Para-Sportler Dylan Alcott hält eine Rede

Para-Sport | Tennis

Dylan Alcott - unermüdlicher Redenschwinger mit Tennisschläger

Stand: 27.01.2022, 18:58 Uhr

Unzählige Grand-Slam-Siege, Paralympisches Gold in gleich zwei Sportarten, ein beispielloser Botschafter für Gleichberechtigung und seit Donnerstag offiziell "Australier des Jahres": Rollstuhl-Tennisprofi Dylan Alcott hat die Sichtweise des Para-Sports auf ein anderes Level gehievt. Daran änderte auch eine letzte große Niederlage in Melbourne nichts.

Von Jannik Schneider (Melbourne)

Zwei-, dreimal schluchzte er, brach den bereits begonnenen Satz ab und setzte neu an. Dylan Alcott war in seiner fünfminütigen Rede am Donnerstagabend (27.01.2022) gleich mehrmals den Tränen nah. Wenige Augenblicke zuvor hatte das Rollstuhl-Ass sein letztes Karrierematch im Finale des Quad-Wettbewerbs bei den Australian Open verloren.

Dass er seine Karriere nach dem Turnier beenden würde, war längst klar. Vor der für Behindertensportverhältnisse tollen Kulisse von mehr als 3.000 Fans auf dem Centre Court der Rod-Laver Arena in Melbourne wurde es nochmal richtig emotional.

Die Wahrnehmung für Para-Sport verändert

"Ich bin wirklich der glücklichste Kerl auf der Welt, und ich musste heute nicht gewinnen, um das zu realisieren", erklärte der 31-Jährige am Mikrofon. "Dank euch allen, die bei uns zuschauen, bekommen Menschen wie ich mit Behinderung die Beachtung und Wertschätzung in unserer Gesellschaft." Als er in den Mittelrang ins weite Rund blickte, kullerten die Tränen. "Wenn man da hochschaut und die Anzahl der Menschen mit Handicap sieht, die heute hier sind. Das ist der Grund, warum ich morgens aufstehe, wirklich." Der darauf folgende Applaus wäre auch bei Rafael Nadal oder Ashleigh Barty nicht größer ausgefallen.

Die vergangenen acht Jahre hat Dylan Alcott nicht nur das Quad-Tennis, eine Disziplin im Rollstuhltennis für Menschen mit starker Querschnittslähmung dominiert. Der 15-malige Grand-Slam-Sieger im Einzel hat die Wahrnehmung für Rollstuhltennis und Menschen mit Handicap in Australien im Allgemeinen komplett verändert - indem er selbstbewusster und größer als alle anderen Behindertensportler dachte. Unter der Woche aber berichtete er, dass das nicht immer so gewesen ist.

Alcott in einer Reihe mit Cathy Freeman

Para-Sportler Dylan Alcott mit der Trophäe zum "Australier des Jahres"

Para-Sportler Dylan Alcott mit der Trophäe zum "Australier des Jahres"

Inmitten seines letzten Grand-Slam-Turniers überhaupt war der Tennisprofi von Melbourne in die Hauptstadt Canberra gejettet. Dort wurde er zum Australier des Jahres gewählt - eine national tief verwurzelte Auszeichnung des Landes. Der erfolgreichste australische Tennisprofi der vergangenen Jahre steht damit in einer Reihe mit den nationalen Ikonen Cathy Freeman, Allan Border und Mick Dundee (Paul Hogan).

Auch in schnittiger Abendgarderobe hatte er das Publikum sofort an seinen Lippen, scherzte bei seiner "acceptance speech" mit zynischer und knallharter Offenheit: "Im Übrigen sind Standing Ovations eines der ironischsten Dinge der Welt. Aber ich nehme sie ohne Zweifel entgegen." Das Publikum prustete vor Lachen, weil alle geladenen Gäste, wussten, wer da vor ihnen sitzt. Alcott hat das sperrige Wort Inklusion in den vergangenen Jahren mit Leben gefüllt. Er ist nahbar, kommunikativ und omnipräsent. Ganz Australien kennt ihn und seine Geschichte.

"Ich wollte nicht mehr hier sein"

Wenige Tage nach seiner Geburt, erinnerte Alcott bei der Rede in der Hauptstadt, sei bei ihm ein Tumor am Rückenmark diagnostiziert und erfolgreich entfernt worden. Doch alsbald folgte die für seine Familie schockierende Diagnose. Alcott sei querschnittsgelähmt. Er sagte: "Ich kenne nichts anderes als ein Leben mit Behinderung. Und um ehrlich zu sein. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich mich gehasst habe. Ich habe diese Behinderung gehasst. Ich wollte nicht mehr hier sein - wirklich nicht."

Ihm hätten in seiner Kindheit und Jugend die Vorbilder gefehlt. Zusätzlich zur Unterstützung der Familie habe ihm erst der Para-Sport Selbstvertrauen eingehaucht. "Dort habe ich die Vorbilder gefunden, die mir gefehlt haben."

Talentiert und wortgewandt

Mit harter Arbeit und viel Talent gewann er 2008 paralympisches Gold im Rollstuhlbasketball mit dem australischen Team. Vier Jahre später folgte Silber. 2014 wechselte das Multitalent zum Tennis und gewann dort bis zum heutigen Tag alleine im Einzel 15 Grand-Slam-Titel und weitere paralympische Goldmedaillen.

Über die sportlichen Erfolge hinaus veränderte Alcott das Bild des Para-Sports in Australien. "Ich habe früh gemerkt, dass ich talentiert bin, aber zusätzlich noch die Worte finde, um modern und gut zu beschreiben, was wir tun. Und ich habe immer groß gedacht", erklärte er später am Abend bei der gut gefüllten Pressekonferenz.

Publicity wirkt

Er fand Sponsoren, nationale Firmen, die über das sportliche auch das kommunikative Talent erkannten. "Ich habe um die Chancen gebeten und dann alles gegeben, und es hat sich für beide Seiten gelohnt", erklärte er in der Pressekonferenz. Nun ist er seit Jahren ein nationales, omnipräsentes Werbegesicht. Während der Australian Open führte er als Experte durch das Abendprogramm des übertragenden Senders.

Australien ist auch dank ihm weltweit führend im Para-Sport. Die Australian Open waren vor Alcotts Zeit 2002 das erste der vier Grand-Slam-Turniere, das Rollstuhlwettbewerbe ausrichtete. "Als ich später hier das erste Mal gespielt habe, haben fünf Leute zugeschaut. Und heute fühlen sich 3.000 Fans für mich schon normal an. Ist das zu glauben?"

Niederlage im Finale gegen Niederländer Schröder

Das sportliche Happy End blieb gegen seinen designierten Nachfolger, den Niederländer Sam Schröer, aus. Der 22-Jährige gewann beim 7:6 und 6:0-Erfolg seinen zweiten großen Titel. Als Alcott beim Stand von 0:5 nochmal die Seiten wechselte, machten die Fans ein letztes Mal ohrenbetäubenden Lärm. "Genießen", sagte er später in der Presserunde, konnte er das nicht so richtig. Dazu sei er körperlich nach den Reisestrapazen der Woche zu platt gewesen. Doch die Publicity für Menschen mit Behinderung war ihm immer schon einen Ticken wichtiger als sportlicher Erfolg.

In Canberra erklärte Alcott: "Menschen mit Behinderung benötigen mehr Repräsentanten in der Politik, im Sport, in Dating Apps und generell in der Gesellschaft." Im Tennissport wird Alcott eine große Lücke hinterlassen. In Australien wird sein Einfluss nach dem sportlichen Rücktritt wohl nur noch größer.

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