Kontur eines Springreiters beim CHIO in Aachen

CHIO in Aachen Tierwohl im Pferdesport - Es tut sich etwas

Stand: 29.06.2022 10:46 Uhr

Der Pferdesport steckt in einer Imagekrise. Nach mehreren Tierwohl-Skandalen rührt sich sogar der Weltverband - auch nach Druck aus der Politik.

Von Volker Schulte

Mehrere Zwischenfälle bei Olympia und fragwürdige Trainingsmethoden auf dem Hof von Ludger Beerbaum - der Pferdesport hat vermehrt für Negativschlagzeilen gesorgt und viel Kritik erfahren, auch seitens einer nichtreitenden Öffentlichkeit. "Ich habe subjektiv schon das Gefühl, dass es mehr geworden ist in den vergangenen Jahren", sagt Pferdewissenschaftlerin Kathrin Kienapfel im Sportschau-Interview. Die promovierte Biologin aus Datteln in Nordrhein-Westfalen forscht seit Jahren vor allem auf dem Feld der Pferd-Reiter-Interaktion.

Marc Eschweiler, Sportschau, 02.07.2022 10:23 Uhr

Auch beim CHIO 2022 in Aachen, dem weltweit größten Turnier seiner Art, schwingt das Thema mit. Viele seien beim Tierwohl wacher geworden, sagt Kienapfel, nicht nur die normale Öffentlichkeit, sondern auch die Tierschutzverbände. Es wird immer weniger toleriert. Wir haben eine andere Wahrnehmung von Tierschutz. Nicht nur im Pferdesport, das ist auch in der Nutztierhaltung so."

Barren auf dem Hof von Ludger Beerbaum?

Zuletzt hatte im Januar ein RTL-Bericht über fragwürdige Trainingsmethoden auf dem Hof von Ludger Beerbaum für Aufregung gesorgt. Der Vorwurf: Die verbotene Trainingsmethode "Barren" sei eingesetzt worden. Dabei wird Pferden, die über ein Hindernis springen, in der Luft eine Stange an die Beine geschlagen. Das soll dazu führen, dass das Pferd seine Beine beim nächsten Sprung noch stärker einzieht.

Kienapfel über die Chance, das "kritische Bild zu wandeln"

Sportschau

Beerbaum widersprach und argumentierte, die heimlich gedrehten Aufnahmen zeigten ein erlaubtes "Touchieren". Die Abgrenzung zwischen den beiden Methoden ist allerdings schwierig, sodass viele forderten, auch das Touchieren zu verbieten. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hielt sich zu dem Thema lange bedeckt, was ihr Kritik einbrachte. Denn bereits im Januar 2021 hatte sie eine Kommission eingerichtet, die sich mit dem Thema beschäftigte.

Beerbaum: "Die Szenen haben mit Barren nichts zu tun"

Sportschau, 12.01.2022 17:13 Uhr

FN verbietet auch das Touchieren

"Es war Wunsch der Beteiligten der Kommission, dass sie wirklich unter sich diskutieren und ganz offen sprechen können, ohne Sorge, dass sie von Medien oder der Öffentlichkeit getrieben oder angegriffen werden", sagte FN-Generalsekretär Sönke Lauterbach dazu im Podcast des WDR-Hintergrundmagazins Sport inside: "Wenn man sich die Diskussionskultur in sozialen Netzwerken anguckt, habe ich ein großes Verständnis dafür, das sie erst einmal ganz sachlich intern reden wollten. Am Ende hat die Kommission einstimmig empfohlen, das Touchieren am Sprung zu verbieten. Das hat die Mitgliederversammlung der FN dann im Mai auch umgesetzt."

Die Entscheidung sei "ein ganz tolles Zeichen und wahnsinnig wertvoll", sagt Pferdewissenschaftlerin Kienapfel: "Wenn eine strittige Methode endlich mal verboten wird, sind wir auf der Seite des Tierwohls. Genau dahin müssen wir meines Erachtens kommen."

