RED-S - die schleichende Gefahr

RED-S und der gefährliche Energiemangel im Sport Sportschau 07.11.2021 09:13 Min. Verfügbar bis 07.11.2022 Das Erste

Gefährlicher Energiemangel im Sport

RED-S - die schleichende Gefahr

Von Hajo Seppelt, Lea Löffler und Josef Opfermann

Je leichter und athletischer, desto besser: Hinter dieser im Sport weltweit gültigen Erfolgsformel steckt eine weitgehend unbeachtete, hochgefährliche Problematik.

Lea Sophie Keim wollte seit Beginn ihrer Triathlon-Karriere nur eines: Profi werden. Doch auf dem Weg dorthin kam schnell der erste Rückschlag, ein Ermüdungsbruch. Es folgten weitere Knochenbrüche, ihre Periode blieb aus, sie litt unter Blutarmut und Eisenmangel. Der eigene Körper schien ihrem Traum im Weg zu stehen. Von ratlosen Ärzten zurückgelassen, machte sich Keim selbst auf die Suche nach der Ursache.

Nach Monaten kam sie einem Leiden auf die Spur, das Experten mittlerweile als eine weitgehend unbekannte, aber massive Bedrohung für alle ambitionierten Athletinnen und Athleten ausgemacht haben: das RED-S-Syndrom, das “Relative-Energie-Defizit im Sport”.

Karsten Köhler von der Technischen Universität München beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit der Thematik. “RED-S ist ein Syndrom, das wir bei Sportlerinnen und Sportlern beobachten, die einen relativen Energiemangel haben, die also, um alle Körperfunktionen abdecken zu können, nicht ausreichend Energie zur Verfügung haben,” sagt der Wissenschaftler. Die Ursachen von RED-S sind also zu viel Training und eine im Verhältnis zu geringe Energieaufnahme. Eine Essstörung ist hierbei nur eines von vielen Symptomen.

Bis zu 60 Prozent der Sportler gefährdet

Köhler sieht in RED-S eine unterschätzte Gefahr, er meint, dass rund 20 bis 30 Prozent aller Sportlerinnen und Sportler von dem Syndrom betroffen sind. In Risikosportarten geht er sogar von bis zu 60 Prozent aus. Gefährdet sind besonders Athletinnen und Athleten, für die ein geringes Körpergewicht von Vorteil ist: im Triathlon oder Langstreckenlauf, in Sportarten mit Gewichtsklassen wie Rudern und Boxen, oder in denen Ästhetik besonders gefragt ist.

Die Wurzeln von RED-S liegen oft in Optimierungswahn, Leistungsdruck und dem Nacheifern falscher Vorbilder. Bei Lea Sophie Keim waren es fragwürdige Körperideale, denen sie folgte, begünstigt durch gefährliche Scheinbilder aus sozialen Medien. “Du musst schlank und dünn sein und drahtig aussehen, dann bist du erfolgreich und austrainiert und fit. Dann ist man leistungsfähig,” sagt Keim. Dieses Credo ist so gefährlich wie falsch.

Der Druck abzunehmen kann auch von Trainern erzeugt werden, wie der Fall der amerikanischen Läuferin Mary Cain zeigt. Cain rechnete 2019 mit ihrem Ex-Trainer aus dem mittlerweile geschlossenen Nike-Oregon-Project ab, Alberto Salazar. Cain beschuldigte den wegen möglicher Dopingpraktiken heute gesperrten Amerikaner, sie zum Abnehmen gedrängt zu haben. Die Folge war ein gefährlicher Energiemangel.

Am Ende war ich wirklich suizidgefährdet

Dass RED-S bei vielen Ärzten noch unbekannt ist, sieht die ebenfalls betroffene Olympia-Teilnehmerin Deborah Schöneborn in mangelnder Aufklärung begründet. Besonders Gynäkologen, die bei ausbleibender Periode die Pille verschrieben, sorgten nur für eine Überdeckung des Problems. Die Teilnehmerin am Marathon-Lauf in Tokio versucht seit Jahren, ihren Zyklus zu regulieren. Dieser fiel 2017 aus, als sie für einen Wettkampf ein paar Kilogramm abnehmen wollte. Seither wartet Schöneborn sowohl auf eine natürliche Periode, als auch auf nachhaltige Lösungsansätze aus dem Sport. 2014 hat das Internationale Olympische Komitee RED-S und seine Ausprägungen definiert. Eine ARD-Anfrage, wie man das Problem konkret bekämpfen könnte, ließ das IOC unbeantwortet.

Auch die Psyche kann durch RED-S beeinflusst werden. Amateur-Triathletin Anja Kern geriet mit dem Syndrom an einen mentalen Tiefpunkt. “Am Ende war ich wirklich suizidgefährdet, weil ich keine Perspektive mehr gesehen habe, und weil ich nicht wusste, was die Gründe der tiefen Lethargie waren. Die habe ich nicht zusammengebracht mit RED-S, gar nicht,” sagt Kern. Die Folgen des Syndroms können irreparabel sein, so können Frauen durch RED-S unfruchtbar werden.

Trainer teilweise in der Mitschuld

Männer sind in gleicher Weise RED-S-gefährdet. Der ehemalige Duathlon-Weltmeister und heutige Trainer Simon Hoyden kritisiert den Umgang mit Athleten: “Bestimmt die krassesten waren die letzten Jahre in meiner Leichtathletik-Laufbahn, als ich gehört habe, dass ein Trainer - heute in Position Bundestrainer - zu jüngeren Frauen gesagt hat: Ihr müsst abnehmen, um schneller zu werden. Das kann halt einfach nicht sein.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat auf Sportschau-Anfrage zu dieser Aussage nicht reagiert. Der Deutsche Olympische Sportbund teilt mit, er befasse sich kontinuierlich mit dem aktuellen Stand der Forschung. Konkrete Maßnahmen bei gemeldeten Verdachtsfällen durch die Landesverbände trage der DOSB mit. Am Ende sind Athletinnen und Athleten selbst für ihren Körper verantwortlich, werden aber mit ihrem Optimierungswahn und falschen Idolen viel zu oft allein gelassen.

Stand: 07.11.2021, 08:00

Darstellung: