Eiskunstlauf: Der Dopingfall um Kamila Walijewa

Sportschau 13.02.2022 07:55 Min. Verfügbar bis 31.08.2022 Das Erste

Olympia | Eiskunstlauf

Fall Walijewa: Hilfe vom Fachmann für Doping mit Edelgas

Stand: 13.02.2022, 14:35 Uhr

In Peking beurteilen gerade drei Sport-Richter den Doping-Fall der russischen Eiskunstläuferin Kamila Walijewa. Betreut wird sie von einer gnadenlosen Schleiferin und einem dopingerfahrenen Arzt.

Von Hajo Seppelt, Sebastian Krause und Jörg Winterfeldt

Als am Sonntag in Peking die Startliste für das Kurzprogramm im Eiskunstlauf der Frauen herausgegeben wurde, schien die russische Welt noch in Ordnung.

Ganz unten, fünf Stellen vor Schluss, fand sich der Name jenes Mädchens, das es in den vergangenen Tagen auf vielerlei Weise geschafft hatte, der Weltöffentlichkeit aufzufallen: Mit einer aufsehenerregenden Leistung im Mannschaftswettbewerb und einem positiven Dopingtest. Kamila Walijewa, 15 Jahre alt.

Recherchen der Sportschau zum Umfeld der jungen Frau legen eine verhängnisvolle Mischung offen - aus einer extrem harten Trainerin und einem Mediziner, der in der Vergangenheit wiederholt bewiesen hat, auch über die Grenzen der Grauzonen hinauszugehen.

CAS entscheidet am Montag

Ob Russlands großes Eiskunstlauftalent Walijewa tatsächlich am Dienstag im Einzelwettbewerb starten darf, war trotz der offiziellen Liste eher unsicher. Parallel nämlich tagten ein Italiener, ein Amerikaner und eine Slowenin, um für das Weltschiedsgericht für Sport (CAS) über die neueste Wendung im Fall Walijewa zu befinden.

Fabio Iudica, Jeffrey Benz und Vesna Bergant Rakočeviċ marschierten am Sonntag wortlos vorbei an 30 wartenden Journalisten in den Anhörungsraum. Walijewa wurde dort per Video zugeschaltet. "Wir alle machen uns auf eine lange Nacht gefasst“, sagte CAS-Generalsekretär Matthieu Reeb. Am Montag wird das Urteil verkündet.

Verbotene Infusionen

Die Aufgabe der Schiedsrichter ist es zu überprüfen, ob Russlands Anti-Doping-Agentur Rusada die vorübergehende Ein-Tages-Sperre Walijewas zu Recht wieder aufgehoben hat. Am Tag nach ihrer Goldmedaille im Teamwettbewerb hatte das Analyseergebnis einer am 25. Dezember genommenen Dopingprobe einen positiven Befund auf die verbotene Substanz Trimetazidin erbracht. Sowohl das IOC als auch die Welt-Anti-Doping-Agentur und der Internationale Eislauf-Verband hatten dagegen Rechtsmittel beim CAS eingelegt.

So drohen der jungen Russin ausgerechnet die Menschen aus ihrem engsten Umfeld zum Verhängnis zu werden: ihre Trainerin Eteri Tutberidze und ihr Mannschaftsarzt Filipp Shvetskyi.

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Doktor Shvetskyi war mehrere Jahre wegen Dopingverabreichnung im Sport gesperrt. Er hatte vor den Sommerspielen in Peking 2008 Ruderern verbotene Infusionen gegeben, legte sogar ein Geständnis ab. Seit 2010 ist er immer wieder als Mannschaftsarzt im Einsatz. In dieser Zeit gab es auch bei anderen jungen russischen Eiskunstläuferinnen positive Dopingtests.

Das Doping-Wundermittel Xenon

Wie experimentierfreudig Shvetskyi sich in Grauzonen des Anti-Doping-Bereichs und darüber hinaus begibt, belegt ein Patent, das er in Moskau nach Recherchen der Sportschau mit Kollegen anmeldete. Der Anästhesist Shvetskyi wollte sich mit seinen Kollegen eine spezielle Methodik für die Verwendung des Edelgases Xenon patentieren lassen: den Einsatz bei Spitzensportlern.

