Wie der Profi-Radsport sicherer werden soll

Sicherheitsregeln im Radsport: Strafen für die Falschen sport inside 09.05.2021 09:27 Min. Verfügbar bis 09.05.2022 WDR

Radsport

Wie der Profi-Radsport sicherer werden soll

Stürze prägen den Radsport. Beim Giro d’Italia musste gerade Emanuel Buchmann nach einem Massensturz aufgeben. Der Weltverband hat eine Kommission für Fahrersicherheit eingerichtet und neue Regeln festgelegt. UCI-Präsident David Lappartient über die Neuerungen und deren Effekte. 

Sportschau: Herr Lappartient, in der letzten Zeit gab es schreckliche Stürze im Radsport mit zum Teil gravierenden Folgen, wie etwa beim schlimmen Crash von Fabio Jakobsen bei der Polenrundfahrt. Was lief zuletzt falsch bei der Sicherheit der Strecken?

David Lappartient: Bei unserer Analyse trafen wir auf unterschiedliche Faktoren. Die Fahrer werden immer schneller. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es gut ist, immer einen Stecker im Ohr und einen Computer vor der Nase zu haben. Telefonieren beim Autofahren ist ja auch nicht erlaubt.

Der wichtigste Aspekt ist aber, dass es jede Menge bauliche Veränderungen auf den Straßen gibt. Natürlich verstehe ich, dass die Städte die Fußgänger besser schützen wollen im Verkehr und deshalb Veränderungen vornehmen. Aber wegen dieser Veränderungen wird es bei den Rennen dann auch gefährlicher.

David Lappartient

David Lappartient

Ein anderer Aspekt ist, dass viele Rennen von Beginn an im Fernsehen zu sehen sind. Deshalb gibt es jetzt mehr Bilder, die man schneller auf den sozialen Medien teilen kann. Dadurch werden auch mehr Emotionen erzeugt. Um ein komplettes Bild zu haben, bauen wir gegenwärtig eine Datenbank für Stürze auf. Wir sammeln dazu Daten aus den vergangenen fünf Jahren.

Sportschau: Aber das digitale Zeitalter hat schon ein paar Jahrzehnte früher begonnen. Warum erst jetzt der Versuch einer solchen Datenbank?

Lappartient: Es stimmt, solch eine Datenbank existiert bisher nicht. Aber jetzt kreieren wir sie, um auf dieser Basis in Zukunft Entscheidungen zu treffen. 

Sportschau: Auch ohne Datenbank, allein bei den Fernsehübertragungen ließe sich beobachten, dass sich die Stürze, die durch Fahrzeuge ausgelöst wurden, häufen. Maximilian Schachmann kollidierte bei der Lombardeirundfahrt mit einem Auto, weil die Strecke nicht richtig abgesperrt war. Geraint Thomas kam beim Giro d’Italia durch ein schlecht geparktes Polizeimotorrad zu Fall. Werden die Rennveranstalter nachlässiger?

Lappartient: Ich denke, sie sind weiter aufmerksam und investieren auch mehr Geld und Energie in die Sicherheit. Aber es müssen ein paar Sachen verbessert werden. Und ja, es stimmt auch, dass wir vielleicht weniger streng mit den Organisatoren waren als mit anderen Beteiligten. Aber das änderte sich schon vor zwei Jahren. Jetzt legen wir ja auch ein paar neue Punkte für die Veranstalter fest. Wenn sie diese nicht respektieren, müssen sie zur Disziplinarkommission. In den vergangenen beiden Jahren mussten sich etwa zehn Rennveranstalter verantworten. Einige Rennen wurden zurückgestuft. Das war ein deutliches Signal an die Organisatoren.

Sportschau: Die neuen Regeln sind seit dem 1. April in Kraft. Ein wichtiger Bestandteil sind die neuen Barrieren. Haben Sie sie schon selbst bei den Rennen gesehen?

Lappartient: Ja, das habe ich. Und die Reaktion darauf war sehr positiv, besonders von den Fahrern. Im vergangenen Jahr war das Thema ja oft in der Diskussion wegen der Ereignisse bei der Polenrundfahrt. Jetzt kann ich sagen, dass die Polenrundfahrt sich entschieden hat, die neuen Barrieren einzusetzen.

Sportschau: Sehr umstritten ist unter den Fahrern das Verbot der aerodynamischen Sitzposition, des Super Tuck. Erhöht das Verbot tatsächlich die Sicherheit oder ist es eher eine symbolische Geste?

Julian Alaphilippe bei der Tour de France 2020

Julian Alaphilippe bei der schnellen Abfahrt

Lappartient: Diese Maßnahme kommt direkt von unseren Diskussionen mit den Fahrern. Ein Punkt war, dass es wirklich gefährlich für das Feld ist. Denn sie müssen dort auch diese Position nutzen. In dieser Position gewinnt man etwa 14 Prozent, nutzt man sie nicht, fällt man aus dem Feld heraus. Man muss sie also nutzen. Aber das wird dann gefährlich.  

Sportschau: Dennoch gab es auch Proteste?

Lappartient: Es war gar nicht so viel. Die Fahrer akzeptieren die Entscheidung. Sie haben verstanden, dass es zu großen Problemen führen kann, wenn das gesamte Feld diese Position nutzt. Und es geht auch um Beispielwirkung gegenüber jungen Fahrern. 

Sportschau: Eine zentrale Forderung der Fahrer war, bei der Begutachtung der Rennstrecken mitzuwirken, entweder direkt oder über eine externe Organisation. Wird es das geben?

Lappartient: Wir arbeiten daran, die Rennstrecken den Fahrern und den Teams in 3D-Ansicht zu präsentieren. Es gibt technische Lösungen mit einer 360-Grad-Kamera auf dem Dach eines Wagens. Das kann man einen Monat vor dem Rennen machen, nicht zu früh vorher, denn sonst könnte es in der Zwischenzeit ein paar neue Hindernisse auf der Straße geben.

Sportschau: Das entspricht aber nicht der ursprünglichen Forderung. Einige Rennställe würden die Kontrolle der Sicherheit gern in die Hände einer externen Instanz legen. Scheitert diese Idee am Widerstand der Organisatoren?

Lappartient: Die Veranstalter waren sehr klar: Die Regierungen, die Bürgermeister, wollen immer einen Namen haben, der für Sicherheit verantwortlich ist. Und sie waren sehr deutlich: Werden diese Außenseiter tatsächlich die Verantwortung für alles übernehmen, und auch im Schadensfall einstehen? Dann gerne. Aber wenn sie nicht dafür einstehen, gibt es ein Problem. In vielen Ländern muss der Verein, der ein Rennen ausrichtet, unterschreiben. Er ist dann verantwortlich. Das fordert das Gesetz. Und das kann niemand anderes übernehmen. Aber natürlich wurde darüber diskutiert. 

Sportschau: Welche weiteren Maßnahmen sind in der Diskussion? Gibt es zum Beispiel Überlegungen, bei Massensprints feste Bahnen auf den Asphalt zu zeichnen, innerhalb deren sich die Sprinter bewegen müssen? 

Lappartient: Ja, über solche Bahnen wurde auch diskutiert. Die Regeln sagen aber schon jetzt, dass man im Sprint seine Linie beibehalten muss. Mit all dem Videomaterial können wir das jetzt auch gut beurteilen. Wenn wir bei der Auswertung der Datenbank sehen, dass die meisten Stürze durch ein Verlassen der Linie ausgelöst wurden, kann man darüber wieder neu nachdenken. Aber momentan steht dies nicht an.

Das Interview führte Tom Mustroph.

Stand: 24.05.2021, 07:00

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