Casper Pedersen vom Team DSM beim Radwechsel

Tour de France Mit Schlauch und ohne Schlauch - die Reifen der Radprofis

Stand: 28.06.2022 15:57 Uhr

Nicht jede technische Neuerung sorgt sofort für Begeisterung. Nicht einmal beim technologieaffinen Straßenradsport, gern als die Formel 1 des muskelgetriebenen Rennsports bezeichnet, wird jedes neue Bauteil sofort eingesetzt.

Von Tom Mustroph

Bei der Tubeless-Technologie tun sich viele Rennställe jedenfalls erstaunlich schwer. Viele Radamateure fahren schon mit Schlauchlosreifen. Bei der Tour de France wird aber ein gemischtes Feld mit Schlauchlos-Systemen und aufgeklebten Schlauchreifen (hier ist der Schlauch in den Mantel eingenäht) an den Start gehen. Dafür gibt es Gründe.

Der Radsportphilosoph war überfordert. "Welche Reifen besser sind? Hey, da müssen Sie unsere Mechaniker fragen. Ich kenne mich da nicht aus", meinte Guillaume Martin verblüfft zur Sportschau. Martin ist der Radsportphilosoph im Peloton. Er hat einen Abschluss in Philosophie und schreibt auch mit tiefer Kenntnis über die Konvergenz von Denken und Pedalieren. Mit den technischen Belangen setzt sich der Cofidis-Profi aber offenbar nicht so gern auseinander. Zum Thema Schlauchlos-Reifen meinte er am Rande des Giro d‘Italia nur: "Unser Team fährt komplett mit Schlauchreifen."

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Sportschau, 06.07.2022 16:05 Uhr

Da war dann der Radsportjournalist verblüfft. Denn Schlauchlossysteme sind im Profiradsport bereits seit der Jahrhundertwende im Einsatz. Das erste größere Rennen, das mit Tubeless gewonnen wurde, war 2008 der Kopfsteinpflasterhalbklassiker Omloop Het Volk. Philippe Gilbert gewann damals - und das, obwohl er das Rennen mit einem Loch im Reifen beendete.

Löcher schließen dank Dichtungsmilch

Das machte aber nichts, denn Schlauchlossysteme zeichnen sich dadurch aus, dass eine Dichtmilch kleinere Löcher, die etwa durch spitze Gegenstände entstehen, zuverlässig verschließt. Der Mantel sitzt dabei direkt auf der Felge und kommt ohne Schlauch im Inneren aus. Ein spezielles Felgenband dichtet zudem das Felgenbett ab.

Tubeless-Pionier Gilbert, 2008 für das französische FDJeux-Team am Start, begründete seine Wahl jedenfalls so: "Ich weiß jetzt wenigstens, dass ich kein Rennen mehr wegen eines Plattens verlieren kann."

Guillaume Martin

Die Revolution blieb trotzdem aus

Sein Sieg leitete aber nicht die Materialrevolution ein. Zwar gibt es Tubeless-Systeme bereits seit 1999, als Mavic sein Crossmax UST herausbrachte. Die Schlauchlosreifen haben auch weitere Vorteile, zumindest auf dem Prüfstand. Der Rollwiderstand ist bei geringerem Reifendruck im Vergleich zu Schlauchreifen geringer, parallel nimmt die Traktion zu.

Man fährt also sicherer, vor allem auf nassem Belag und bei Kurven, und ist trotzdem schneller. Testergebnisse variieren, abhängig von den verwendeten Reifen, dem Reifendruck und den Geschwindigkeiten. Von 4 Watt bis 28 Watt Ersparnis ist zu lesen. Eine umfassende Studie der Aerodynamikspezialisten von Aero-Coach kam bei einer Geschwindigkeit von 45 km/h auf Vorteile von bis zu 7 Watt von Schlauchlossystemen gegenüber dem als Standard genommenen Continental GP 5000. Das ist nicht viel. Es kann aber einen Unterschied ausmachen.

Tubeless-Vorteile bei Flachtetappen

Sprinter Fabio Jakobsen jedenfalls schwört auf Tubeless. Nach seinem Etappensieg bei der Kalifornienrundfahrt 2019 schwärmte er: "Wenn es mein Team erlaubt und meine Mechaniker es möglich machen, will ich fortan jedes Rennen auf Tubeless fahren. Man hat mehr Grip, spürt die Erschütterungen von Fahrbahnunebenheiten weniger stark und kommt besser um die Kurven." Viele Sprint- und Zeitfahrspezialisten schwören mittlwerweile auf Tubeless.

Fabio Jakobsen (l.)

"Bei flachen Etappen setze ich gern die Tubeless ein", sagte auch der endschnelle und bergfeste Klassikerspezialist Magnus Cort Nielsen der Sportschau. Bei bergigen Etappen in den Rundfahrten lässt der mehrfache Grand Tour-Etappensieger von Team EF aber Schlauchreifen aufziehen. "Die wiegen etwas weniger, und das merkst du in den Bergen", erklärte der Däne. In seinem Team wird gemischt gefahren, je nach Profil des Rennens und Neigung der Fahrer.

"Reifen kleben macht mehr Spaß"

Bei den Mechanikern stößt man in Sachen Tubeless noch auf gehörige Skepsis. "Reifen kleben macht mehr Spaß", sagt Bora hansgrohe-Mechaniker Mario Lexmüller der Sportschau unumwunden. Die Hersteller würden die Technologie als einfacher verkaufen. Aber Schlauchreifen zu kleben gehe besser von der Hand und mache auch mehr Spaß, betont Lexmüller.

Er berichtet auch von Anpassungsschwierigkeiten: "Das System funktioniert im Großen und Ganzen zwar. Aber wir hatten am Anfang noch ein Problem mit den Felgen. Deshalb sind wir erst ein Jahr später auf Tubeless umgestiegen. Und jetzt fehlt etwas Knowhow, was die Milch anbetrifft." Er ist aber zuversichtlich, dass es besser wird. "Das kommt. Wir haben jetzt auch neue Prototypen", meint Lexmüller. Beim Giro d’Italia fuhr seiner Aussage nach Bora auf allen Etappen schlauchlos.

Eine pannenfreie Rundfahrt bedeutete das aber nicht. "Ganz ehrlich, beim kompletten Giro 2017 hatten wir zwei Platten, beim Giro 2018 drei. Bei diesem Giro waren es allein in der ersten Woche fünf Platten“, erzählte er.

Bei der Tour wird Bora auf Schlauchlos setzen. Damit folgt der Rennstall dem Branchenführer. Tadej Pogacar gewann die Tour 2021 auf Tubeless-Reifen, gab sein Radhersteller Colnago bekannt. 2020 siegte der Slowene allerdings noch auf Schlauchreifen bei der Tour.

Slowenen-Duell ist Tubeless vs. Tubular

Sein größter Rivale Primoz Roglic wird wohl selbst in diesem Jahr die Technikrevolution auf den Reifen noch aussitzen. "Wir sind weiterhin konventionell unterwegs. Erst wenn wir glauben, dass Tubeless insgesamt mehr Vorteile bringt, werden wir wechseln", teilte Marc Reef, sportlicher Leiter von Roglic‘ Rennstall Jumbo - Visma, am Rande des Giro d’Italia der Sportschau mit. Die Tour de France 2022 wird also auch vom Duell zwischen späten Anwendern der neuen Technologie und beinharten Traditionalisten geprägt.