Wettbewerbsverzerrung? Teilrückkehr der Fans steht bevor

Union Berlin-Fans beim Testspiel gegen den 1. FC Nürnberg im Stadion An der Alten Försterei

Fussball

Wettbewerbsverzerrung? Teilrückkehr der Fans steht bevor

Von Niklas Schenk

Wettbewerbsverzerrung - oder ein wichtiger Zwischenschritt mit Signalwirkung für andere Sportarten? Eine nicht einheitliche Rückkehr der Fans zum Bundesliga-Start wird immer wahrscheinlicher und kontrovers diskutiert.

Es war ein Testspiel mit Signalwirkung: 4500 Zuschauer sahen den 2:1-Sieg von Union Berlin gegen den 1. FC Nürnberg am Samstag (05.09.2020). Unter besonderen Auflagen konnte Union das Stadion an der Alten Försterei zu 20 Prozent auslasten – möglich geworden durch die neue Infektionsschutzverordnung des Bundeslandes Berlin.

Auch Dortmund und Bayern diskutieren über Fans

Sollte das Testspiel sich nicht im Nachhinein noch als Superspreading-Event herausstellen, dürfte es ähnliche Zuschauerzahlen auch beim Berliner Bundesliga-Start gegen Augsburg in zwei Wochen geben. RB Leipzig plant mit 8500 Zuschauern, die Branchenriesen Bayern München und Borussia Dortmund sprechen ebenfalls offen von einer Fan-Teilrückkehr.

Dabei war die Aussage nach der Bund-Länder-Konferenz mit Kanzlerin Angela Merkel Ende August eigentlich klar: Keine Großveranstaltungen bis mindestens Ende Oktober. Doch für die konkrete Umsetzung sind die einzelnen Bundesländer und lokalen Gesundheitsämter selbst zuständig. Was beispielsweise in Leipzig durch die Regeln des Landes Sachsen möglich sein könnte, erscheint etwa in Nordrhein-Westfalen undenkbar.

Zuschauer in den Stadien? Fragen und Antworten Sportschau 03.09.2020 15:42 Min. Verfügbar bis 03.09.2021 Das Erste

Laschet spricht von Wettbewerbsverzerrung

"Natürlich ist das eine Wettbewerbsverzerrung, wenn in einem Stadion 8000 Zuschauer sind und man einen Heimvorteil hat, und in einem anderen spielt man vor leeren Rängen", findet Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet. Da die Vorgaben von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich sind, könnte das tatsächlich eintreten: Dass am 1. Spieltag in Leipzig 8500 Fans sind, während das Stadion in Dortmund fast komplett leer bleibt.

Tatsache ist: Der oft zitierte Heimvorteil schwand nach dem Restart im Mai und Juni tatsächlich. Nur etwas mehr als jedes vierte Heimspiel wurde von den Gastgebern gewonnen, vor Corona (und mit Fans) waren es noch knapp die Hälfte. "Wenn die Fans nicht da sind, ist der klassische Heimvorteil weg", sagte Julian Nagelsmann, der als Trainer von RB Leipzig mit seinem Team im Sommer kein einziges Heimspiel vor leeren Rängen gewann.

DFL hofft auf Fans in den Stadien Tagesschau 03.09.2020 01:31 Min. Verfügbar bis 03.09.2021 Das Erste

Die Bundesliga in der Vorreiterrolle?

Welchen Einfluss die Atmosphäre eines zu einem Fünftel gefüllten Stadions auf den Heimvorteil haben wird, ist noch völlig unklar. Gästefans sollen aber nicht zugelassen werden. DFL-Chef Seifert findet trotzdem: "Wettbewerbsverzerrung ist für mich kein Thema. Das ist viel zu hoch geschossen, davon zu sprechen. Dieser Wettbewerb findet immer noch unter außergewöhnlichen Herausforderungen statt. Jeder Klub sammelt erst einmal Erfahrungen, die uns alle näher daran bringen, Veranstaltungen mit Zuschauern als Teil des täglichen Lebens begreifen zu können."

Die Thematik Wettbewerbsverzerrung hat aber noch eine zweite Seite und zwar die wirtschaftliche: Die finanzielle Bedeutung der Fans nimmt im Fußball zu, je weiter runter es in den Ligen geht. Dynamo Dresden rechnete zu Beginn der Corona-Krise etwa vor, dass Ticketeinnahmen ein Fünftel des Gesamtumsatzes ausmachen. In der 3. Liga machen die Ticketverkäufe durchschnittlich 21 Prozent aus – das ist fast doppelt so viel wie in der Bundesliga. Die TV-Gelder, die im Fußball-Oberhaus den Hauptanteil ausmachen, sind in den Ligen drunter zwar auch wichtig, aber nicht so essentiell wie für einen Bundesligisten.

Beim Eishockey sind Ticketeinnahmen viel wichtiger

Der Fußball sieht sich aber vor Allem als Vorreiter: Es ist das Hauptargument der Fußballfunktionäre. Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge drückt es so aus: "Der Fußball kann ein Beispiel dafür geben, wie wir insgesamt in unserer Gesellschaft die nächsten Schritte in dieser herausfordernden Zeit angehen."

Tatsächlich dürfte nicht nur die Kulturbranche ganz genau auf die Bundesliga-Pläne schauen, sondern auch andere Sportarten. Denn während in der Bundesliga die Ticket-Einnahmen im Schnitt nur 12,9 Prozent des Etats eines Klubs ausmachen, sind es in der Deutschen Eishockey-Liga 32 Prozent oder in der Handball-Bundesliga 26 Prozent. Auch beim Basketball liegt der Anteil mit 20 Prozent deutlich höher.

Söder will einheitliche Pläne ab Oktober

Eine Rückkehr der Zuschauer – für Michael Meeske vom VfL Wolfsburg deshalb ein "Leuchtturmthema für andere Sportarten", aber auch "andere Kultureinrichtungen, für die der Kartenverkauf durchaus noch relevanter sein kann".

Markus Söder, CSU-Chef und bekennender Fußballfan, spricht trotzdem weiterhin von einem "falschen Signal". Er bleibt dabei: "Unser Ziel ist, nach dem Oktober eine Perspektive für Spiele mit Zuschauern zu haben." Es dürfte also weiterhin auch Gegenwind aus der Politik für die Konzepte der Bundesligisten geben. Jedoch zeigt sich im Freistaat exemplarisch, wie Politik und Fußball unabhängig voneinander ihre Pläne verfolgen. Denn der FC Bayern bestätigte am Freitag ein Hygienekonzept, das eine Maximalzahl von ungefähr 24.000 Fans in der Arena vorsieht, wenn die Behörden denn zustimmen.

Stand: 06.09.2020, 10:54

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