Keine Menschenrechte in Baku? Kein Problem für den Sport

Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew bei der Eröffnung des Kriegsmuseums in Baku

Baku als Spielort bei der EURO 2020

Keine Menschenrechte in Baku? Kein Problem für den Sport

Von Robert Kempe

Aserbaidschans Präsident Alijew besucht erst ein Kriegsmuseum, dann posiert er mit dem EM-Pokal - eine Trennung von Sport und Politik ist nicht zu erkennen.

Es sind Bilder, die Ilham Alijew, mit Kalkül inszeniert: Ende April hat Aserbaidschans Präsident in Uniform ein Kriegsmuseum in der Hauptstadt Baku besucht. Das Museum zeigt Waffen, Panzer, Helme und Fahrzeuge von armenischen Streitkräften. Im jahrelangen Konflikt mit dem Nachbarn um die Region Bergkarabach, der vergangenes Jahr wieder einmal blutig eskalierte, starben tausende Menschen, noch mehr wurden vertrieben.

Erst das Kriegsmuseum, dann der EM-Pokal

Nur wenige Tage später posierte Aljew, der 2003 seinem Vater als Präsident folgte, mit dem Pokal der Europameisterschaft. Denn Baku ist der östlichste Spielort der EM 2020 Vier Spiele werden in der Stadt am Kaspischen Meer stattfinden, darunter ein Viertelfinale.

Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew mit dem EM-Pokal

Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew mit dem EM-Pokal

Der Spielort gilt als der problematischste der EURO. Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Jahren eklatante Menschenrechtsverletzungen im Land. Der aserbaidschanische Bürgerrechtler Rasul Jafarow ist seit Jahren einer der mutigsten Aktivisten, im Gespräch mit der Sportschau sagt er: "Wir haben systematische Probleme in unserem Land. Die Lage ist weiter besorgniserregend. Vor allem was die Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit betrifft".

Der Sport wird wieder einmal für Politik genutzt

Jafarov rief 2015 die Bewegung "Sport für Bürgerrechte" ins Leben, der 37jährige wurde daraufhin zu sechs Jahren Haft verurteilt, nach einem Jahr kam er frei, ein weiteres Jahr später wurde er begnadigt. Immer noch sitzen mehr als 60 politische Gefangene in Haft, die Anschuldigungen seien in der Regel frei erfunden, erklärt Javarov, Willkür-Justiz sei typisch für sein Land.

Viola von Cramon, Europaabgeordnete der Grünen, kritisiert die UEFA für den Spielort Baku. Sie sei die perfekte Bühne für Aserbaidschans Machthaber: "Präsident Alijew wird das Turnier nutzen, seine Macht weiter zu zementieren und zu legitimieren. Auch wenn das offiziell so aussieht, als habe Sport und Politik nichts miteinander zu tun, wird genau das Gegenteil gemacht." Die Verbindungen zwischen Sport und Aserbaidschan, das in der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 167 von 180 Länder rangiert, sind seit Jahren innig.

Sport-Funktionäre haben kein Problem mit Aserbaidschan

Seit fünf Jahren kommt die Formel-1 regelmäßig nach Aserbaidschan. 2015 fanden in Baku die ersten Europaspiele statt, ein Event mit mehr als 6000 Athleten und zwanzig Sportarten größer als die Olympischen Winterspiele.

Das Stadion bei der Fußball-EM finanziert Socar. Das aserbaidschanische Unternehmen der Petrochemie ist in Staatsbesitz und sponsorte schon die Europameisterschaft 2016 in Frankreich. Den Vierjahresvertrag ließ sich Socar angeblich um die 80 Millionen Euro kosten. Doch das Unternehmen zog sich vor wenigen Wochen plötzlich als Unterstützer der EURO 2020 zurück - still und heimlich.

Die Anfrage zu den Gründen beantwortet die UEFA bisher nicht. Präsident von Socar ist Rovnag Abdullayev, der auch Präsident des aserbaidschanischen Fußballverbandes ist mit besten Verbindungen zu Ilham Alijew.

Stand: 12.06.2021, 14:50

Darstellung: