Verkehrte Welt zwischen Belgien und Italien

Belgiens Trainer Roberto Martínez (l) und Italiens Trainer Roberto Mancini

Viertelfinale in München

Verkehrte Welt zwischen Belgien und Italien

Von Jörg Strohschein

Früher war klar: Italien spielt vor allem defensiv, die Belgier geben sich stürmisch. Die alte Regel gilt heute nicht mehr. Bei der EURO präsentieren sich beide Teams bisher ganz anders. Auch am Freitag im direkten Duell?

Manche Gewissheit löst sich im Laufe der Zeit auf. Die Brasilianer spielen spätestens seit dem 1:7 gegen Deutschland bei der WM 2014 nicht mehr wie Brasilianer. Die Engländer können plötzlich K.o.-Spiele gewinnen. Und die Italiener spielen plötzlich wie die Belgier - und andersherum.

Das Viertelfinale zwischen der "Squadra Azzurra" und den "Roten Teufeln" am Freitag (21 Uhr, 02.07.2021) in der Münchner Arena steht unter besonderen Vorzeichen. Die Mannschaft von Trainer Roberto Mancini spielt bei diesem EM-Turnier so frisch auf, wie es die Belgier einst unter dem großen Regisseur Enzo Scifo pflegten oder zuletzt bei der WM 2018 in Russland, wo sie am Ende stürmischer Dritter wurden.

Immer in die Spitze, die Tiefe suchend, mit attraktivem, erfrischendem Offensivfußball den Gegner nach und nach zermürben. Ein Spielstil, den sich mittlerweile die Italiener zu eigen gemacht haben.

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Liebt Belgien neuerdings den Catenaccio?

"Wir wollen immer mit möglichst vielen Spielern angreifen", beschrieb Mancini unlängst seine Idee von dem Fußball, den sein Team zeigen soll. Und dass dies nicht nur hohle Phrasen sind, wie sie im Fußball allzu häufig genutzt werden, lässt sich anhand von Zahlen belegen. Die Italiener gaben in den bisherigen vier Partien mehr als doppelt so viele Torschüsse ab (83) wie die Belgier (39). Da fällt es kaum ins Gewicht, dass die "Squadra Azzurra" durch die Verlängerung gegen Österreich 30 Minuten länger spielte.

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Die Belgier dagegen scheinen sich derweil am Catenaccio zu erfreuen, den die Italiener einst über Jahrzehnte in der Weltspitze praktizierten. Resolute Abwehrarbeit wie einst die von Franco Baresi oder Guiseppe Bergomi stand im italienischen Fußball hoch im Kurs - und vorne half der liebe (Fußball-) Gott, der Paolo Rossi oder auch Alessandro Altobelli heißen konnte.

Belgien mogelte sich bei diesem EM-Turnier hingegen gegen Dänemark (bei 7:22 Torschüssen 2:1 gewonnen) und im Achtelfinale gegen Portugal (bei 6:24 Torschüssen 1:0 gewonnen) regelrecht durch. Das erinnert dann doch sehr an das Italien früherer Zeiten.

Italien auf Rekordkurs

Wenig attraktiv, dafür aber effektiv. Die Erfolgsserie der belgischen Mannschaft von Trainer Roberto Martinez kann sich allerdings sehen lassen. Belgien hat keines der vergangenen 13 Länderspiele verloren (elf Siege und zwei Remis). Die einzige Niederlage in den vergangenen 27 Partien gab es am 11. Oktober 2020 in der Nations League - in Wembley gegen England (1:2). 23 wurden gewonnen (bei drei Unentschieden).

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Aber so gut die defensive Spielweise derzeit zu den Belgiern zu passen scheint, nicht weniger ideal erscheint der Stilbruch bei den Italienern. Italien ist mittlerweile seit 31 Länderspielen ungeschlagen und übertraf mit dem Sieg im Achtelfinale gegen Österreich den bisherigen Verbandsrekord aus den 1930er Jahren.

Die letzte Niederlage für die aktuelle Mannschaft gab es am 10. September 2018 in Portugal in der Nations League. Und: Italien hat sogar die vergangenen zwölf Partien alle gewonnen und auch damit einen neuen Rekord aufgestellt.

Verkehrte Welt also am Freitagabend im München? "Es wird ein fantastisches 50:50-Spiel", sagt Belgiens Coach Martinez.

Stand: 01.07.2021, 13:59

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