Zum Abschied harsche Kritik von Dagmar Freitag

Dagmar Freitag (SPD), Bundestagsabgeordnete, steht nach einer Pressekonferenz zum Stand der geplanten Olympia-Bewerbung 2032 im Hotel «Vier Jahreszeiten»

Sportpolitik

Zum Abschied harsche Kritik von Dagmar Freitag

Schluss nach 27 Jahren im Sportausschuss des Deutschen Bundestags: Die Vorsitzende Dagmar Freitag zieht eine sehr ernüchternde Bilanz - nicht nur bei der Stellung der Frau in Sport und Politik.

Das sagte die 68 Jahre alte SPD-Politikerin in einem Interview des "Spiegel". Frauen hätten es in beiden Bereichen schwer. "Schauen Sie sich mal an, wie viele Frauen Führungspositionen im deutschen Sport besetzen. Da ist ganz viel Luft nach oben – eigentlich hat sich in den vergangenen 20 Jahren kaum etwas verändert", kritisierte Freitag.

Mit dem Ende der aktuellen Legislaturperiode im Bundestag ist für Dagmar Freitag nun also Schluss als Vorsitzende des Sportausschusses. Während der Sondierungen und Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl am 26.09.21 steht die SPD-Abgeordnete der großen Politik weiter zur Verfügung, doch der Abschied ist in Sicht und damit auch das Ende einer Ära.

Kein Wunsch nach einem neuen Posten

Zwölf Jahre lang prägte Freitag den deutschen Sport, stellte Weichen für die Athletinnen und Athleten und trat den mächtigen Funktionären kritisch gegenüber. "Ein bisschen Wehmut" schwinge mit, sagt Freitag, wenn sie an ihre Laufbahn im Sportausschuss zurückdenkt. Seit 1994 ist sie Mitglied des Bundestages, damals hieß der Kanzler Helmut Kohl.

Aufgaben gäbe es genug, und Dagmar Freitag wäre häufig eine gute Wahl. Unabhängig, meinungsstark, weiblich und erfahren. Klingt wie eine Wunschkandidatin für die Spitzenämter in den angeschlagenen Großverbänden DFB und DOSB. "Ich bin auf einige der derzeit vakanten Funktionen im deutschen Sport angesprochen worden, aber die Zeit der Gremiensitzungen ist für mich ein für alle Mal vorbei", sagt Freitag.

Größter Erfolg: Anti-Doping-Gesetz von 2015

Bewegend waren aber vor allem die letzten Jahre, in denen sie ihre (sport)politische Karriere krönte. Das Anti-Doping-Gesetz von 2015 gilt als ihr größter Erfolg, den "teilweise erbitterten und auch persönlich verletzenden Widerstand", wie Freitag sagt, hat sie bis heute nicht vergessen. Viele Angriffe kamen aus dem Deutschen Olympischen Sportbund. Mit dessen scheidendem Präsidenten Alfons Hörmann (CSU) legte sich Freitag in aller Öffentlichkeit an, viel mehr hielt und hält die Sauerländerin vom unabhängigen Athleten-Verein, den sie seit der Gründung unterstützt hat und von dem sie sich auch für die Zukunft viel verspricht.

Schließlich habe sie von den Athleten "mehr sport-strategische und gesellschaftspolitische Impulse wahrgenommen als vom DOSB als Dachorganisation des deutschen Sports in der gesamten Wahlperiode." Ohnehin der DOSB: Nach der Präsidentschaftswahl im Dezember müsse er in neuer Aufstellung endlich wieder zu einem "ernstzunehmenden, verlässlichen Partner" werden, sagt Freitag, macht sich aber keine großen Illusionen.

DOSB: "Gemischtwarenladen oder ein träger Tanker"

Derzeit sei der DOSB mehr "Gemischtwarenladen oder ein träger Tanker". Nicht bereit für "die großen Herausforderungen", die Freitag, von 2001 bis 2017 Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, auch auf ihre Nachfolger im Sportausschuss zukommen sieht. Zwar habe der Bund "durch einen stetigen Mittelzuwachs einen entscheidenden Teil" zur Entwicklung des Spitzensports beigetragen. Doch gerade in der Breite hat die Corona-Pandemie viel zerstört, der Nachwuchs muss zurück in die Vereine gelockt werden.

Auch auf der Bühne des Weltsports gibt es reichlich Baustellen, Freitags Meinung wird fehlen. Sie tat sich besonders durch Kritik am Fußball-Weltverband FIFA oder dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) hervor. Gerade, wenn die Mächtigen ihre Wettkämpfe in Staaten mit fragwürdigem Verhältnis zu Menschenrechten wie Katar oder China vergaben. "Das ist eine fatale Entwicklung, die das Potenzial hat, die Integrität des Sports zu zerstören", sagt Freitag.

Wenig Hoffnung auf Umdenken

Hoffnung auf ein Umdenken hat sie wenig und führt als Beweis die Pläne für eine Fußball-WM im Zweijahresrhythmus an, die sie für einen "völlig absurden Vorschlag" hält. Damit müssen sich aber bald andere herumschlagen. Freitag hat nach Jahrzehnten in Ausschüssen und Gremien eigene Pläne.

Als gelernte Lehrerin freue sie sich darauf, "mich hoffentlich bald wieder vor Ort um einige Bildungsprojekte in Südafrika und Namibia kümmern zu können." Aufgaben gibt es für die 68-Jährige auch ohne die große Sportpolitik genug.

sid/dpa/red | Stand: 28.09.2021, 17:53

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