Tiger Woods - gelegentlich Weltklasse

Tiger Woods bei dem BMW Championship

Golf-Altmeister

Tiger Woods - gelegentlich Weltklasse

Von Jan Wochner

Der Altmeister des Golfs startet heute in der Nähe von Chicago in das vorletzte Playoff-Turnier beim Saisonfinale. Um die Qualifikation für das Finalturnier noch zu schaffen, braucht Woods eine Top-Platzierung. In den USA wird aber längst diskutiert, ob Woods überhaupt noch das Zeug für konstante Leistungen auf Weltklasseniveau hat.

Es ist dieser ganz spezielle Blick: Durchdringend, weil sich seine Augen nur in Zeitlupe zu bewegen scheinen. Ein Lächeln sieht man dann nur ganz selten. In diesen Momenten wirkt er voll fokussiert auf sein Ziel. Wenn Tiger Woods es spürt, dann legt er diesen ganz speziellen Blick auf. Wenn er spürt, dass er so gut spielt, wie er spielen kann. Dass er auf Weltklasseniveau spielt.

Am vergangenen Sonntag legte Woods seinen besonderen Blick wieder auf. Auf seiner Schlussrunde, die er mit vier Birdies in Folge begann. Es sind diese Momente, in denen Woods Golf mit einer Leichtigkeit spielt, die bis heute von Millionen Fans weltweit bewundert wird. Nur gibt es diese Momente immer seltener. Längst gibt es unter Golf-Fans Debatten, ob Woods überhaupt noch zur absoluten Weltspitze seines Sports zu zählen ist.

Woods spielt seine beste Runde in diesem Jahr

Am Ende seiner Runde am vergangenen Sonntag stand jedenfalls das beste Tagesergebnis für Woods in diesem Jahr. Als Lohn gab’s das Ticket für das zweite Playoff-Turnier beim PGA-Saisonfinale. "Ich hatte das Gefühl, den Ball wieder besser zu treffen", sagte Woods. "Ich wünschte mir nur, ich hätte insgesamt etwas besser abgeschnitten." Woods hatte zuvor drei Tage nur mäßig gespielt. Wie so oft in diesem Jahr.

Den Sprung zum zweiten Playoff-Turnier hat er seinem starken Schlussspurt zu verdanken. Auf dem extrem herausfordernden Olympia Fields Country Club nahe Chicago treffen ab heute die erfolgreichsten 70 Golfer der laufenden Saison aufeinander. Nur die besten 30 dürfen zum Saisonfinale in Atlanta weiterreisen. Woods liegt auf Rang 57, braucht also vermutlich eine Top-5-Platzierung an diesem Wochenende, um unter die besten 30 vorrücken zu können.

Die Annäherungsschläge als Woods große Stärke

Dass Woods es noch kann, hat er vergangenen Sonntag wieder einmal bewiesen. Sein Gefühl für den Ball kann an guten Tagen nach wie vor Weltspitze sein. Am Sonntag schlug nur ein Konkurrent besser ab als er. Bei den folgenden Annäherungsschlägen ans Loch war Woods sogar der Beste. Wie rund um die Jahrtausendwende, als Woods die internationale Golfszene fast nach Belieben dominierte und mit seinem athletischen Stil auf ein neues Level hob. 

Woods will Körper an Belastungsgrenze führen

Hinter Woods liegt aber auch ein Absturz mit zahlreichen privaten Eskapaden und mehr als einem halben Dutzend Operationen an Rücken und Knie. Sein Comeback, gekrönt mit dem Gewinn des Masters im vergangenen Jahr, war filmreif. Nur seit seinem viel beachteten Major-Sieg in 2019 hat Woods mit extremen Leistungsschwankungen zu kämpfen. Nicht wenige machen dafür seinen geschundenen Körper verantwortlich. 

Ausdauer und Fitness trainiert

"Mein Körper fühlt sich gut an", sagt Woods selbst, doch auch er weiß, dass er ihn in diesen Tagen an die Grenze seiner Belastungsfähigkeit führen wird. Woods plant die Teilnahme an vier Turnieren binnen fünf Wochen. So viel in so kurzer Zeit hat er seit seinem Comeback nicht mehr gespielt: "Ich weiß, dass da viel auf mich zukommt, aber ich habe im Training viel daran gearbeitet, meine Ausdauer und Fitness auszubauen."

Konkurrenz an der Weltspitze ist deutlich jünger

Trotzdem bleiben Zweifel: Woods’ bestes Ergebnis bei einem Turnier in diesem Jahr ist der geteilte 37. Platz bei der PGA Championship gewesen. Seit Wochen offenbart der 15-fache Major-Gewinner beim Putten ungewohnte Schwächen. Viele werten das als ein Zeichen von fehlender Konzentration, möglicherweise als Folge von fehlender Fitness.

"Es kommt darauf an, in den entscheidenen Momenten gut zu spielen", erklärt Woods. Allerdings ist das Gedränge an der Weltspitze im Golf viel dichter als noch zu Woods Blütezeit. Und viele der Topfavoriten auf den Sieg beim Tourfinale, wie die US-Amerikaner Justin Thomas (27 Jahre), Collin Morikawa (23), Bryson DeChambeau (26) und Dustin Johnson (36/Weltranglistenerster) sind außerdem auch deutlich jünger und ausdauernder als Woods (44 Jahre). 

Woods hat keine Zweifel

"Ich brauche eine großartige Woche, muss mir mein Ticket für das Finalturnier hart verdienen", sagt Woods. Er selbst glaubt fest daran, dass sein Körper ihn nicht im Stich lässt, und dass er es mit der jüngeren Konkurrenz auch auf Strecke noch aufnehmen kann. Sein Plan steht in jedem Fall fest: An diesem Wochenende mit einem sehr guten Ergebnis in die Top 30 aufrücken, dann das Finalturnier spielen, um nach einer Woche Regeneration beim Major-Turnier US Open anzugreifen.

"So wird es ablaufen", stellt Woods voller Überzeugung klar. Zweifel sind dabei in seinen Augen nicht zu erkennen. Woods hat schon längst wieder seinen ganz speziellen Blick aufgelegt.

Stand: 27.08.2020, 08:00

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