Hockey-WM Wieso Deutschlands Männer nicht mehr Weltspitze sind

Stand: 12.01.2023 15:39 Uhr

Seit neun Jahren warten Deutschlands beste Hockeyspieler auf den Gewinn eines großen Titels. Die einst führende Nation ist nicht mehr so erfolgreich wie beispielsweise Belgien. Das hat Gründe. Und trotzdem rechnet sich das DHB-Team gute Chancen aus für die am Freitag startende WM in Indien.

Von Jan Wochner

So einen Empfang waren Deutschlands Hockeyspieler nicht gewohnt. Am Flughafen in Indien drängte sich ein Dutzend Kamerateams vor dem deutschen Kapitän Mats Grambusch, der fast ein wenig überrascht wirkte ob so vieler Mikrofone, die ihm indische Reporter fast ins Gesicht drückten. "Das hat sich komisch angefühlt", gibt Grambusch offen zu. "Aber ich würde mich freuen, wenn das in Deutschland mal ähnlich laufen würde."

Anders als in Deutschland begeistert die Hockey-Weltmeisterschaft in Indien die Massen. In dem Land mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern zählt Hockey zu den beliebtesten Sportarten. Vor allem jetzt wieder, wo die indische Nationalmannschaft nach starken Auftritten in den vergangenen Jahren in die Weltspitze zurückgekehrt ist und sich zarte Hoffnungen auf den WM-Titel machen darf.

Deutschland letzter großer Titel: Die Champions Trophy 2014

Ob die deutsche Mannschaft noch zur Weltspitze zählt, ist unklar. Den bislang letzten großen Titel holten die deutschen Männer vor neun Jahren. Bei einer WM triumphierte Deutschland zuletzt vor 17 Jahren in Mönchengladbach - zu einer Zeit, in der das deutsche Team von Goldmedaille zu Goldmedaille eilte. Ob bei den Olympischen Spielen, Welt- oder Europameisterschaften.

"Der Vergleich mit dem Jahrzehnt damals ist schwierig“, sagt der Kölner Grambusch und fügt unmissverständlich an: "Aber natürlich möchte ich jetzt in Indien Weltmeister werden." Doch die Zeiten, in denen die deutsche Nationalmannschaft das Welthockey bestimmte, sind vorbei. Den Verband plagen fast chronisch finanzielle Nöte, längst haben sich andere Nationen durch Zentralisierung und Professionalisierung erfolgreicher aufgestellt.

In Belgien trainieren die Nationalspieler an 200 Tagen zusammen

So heißen bei dieser WM die Topfavoriten Titelverteidiger Belgien, die Niederlande oder Australien. Länder, in denen die Nationalspieler an rund 200 Tagen im Jahr gemeinsam als Vollprofis miteinander trainieren und sich damit optimal auf Topevents wie diese WM vorbereiten können. In Deutschland dagegen funktioniert das System rund um die Nationalmannschaft anders.

"Die Situation bei uns hat sich nicht dramatisch verschlechtert. Wir haben schon immer aus wenig viel gemacht“, erklärt Bundestrainer André Henning. Auch in den extrem erfolgreichen Zeiten habe man beim DHB sparen müssen. "Ich erinnere mich an Teambesprechungen vor Jahren, die damals mit Beamer auf dem Hotelflur stattgefunden haben, weil das Geld für Tagungsräume fehlte."

Das dezentrale deutsche System hat auch Vorteile

Es fehlt aber nicht nur Geld, sondern auch an gemeinsamer Trainingszeit. Was Deutschland vor allem von den aktuell führenden Nationen im Welthockey unterscheidet, ist nämlich das dezentrale System. Das bedeutet, dass die deutschen Nationalspieler einen Großteil ihres Trainings in Eigenregie bei ihren Heimatklubs absolvieren müssen.

"Im vergangenen Jahr haben wir rund 100 Tage gemeinsam zusammen verbracht“, sagt Henning. Und das sei schon ein extrem guter Wert. Das bedeutet aber auch: Die deutsche Nationalmannschaft trainiert nur etwa halb so oft gemeinsam als Team wie beispielsweise Weltmeister und Olympiasieger Belgien.

"Von der Eigenmotivation meiner Spieler bin ich begeistert“, stellt Bundestrainer Henning klar. "Das muss bei unserem dezentralen System aber auch so sein.“ Und weil die Trainingssituation vorerst nicht zu ändern ist, möchte das deutsche Team den offensichtlichen Wettbewerbsnachteil zum Vorteil für sich nutzen. "Gerade auf der persönlichen Ebene haben wir in der knapp bemessenen Zeit extrem gut zusammengefunden. In unserer Mannschaft gibt es viele Freundschaften und daraus ziehen wir Stärke und Widerstandsfähigkeit auf dem Platz", erklärt André Henning. Viele seiner Spieler würden die Freiheiten genießen, die das dezentrale System mit sich bringt.

Die Form der deutschen Mannschaft stimmt

Seine Mannschaft scheint momentan in Topform zu sein. Gegen jeden der großen WM-Favoriten konnte das deutsche Team in den vergangenen sechs Monaten zur Überraschung vieler gewinnen. Zuletzt siegte Hennings Auswahl beim Testspiel gegen Australien mit 2:1. Das erste Gruppenspiel am Samstag (14.30 Uhr deutsche Zeit) bestreitet Deutschland gegen Außenseiter Japan.

Am Dienstag kommt es dann zum Kräftevergleich mit dem Weltmarktführer. Dann spielt die deutsche Nationalmannschaft gegen Belgien und kann beweisen, dass sie doch noch zur Weltspitze zählt.