Favoritencheck zum EM-Start: Alte Bekannte und (k)ein Geheimtipp

Roland Mikler, Mikkel Hansen, Nikola Karabatic

Handball | EM

Favoritencheck zum EM-Start: Alte Bekannte und (k)ein Geheimtipp

Von Jens Mickler

Der Kreis der Titelanwärter bei der Handball-EM ist mal wieder groß. Dänemark gehört sicher dazu, genau wie Olympiasieger Frankreich. Aber auch einer der Gastgeber darf sich Chancen ausrechnen.

Prognosen vor einer Handball-EM sind immer schwierig zu treffen. Die Leistungsdichte der besten Mannschaften des Kontinents ist enorm. In diesem Jahr kommt erschwerend hinzu, dass aufgrund der Coronakrise oftmals erst kurz vor dem jeweiligen Spielbeginn klar sein könnte, welche Spieler eingesetzt werden können und welche nicht.

Sehr wahrscheinlich ist aber zumindest, dass die dominanten Nationen des letzten Jahres auch beim Turnier in Ungarn und der Slowakei (13. bis 30. Januar) eine tragenden Rolle spielen werden - und zumindest die Vorrundengruppen für sich entscheiden sollten.

Dänemark: Weltmeister mit neuer Generation

Okay, auf die letzte Europameisterschaft spricht man die Dänen besser nicht mehr an. Aus nach Vorrunde bei der EM 2020, obwohl das Team von Trainer Nikolaj Jacobsen als Mitfavorit gestartet war. Doch die vielen Triumphe der vergangenen Jahre machen diese Schmach in der Gesamtbewertung locker wett. Dänemark gewann die beiden letzten Weltmeisterschaften 2019 und 2021. 2016 wurde man Olympiasieger.

Dänemarks Mathias Gidsel beim Gjensidie Cup

Klar also, dass die Nordmänner auch diesmal wieder vorne mit dabei sein wollen. Dabei fällt auf, dass noch immer fünf Spieler vom letzten EM-Titel 2012 dabei sind: Niklas Landin, Mikkel Hansen, Lasse Svan und Rasmus Lauge sowie Henrik Toft-Hansen. Gleichzeitig aber gibt es bereits eine neue, junge, vielversprechende Generation, die das Team nach vorne bringt.

Denn rein sportlich ist Hansen eigentlich gar nicht mehr der alleinige ganz große Star im Angriffsspiel der Dänen. Der 22-Jährige Mathias Gidsel auf der halbrechten Position schaffte es im letzten Jahr ins All-Star-Team der WM und dann sogar zum MVP der Olympischen Spiele. Deutsche Fans dürfen sich an den variablen Angreifer schon einmal gewöhnen: Ab Sommer wird Gidsel für die Füchse Berlin spielen. Auch Kreisläufer Magnus Saugstrup, ebenfalls im letzten Jahr schon Leistungsträger des Teams und auch erst 25 Jahre alt, ist einer der vielen wichtigen Bundesliga-Legionäre der Dänen. Er spielt beim SC Magdeburg.

Frankreich: Mit dem Selbstvertrauen des Olympiasiegs

Wie die Dänen mussten auch die Franzosen das EM-Turnier vor zwei Jahren überraschend nach der Vorrunde verlassen. Der Olympiasieg im vergangenen Sommer, der dritte der Franzosen insgesamt neben sechs WM-Titeln, machte diesen Makel allerdings ebenfalls längst wieder vergessen. Die Mannschaft von Guillaume Gille eroberte sich damit ihre Position unter den Besten im Welthandball schnell zurück. Weitere Parallele zu Dänemark: Mit Kreisläufer Ludovic Fabregas oder Rückraum-Ass Dika Mem (beide FC Barcelona) ist die nächste starke Handball-Generation Frankreichs bereits herangewachsen.

Dazu hat Nationaltrainer Gille Leitfiguren wie Nikola Karabatic oder Kentin Mahe im Kader, die absolutes Top-Niveau versprechen. Allerdings plagen Gille auch Personalsorgen. So muss der Nationalcoach auf Timothy N'Guessan vom Champions-League-Sieger FC Barcelona und die beiden PSG-Asse Luka Karabatic und Nedim Remili verzichten. Die Coronasorgen der Equipe Tricolore sind angesichts der verkürzten Quarantänezeit nicht mehr so groß. Nikola Karabatic wirkte nach seiner Genesung beispielsweise bereits im Test gegen Deutschland wieder mit.

Spanien: Wieder viel Routine - aber ohne zwei Säulen

Spanien fährt zu einem großen Handball-Turnier und Raul Entrerrios ist nicht dabei? Eigentlich unvorstellbar. Doch der Rekordinternationale mit 294 Länderspielen erklärte nach dem Olympischen Turnier, das mit der Bronzemedaille endete, endgültig seinen Rücktritt vom Profihandball. Nun muss Trainer Jordi Ribeira schauen, wie er diese Lücke schließt. Der mittlerweile 40-jährige Entrerrios hatte schließlich einen großen Anteil an den beiden letzten EM-Titelgewinnen 2018 und 2020. Auch 2016 erreichte man das Finale, verlor allerdings gegen Deutschland.

Spaniens Joan Canellas Reixach jubelt nach einem Tor.

Spaniens Joan Canellas Reixach jubelt nach einem Tor.

Ein personeller Schnitt war nach dem Entrerrios-Rücktritt erwartet worden, doch das Unterfangen EM-Triple gehen die Iberer doch wieder zu einem erheblichen Teil mit ihrer alten Garde an. Routiniers wie Joan Canellas (35 Jahre alt), Gedeon Guardiola (37), Eduardo Gurbindo (34) und Jorge Maqueda (33) sollen wieder für Erfolge sorgen. In Sachen Erfahrung macht den Spaniern jedenfalls kein anderes Team etwas vor. Besonders schmerzhaft aber: Alex Dujshebaev, im Angriff der Spieler für die ganz besonderen Momente, muss verletzt passen.

Norwegen: Ausgeruhter Sagosen soll es richten

Bei den vergangenen Großturnieren spielten die Norweger immer vorne mit, 2017 und 2019 wurden sie jeweils Vize-Weltmeister. 2020 bei der EM im eigenen Land sollte der ganz große Coup gelingen, es wurde dann "nur" die Bronzemedaille, auch weil Starspieler Sander Sagosen am Ende des Turniers etwas überspielt wirkte. Das soll nicht wieder passieren.

Die Norweger um Trainer Christian Berge haben sich vorgenommen, das Rückraum-Ass des THW Kiel in den Vorrundenbegegnungen nicht durchspielen zu lassen, damit er hintenraus noch zulegen kann. In der vermeintlich leichten Gruppe mit Russland, der Slowakei und Litauen sollte das möglich sein.

Favoritencheck: Norwegens Topmann Sander Sagosen

Norwegens Topmann Sander Sagosen

Mit einem Sagosen in Topform dürften die Skandinavier bei der Titelvergabe jedenfalls ein Wörtchen mitreden, zumal auch andere Norweger wie Sagosens Kieler Teamkollege Harald Reinkind internationale Spitzenklasse repräsentieren.

Ungarn: Starke WM und die Zuschauer im Rücken

Bei den letzten Großturnieren ließen die Ungarn schon aufhorchen. Mit Platz 5 bei der Weltmeisterschaft in Ägypten im vergangenen Jahr hatte niemand gerechnet. Schon ein Jahr zuvor bei der EM hatten die Magyaren für Aufsehen gesorgt, als man in der Vorrunde die hochgehandelten Teams aus Russland, Dänemark und Island hinter sich ließ und am Ende ein guter neunter Platz heraussprang.

"Vorrunden-Wundertüte" - Belarus, Österreich und Polen im Gegnercheck

Sportschau 13.01.2022 02:17 Min. Verfügbar bis 13.01.2023 ARD Von Daniel Neuhaus


Was ist nun im eigenen Land vor eigenen handball-verrückten Zuschauern in vollen Hallen möglich? Sicherlich eine Menge. Viel wird wohl davon abhängen, wie die Mannschaft mit dem Druck umgeht. Bei der EM vor zwei Jahren ging Ungarn als jüngstes Team an den Start. Diesmal schart sich um Torwart-Legende Roland Mikler, der sein 13. Großturnier spielt, eine Mannschaft, die im Schnitt immerhin knapp über 25 Jahre alt ist. "Wir gehen konsequent unseren Weg, doch von einer Zielvorgabe für die Heim-EM wollen wir nicht sprechen", sagte Laszlo Nagy, der frühere Weltklasse-Spieler und jetztige Chefstratege der Nationalmannschaft.

Beim jüngsten Eurocup, dem Vier-Nationen-Turnier mit den bereits qualifizierten und gesetzten Teams, zeigten die Ungarn erneut ihr Können. Sie wurden Turniersieger mit nur einer Niederlage gegen Kroatien. Man darf auf alle Fälle gespannt sein auf diese Ungarn. Die Achse mit Routinier Mate Lekai als Spielmacher und Kreisläufer-Hüne Bence Banhidi dürfte auch der DHB-Auswahl noch in schmerzhafter Erinnerung sein: Beim 28:29 aus deutscher Sicht bei der WM konnte die Defensive von Alfred Gislason dieses Duo nie verteidigen.

Stand: 10.01.2022, 16:08

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