Wundersamerweise behaupteten die Verfasser in ihrem Papier, die Methode sei erlaubt. Sie führe zu einem Gefühl des Fliegens, der Freude und Entspannung, erhöhe den Testosterongehalt im Blut und die Konzentration. Klar ist: ein Doping-Effekt. Shvetskyi und Kollegen wollten mit dem Gas-Einsatz Sportler über ihre Grenzen bringen. Und das wieder streng geheim. 2016 wurde die Methode in Russland wissenschaftlich anerkannt und publiziert.

Allein: Bereits 2014 hatte die ARD über den Einsatz des Edelgases Xenon an hunderten russischen Sportlern aus etlichen Sportarten berichtet. Durch die Methode, sagte damals der Kölner Universitätsprofessor Mario Thevis vom Institut für Biochemie der Sporthochschule, sei "die Produktion von Erythropoetin innerhalb von 24 Stunden um den Faktor 1,6 auf 160 Prozent gesteigert worden". Die Folge: Wenige Monate nach dem ARD-Beitrag wurde das Gas Xenon auf die Verbotsliste der WADA gesetzt. Eine Anwendung an Athleten erfüllte also den Tatbestand des Dopings.

Doping-Vorwürfe gegen Trainerin Tutberidze: "Natürlich machen die das"

Die russischen Eiskunstläuferinnen stehen seit Jahren unter dem Kommando der erfolgsversessenen Trainerin Eteri Tutberidze. Aus dem nahen Umfeld des russischen Eiskunstlaufens erfuhr die Sportschau, dass bei Trainingslagern unter ihrer Leitung Pillendosen betreitstünden, angeblich mit Vitaminpräparaten. Welche Mittel das genau seien, würde den Sportlerinnen allerdings nicht gesagt.

Tutberidze will, so wird gesagt, dass die Läuferinnen so wenig wie möglich wiegen. Eine Sportlerin berichtet, dass ihr sogar das Wassertrinken von der Trainerin untersagt wurde, um das Gewicht zu halten.

Immer wieder klagen junge russische Top-Läuferinnen über schwere Verletzungen, körperliche oder mentale Leiden. Immer wieder verlassen sie schon weit vor dem 20. Lebensjahr den Leistungssport, lädiert und ausgebrannt. Wie Olympiasiegerin Julia Lipnitskaja (15), Magersucht, Olympia-Zweite Jewgenia Medwedewa (18), kaputter Rücken, Weltmeisterin Anna Scherbakowa (16), Atemprobleme, Junioren-WM-Zweite Daria Usachewa (13), Sturzverletzung, Junioren-Grand-Prix-Dritte Alena Kanischewa (13), Rückenverletzung, Siegerin Olympische Jugendspiele Polina Zurskaja (14), Antriebslosigkeit, Junioren-Grand-Prix-Siegerin Daria Panenkowa (14), Motivationsschwäche.

Die 13-Jährige Athletin Anastasia Schabotowa sagte 2019 auf Instagram, wie man im Eiskunstlauf am besten die Leistung steigert: "Nimm viel Doping, dann wirst Du beständig Leistung bringen. So ist das." Und über das Trainingszentrum von Tutberidze in Moskau sagte sie: "Natürlich machen die das." Anastasia Schabotowa bekam daraufhin massiven Druck, nahm plötzlich ihre Aussage zurück. Aber in Russland wurde SIE zur Persona non grata. In Peking startet sie jetzt für die Ukraine.

Der Vorgang um ihre frühere Landsfrau Walijewa birgt für das IOC nun gleich eine doppelte Ironie: Während das Komitee sein einziges Augenmerk darauf gerichtet hat, bei Olympia möglichst viel Geld mit der Inszenierung und Produktion schöner Hochglanzbilder zu kassieren, fällt eine der wichtigsten Entscheidungen der Spiele nun schmucklos hinter verschlossenen Türen. Und sie betrifft eine Athletin, die womöglich gar nicht am Start gewesen wäre, hätte das IOC nach dem systematischen Angriff des russischen Staates auf die Integrität der olympischen Wettbewerbe bei den Spielen in Sotschi 2014 eine ernsthafte Sanktion verhängt.

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