Wissenschaftler arbeiten an Definition der Rollkur

Kienapfels Fachgebiet ist das Dauerthema Rollkur, bei der ein Pferd in unnatürlich enger und tiefer Halshaltung geritten wird. Auch hier verwischen die Grenzen zwischen verbotener Methode und erlaubter enger Halseinstellung. Das Schweizer Nationalgestüt von Agroscope, bei dem Kienapfel angestellt ist, will die Rollkur mit messbaren Kriterien definieren. Ende des Jahres werde das Projekt abgeschlossen, sagt Kienapfel.

Frankreichs Regierung will "Spiele des Pferdewohls"

Die Schweiz hatte die Rollkur schon 2014 gesetzlich verboten. Die Regierung als Antreiber des Pferdwohls - das passiert aktuell auch in Frankreich. Ein Report der Nationalversammlung hat in einem 70 Seiten langen Bericht 46 Empfehlungen für Regeln im Reitsport ausgesprochen. Dabei geht es beispielsweise um strengere Vorgaben für Gebisse, Zügel, Nasenriemen oder Zäumungen und auch darum, dass eine Überdehnung des Pferdehalses in der Dressur verboten sein sollte. Das Ziel: Die Olympischen Spiele 2024 in Paris sollen "Spiele des Pferdewohls" werden.

"Es ist ungewöhnlich, dass solche Stellungnahmen von so hohen Regierungskreisen kommen", sagt Kienapfel: "Normalerweise überlassen die Regierungen den nationalen Reiterlichen Vereinigungen das Feld. Es ist ein tolles Zeichen, das zeigt, dass der Wind sich dreht." Das sei auch nötig, denn "wenn sich jetzt nichts ändert, kommen wir in Probleme, ob der Pferdesport überhaupt olympische Disziplin bleibt. Denn gerade Olympia steht für Fairness, für Sportsgeist."

FEI bildet Kommission

Nach Veröffentlichung des Berichts verkündete die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) Anfang Juni, sie habe eine Kommission "Social License to Operate" mit unabhängigen Fachleuten gebildet. FEI-Präsident Ingmar de Vos sagte dazu: "Es gibt bereits umfassende Systeme und Mechanismen, die das Wohlergehen des Pferdes schützen. Aber es kann und muss noch mehr getan werden. In einer sich ständig ändernden Gesellschaft, in der sich Wahrnehmungen verändern und Normen sich immer schneller entwickeln, muss die FEI auf diese Bedenken und die Kritik aus der Gesellschaft sowie innerhalb der Pferdesportkreise in einer klaren und transparenten Weise eingehen."

Auch beim CHIO in Aachen hat es in jüngster Zeit Nachbesserungen gegeben. Die 2019 eingeführten Infostewards stehen den Gästen in Aachen in diesem Jahr erneut zur Verfügung - erstmals nicht nur an den Trainingsplätzen der Dressurreiter, sondern auch bei den Springreitern. "Sie sollen mit den Zuschauern ins Gespräch kommen und bei Bedarf erklären, was auf den Plätzen passiert", sagte FN-Generalsekretär Lauterbach.

Infostewards beim CHIO

Mit den Infostewards sei der CHIO "als Schaufenster des Pferdesports mit supergutem Beispiel vorangegangen", sagt Kienapfel: "Das fand ich wahnsinnig konstruktiv und zielführend, da hat man eine deutliche Verbesserung gesehen." Dass sich Reitsportverbände beim Thema Tierwohl bewegen, kommt nicht zufällig, glaubt Kienapfel. "Ich denke, dass diese Kombination aus Einmischung von ganz oben, vom Staat, im Zusammenspiel mit der öffentlichen Wahrnehmung jetzt etwas erreicht", sagt er.

So könnte die aktuelle Krise auch eine Chance sein: "Wenn jetzt zum Beispiel diese Empfehlungen der französischen Regierung zumindest zum Teil umgesetzt werden, dann haben wir durchaus die Chance, dieses doch eher kritische Bilder der Öffentlichkeit zu wandeln und zu sagen: Guck mal, die Reiter machen es vor. Es geht auch anders. Es ist ein wundervoller Sport und geht weit über Sport hinaus. Das ist eine Beziehung zwischen Mensch und Tier, die einen beflügelt. Es wäre doch toll, wenn man das auch in die Öffentlichkeit tragen könnte."