Ist das deutsche Hockey noch Weltspitze?

Vor den Spielen in Tokio

Ist das deutsche Hockey noch Weltspitze?

Von Jan Wochner

Für gewöhnlich sind Deutschlands Hockeynationalmannschaften verlässliche Medaillenlieferanten bei Olympischen Spielen. Rund fünf Monate vor den Spielen in Tokio gibt es aber Zweifel. Zählen die deutschen Teams nach einer durch die Corona-Pandemie durcheinandergewirbelten Vorbereitung überhaupt noch zur Weltspitze? Am Wochenende steht ein Härtetest an.

Der deutsche Herren-Bundestrainer Kais al Saadi nennt es das "Mekka des Hockeysports". Das Hockeystadion in Amstelveen, im Süden von Amsterdam, ist ein Sehnsuchtsort für Hockeyspieler. Mit 9.000 Plätzen ist es das größte Hockeystadion in Europa.

Deutschlands Hockey-Frauen beim Testspiel gegen Indien

Deutschlands Hockey-Frauen beim Testspiel gegen Indien

Es war Austragungsort zahlreicher Hockey-Großevents wie Europa- und Weltmeisterschaften. Am Wochenende treffen Deutschlands Nationalmannschaften hier auf die niederländischen Auswahlteams.

"Das hat etwas von einem Auftritt in der Höhle des Löwen", sagt al Saadi vor dem Duell mit einem der Topfavoriten auf den Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen im Sommer. Al Saadis Herren treten in der Pro League sowohl am Samstag (06.03.21) als auch am Sonntag (07.03.21) auf "Oranje". Auch Deutschlands Hockeydamen spielen an beiden Wochenendtagen in Amstelveen vor. 

Hockey-Frauen vor ungewissem Pro-League-Start Sportschau 03.03.2021 03:15 Min. Verfügbar bis 04.03.2022 Das Erste

Es wird ein Härtetest für die deutschen Nationalmannschaften. Und die Spiele werden wohl Antworten auf die Frage liefern, ob die deutschen Teams überhaupt noch zur Hockey-Weltspitze gezählt werden dürfen. Oder ob die Hoffnungen auf olympisches Edelmetall nicht nur aus der Luft gegriffen sind.

 "Vergangenes Jahr hätte ich uns noch zu den Medaillenkandidaten gezählt", sagt Janne Müller-Wieland, Kapitänin der deutschen Damen. "Dieses Jahr weiß ich es schlicht und einfach nicht mehr." Denn die Kräfteverhältnisse im Welthockey sind unübersichtlich bis unkenntlich geworden. Die Corona-Pandemie hat den internationalen Spielbetrieb lahmgelegt. Welche Nation in Form, welche möglicherweise abgehängt worden ist, blieb bislang völlig unklar.

Deutsche Damen beeindrucken mit überragenden Fitnesswerten

Trainingsmöglichkeiten waren für die deutschen Nationalspieler und Nationalspielerinnen in den vergangenen Monaten rar gesät. Dass die Nationalmannschaften immerhin hin und wieder mal für Lehrgänge und Einheiten am Schläger zusammentreffen konnten, lag auch an einer Traglufthalle in Mannheim, die dank ihrer dauerhaften Luftzirkulation wie ein Freiluftfeld gewertet wurde. Es blieb mit Blick auf die Corona-Auflagen die einzige Trainingsmöglichkeit in den Wintermonaten.

"Dafür haben wir zehn Wochen Athletikprogramm absolviert und die Ergebnisse danach waren überragend", erzählt Damen-Bundestrainer Xavier Reckinger. "Wir sind noch einmal fitter geworden, der einzige positive Nebeneffekt von Corona."

Doch Fitness ist im internationalen Spitzenhockey nur Grundvoraussetzung. Die Trainingsarbeit mit und am Schläger jedoch mindestens genauso wichtig: "Uns fehlt das Feintuning und auch das Selbstverständnis in den Zweikämpfen, weil wir so lange coronabedingt Abstand halten mussten", erklärt Herrentrainer al Saadi. 

Deutschlands Damen mit starken Testspielen in Düsseldorf

Immerhin: In den vergangenen Tagen durften beide deutschen Teams unter strengen Auflagen trainieren und sogar internationale Testspiele austragen. Die deutschen Damen überzeugten in Düsseldorf mit drei Siegen gegen Indien ohne Gegentor (5:0, 1:0 und 2:0). Deutschlands Herren kassierten in Krefeld gegen die Inder zunächst eine empfindliche 1:6-Schlappe, rehabilitierten sich am Dienstag dann mit einem 1:1 gegen den Weltranglistenvierten. 

Vor allem die deutliche Niederlage ließ aufhorchen. Zumal die deutschen Herren vergangenes Jahr mit dem gleichen Ergebnis gegen Belgien abgewatscht worden waren.

"Es ist zu früh für eine Prognose, in welcher Form wir uns befinden", beschwichtigt Herren-Kapitän Tobias Hauke alle Zweifler. "Wir haben relativ wenig Rhythmus, das ist unter den Voraussetzungen aber doch normal." Denn viele andere Top-Nationen trainieren trotz Corona-Pandemie unter völlig anderen Bedingungen.

Hockey-Bundestrainer al Saadi: "Uns fehlt der Touch" Sportschau 03.03.2021 02:08 Min. Verfügbar bis 04.03.2022 Das Erste

Die indischen Hockeyherren verbrachten das vergangene Jahr fast ununterbrochen in einem gemeinsamen Trainingslager in der Heimat. Auch bei den Medaillenkandidaten Niederlande und Belgien trainieren die Nationalteams zentralisiert.

In der Niederlande läuft sogar der Ligabetrieb weiter. Der Eindruck, dass die deutschen Hockeyteams einen Wettbewerbsnachteil vor den Olympischen Spielen haben könnten, drängt sich auf.

Wie groß die Leistungslücke zu der Niederlande (bei den Damen Olympiasieger, bei den Herren Vize-Weltmeister) wirklich ist, wird das Wochenende wohl zeigen. "Wenn wir das Fell über die Ohren gezogen bekommen, weil wir noch nicht so weit sind, dann ist das der genau richtige Gegner, der uns den Finger in die Wunden legt", sagte Kais al Saadi. Wirklich besorgt klingt das nicht. 

Stand: 04.03.2021, 11:13

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