl und der Italiener Franco Pellizotti wurden wegen Dopings aus der Liste gestrichen.

Geehrt wird der beste Kletterer der Tour de France seit 1933, das Trikot mit den roten Punkten gibt es dafür aber erst seit 1975. Der erste Gewinner des Maillot à pois war der Belgier Lucien Van Impe, ein deutscher Radprofi konnte es noch nie bis nach Paris tragen.

Poels und Woods im Vorteil

Im aktuellen Kampf um das Bergtrikot hat Poels derzeit die besten Karten, und das nicht nur, weil er die Wertung aktuell anführt. Er verfügt über einen guten Punch, wenn es weiter zu direkten Konfrontationen mit den Konkurrenten kommt. Der Kanadier Woods kann ebenfalls alles versuchen, um das Trikot zu gewinnen.

Der Belgier Van Aert wird sich dagegen vor allem den Teamaufgaben widmen müssen, um seinen Mannschaftskollegen Jonas Vingegaard in der Gesamtwertung auf einem Podiumsplatz zu halten. Und Quintana wird mit Sorge auf den Wetterbericht für die kommenden Tage schauen. Zumindest am Mittwoch wird es nasskalt bleiben in den Pyrenäen. Mit solchen Bedingungen kommt der Kolumbianer nicht so gut klar.

Wout Poels ahnt aber dennoch, dass das gepunktete Trikot heiß umkämpft bleiben wird. "Mir wäre es lieber, es wäre so wie vor ein paar Jahren, als sich niemand dafür interessiert hat", sagte er am Sonntag in Andorra. Immerhin hat er seinen Schnappschuss schon im Kasten.

16. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 13.07.2021 05:06 Min. Verfügbar bis 13.07.2022 Das Erste

Stand: 14.07.2021, 08:27

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