Turnier mit Risiko: Handball-EM trotz Omikron ohne Bubble

Oliver Roggisch mit Rollkoffer beim Testspiel gegen die Schweiz

Handball | EM

Turnier mit Risiko: Handball-EM trotz Omikron ohne Bubble

Von Volker Schulte

Die Omikron-Variante sorgt für enorme Coronazahlen, auch bei den Teams der Handball-EM. Trotzdem verzichtet der europäische Verband EHF auf eine Turnierbubble und tägliche Tests - was für die Sportler Risiken bergen kann.

Timing ist bekanntlich alles - und Handball-Großturniere haben in der Pandemiezeit ein denkbar schlechtes Timing. Die WM 2021 in Ägypten begann, als damals im Januar die Infektionszahlen weltweit neue Höchstwerte erreichten. Mancherorts grassierte bereits eine neue, noch ansteckendere Coronavirus-Variante namens Delta.

Jetzt, wenige Tage vor der EM in Ungarn und der Slowakei (13. bis 30. Januar), ist "Omikron" an die Stelle von Delta getreten. Genesene und doppelt Geimpfte haben kaum Schutz vor einer Ansteckung mit dieser neuen Variante, die Zahlen schießen besonders in Europa teils steil nach oben. EM-Teilnehmerländer wie Portugal und Spanien haben Inzidenzwerte deutlich jenseits der 1.000, Island, Dänemark und Frankreich sogar jenseits der 2.000. Deutschland hat eine Inzidenz von knapp über 300 - Tendenz stark steigend (Stand jeweils: 07.01.2022).

Etliche Testspiele abgesagt

Das deutsche Handballteam ist ohne Corona-Fälle in die EM-Vorbereitung gestartet, aber viele andere Nationalmannschaften haben große Probleme. Etliche Testspiele wurden abgesagt, prominente Spieler wie die Bundesligaprofis Domagoj Duvnjak (Kroatien) oder Jannick Green (Dänemark) liefen Gefahr, einen Großteil der EM wegen frischer Infektionen zu verpassen.

Ihnen kommt nun entgegen, dass die Europäische Handballföderation (EHF) am Donnerstag (06.01.2022) die Quarantäneregeln gelockert hat. Geimpfte Infizierte dürften nun schon fünf Tage nach Entdeckung der Infektion zur EM reisen, wenn sie einen negativen PCR-Test vorweisen können. Allerdings müssen dabei auch die jeweiligen nationalen Gesundheitsbehörden mitspielen, vielerorts sind die Quarantänezeiten länger.

Gesundheitliches Risiko für die Sportler?

Um bei der EM spielberechtigt zu sein, brauchen die Infizierten einen zweiten negativen PCR-Test, der mindestens 24 Stunden nach dem ersten Test erfolgen muss. Das bedeutet, dass ein Spieler theoretisch schon sechs oder sieben Tage nach einer entdeckten Infektion wieder auf der Platte stehen könnte.

Wie groß ist dabei das gesundheitliche Risiko für die Akteure? Die EHF betont auf Nachfrage der Sportschau, dass betroffene Spieler für die Rückkehr aufs Feld eine medizinische Bestätigung benötigen.

Der Sportmediziner Wilhelm Bloch, Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln, sagt zu einem derart frühen Einsatz von Coronainfizierten: "Wenn die Infektion bei Geimpften tatsächlich symptomfrei bleibt, ist dies nach einem gründlichen sportmedizinischen Check vorstellbar. Aber hier gilt immer: Gesundheit muss vorgehen."

Durch die Impfung geschützt

Grundsätzlich haben die Handballer einen großen Vorteil im Vergleich zur WM 2021: Alle sind geimpft oder genesen, denn die EM ist eine 2G-Veranstaltung. Das mildert die möglichen Folgen einer Infektion ab. "Das Risiko, schwer zu erkranken, ist sicher bei geimpften Sportlern sehr niedrig", sagt Bloch.

Prof. Wilhelm Bloch

Prof. Wilhelm Bloch

"Längerfristige Leistungseinbußen würde ich nach momentanem Wissensstand, der noch gering ist, nicht erwarten, aber auch nicht völlig ausschließen." Bloch ist an einer noch unveröffentlichten Studie über die Folgen von Coronainfektionen für Spitzenathleten beteiligt.

Im Januar hatten die WM-Organisatoren in Ägypten zu Beginn des Turniers große Probleme mit coronabedingten Absagen Tschechiens und der USA und dem Rückzug Kap Verdes in der Vorrunde. Doch im Laufe des Turniers kamen kaum noch Infektionen hinzu, die Turnierblase hielt weitgehend dicht. Funktioniert das auch in Ungarn und Slowenien?

Keine Turnier-Bubble in Ungarn und der Slowakei

Die EHF verzichtet bei der EM auf eine verpflichtende Bubble-Regel, bei der zum Beispiel niemand eigenmächtig das Hotelgelände verlassen darf. Stattdessen gilt lediglich die Empfehlung, öffentliche und überfüllte Orte zu meiden und keine Cafés oder Restaurants zu besuchen.

Zudem gibt es keine Quarantänepflicht für Kontaktpersonen von Infizierten, wenn diese negativ getestet wurden. Routinemäßige PCR-Tests gibt es nur alle zwei Tage, an Spieltagen wird nicht getestet.

Diese Punkte des Hygienekonzepts wurden im November 2021 kommuniziert, als Omikron noch unbekannt war. Wie schnell sich das Virus aber in Handballteams verbreiten kann, zeigen mehrere aktuelle Beispiele. Beim Frauen-Bundesligisten Thüringer HC wurden Anfang Januar fast alle Spielerinnen positiv getestet. Und Japans Nationalmannschaft um den ehemaligen DHB-Coach Trainer Dagur Sigurdsson musste wegen zehn Coronafällen im Team sein Teilnahme an der Asienmeisterschaft absagen.

Mit Infektion auf der Platte?

So scheint die Gefahr groß, dass bei der EM Spieler mit einer noch unerkannten Infektion auf der Platte stehen. "Das kann nicht gut gehen", sagt Sportmediziner Bloch. "Wenn, dann nur mit einer täglichen Testung, aber selbst dann bleibt noch ein Risiko."

Bei der WM 2021 hatten die Veranstalter die Testfrequenz nach Turnierbeginn auf einen täglichen Rhythmus erhöht. Die EHF verweist auf Anfrage darauf, dass das EM-Hygienekonzept ein "Living Document" sei, also immer wieder aktualisiert werden könne. Aktuell seien aber keine weiteren Anpassungen geplant.

Welches gesundheitliche Risiko geimpfte Sportler eingehen, wenn sie mit einer unentdeckten Infektion spielen, sei noch nicht abschätzbar, sagt Sportmediziner Bloch. "Grundsätzlich sollte kein Sportler mit einer Infektion spielen. Neue Daten zeigen, dass es auch bei Geimpften meist Symptome bei Infektion mit Omikron gibt, die Symptome halten auch meist eine Woche an. Wir haben jedoch keine Studien mit Sportlern."

Der Deutsche Handballbund erklärt auf Sportschau-Anfrage, man sei mit dem Hygienekonzept einverstanden und vertraue auf die Expertise und Erfahrung der Veranstalter.

Regeln für Nachnominierungen gelockert

Die EHF hat sich für mögliche Corona-Ausbrüche während des Turniers insofern gerüstet, dass sie die Nachnominierungsregeln gelockert hat. Die Teams dürfen im 20-köpfigen Turnierkader in der Vor-, Haupt- und Finalrunde jeweils zwei Wechsel vornehmen, also insgesamt sechs. Wechsel wegen Coronainfektionen belasten dieses Kontingent nicht. Außerdem können die Teams jetzt in Ausnahmefällen auch Spieler nachnominieren, die nicht auf der offiziellen 35-köpfigen Gesamtkaderliste stehen.

So stehen die Chancen gut, dass genug gesunde Spieler zur Verfügung stehen, um das Turnier zu Ende zu spielen. Allerdings besteht auch die Gefahr, dass die Corona-Problematik das Sportliche bis zum Finaltag überschattet.

Alfred Gislason plant langfristig Sportschau 21.12.2021 00:36 Min. Verfügbar bis 21.12.2022 Das Erste

Stand: 07.01.2022, 16:55

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