Ist Baden-Württemberg das Mutterland des deutschen Fußballs?

Collage mit einer historischen Darstellung Heidelbergs und einem alten Ball

Fußball-Geschichte

Ist Baden-Württemberg das Mutterland des deutschen Fußballs?

Neue Quellen lassen vermuten: Fußball wurde in Deutschland zum ersten Mal in Baden-Württemberg gespielt. So stellt ein Zufallsfund die Fußball-Geschichte auf den Kopf.

Braunschweig 1874. Der Lehrer Konrad Koch betritt das Gymnasium. Unter seinem Arm klemmt ein brauner Lederball. Diesen wirft er zwischen seine Schüler und bringt ihnen damit ein englisches Spiel bei, das er aus einem Buch kennt. Dieser Moment gilt als die Geburtsstunde des deutschen Fußballs.

Heidelberg 2020. Der pensionierte Lehrer Lothar Wieser (74) wuchtet einen prallen Ordner auf ein Lesepult der Universitätsbibliothek Heidelberg. Darin: Alte Artikel der Badischen Zeitung. Wieser hofft auf den vergilbten Seiten Texte über einen badischen Revolutionär aus dem 19. Jahrhundert zu finden. Behutsam blättert er durch die brüchigen Papiere. Zufällig überfliegt er einen Text in der Rubrik "Sonstiges":

Daniel Brühl in der Rolle des Konrad Koch im Film "Der ganz grosse Traum"

"Heidelberg 13. März 1873. Das erste englische Fußball-Wettspiel fand am Samstag, den 8. d. (des Monats, Anm. d. Red.), statt zwischen dem Kannstatter und dem hiesigen Fußballclub. Der Sieg blieb jedoch unentschieden, da keine der beiden Parteien in der festgelegten Zeit die vorgeschriebenen Ziele erreichen konnte. (…) Am darauffolgenden Montag fand ein Spiel zwischen Frankfurt und Heidelberg statt."

It‘s coming "heem"

Foto eines Artikels der Badischen Zeitung von 1873. Unter "Sonstiges" wird zum ersten Mal von einem Fußballspiel in Deutschland berichtet. Bei diesem Spiel traf Heidelberg aus ein Team aus Cannstatt.

"Ich war erstmal völlig erstaunt und platt", sagt der Mannheimer Historiker. "Überall geht man von Braunschweig und 1874 aus. Offenbar gab es aber in Süddeutschland mehrere Klubs, die schon früher Fußball gespielt haben!" Seinen Revolutionär vergisst Wieser. Er will mehr über dieses viel zu frühe Fußballspiel wissen.

Er findet heraus, dass Heidelberg im 19. Jahrhundert bei vielen Briten als Reiseziel beliebt war. Reiche Engländer bauten sich dort prachtvolle Residenzen und wohnten zeitweise in der Neckar-Stadt. Derweil besuchten ihre Kinder höhere Bürgerschulen oder Colleges, die nach englischem Vorbild gegründet wurden.

Wiesers Theorie: "Fußball ist mit den Engländern eingesickert, unter anderem in Süddeutschland." Dort zeigten sie den Deutschen ihr Spiel und in den neuen Schulen steckten die englischen Jungen ihre Mitschüler mit dem Fußball-Fieber an.

Ähnlich lief es knapp 90 Kilometer süd-östlich in Cannstatt. Damals eigenständige Stadt und heute Heimat des VfB Stuttgart. Aus Mangel an Gegnern luden die Heidelberger das Cannstätter Team ein. Die Spieldauer orientierte sich an der Abfahrt des Zuges der Gäste zurück nach Cannstatt.

Lothar Wieser vermutet, dass das Spielgeschehen sehr dem Rugby glich. Doch zum ersten Mal in der Geschichte wurde im damaligen Deutschen Kaiserreich über ein Spiel Namens "Fußball" berichtet.

Sporthistoriker Erik Eggers: "Der erste Nachweis für ein Fußballspiel in Deutschland" 00:18 Min. Verfügbar bis 12.11.2021

Deutsche Fußball-Geschichte muss neu geschrieben werden

"Wir wissen nicht, ob noch irgendwo anders früher gespielt wurde. Dazu fehlen systematische Forschungen", meint der Sporthistoriker Erik Eggers. Aber er bestätigt: "Lothar Wiesers Zufallsfund ist der erste Nachweis für ein Fußballspiel in Deutschland." Der Fund belegt: Ein Jahr bevor Konrad Koch seinen Braunschweiger Schülern einen Fußball zeigte, flog dieser schon in Heidelberg über den Platz.

Deshalb findet Eggers, dass "die Fußballgeschichte neu geschrieben werden muss." Sie beginnt in Baden-Württemberg.

Sporthistoriker Erik Eggers: "Die Fußballgeschichte muss neu geschrieben werden" 00:18 Min. Verfügbar bis 12.11.2021

SWR | Stand: 29.09.2021, 14:06

Darstellung: