Melanie Leupolz – die von England schwärmt

Melanie Leupolz

Frauen-Länderspiel

Melanie Leupolz – die von England schwärmt

Von Frank Hellmann

Nicht nur Timo Werner, Kai Havertz oder Antonio Rüdiger stehen beim FC Chelsea unter Vertrag. Mit Melanie Leupolz hat sich auch eine deutsche Nationalspielerin den Blues angeschlossen.

Noch immer lernt die 26-jährige an neuer Wirkungsstätte fast täglich dazu. Wenn die deutsche Nationalspielerin mit den Chelsea-Ladies ein Auswärtsspiel bestritten hat, dann öffnet sie hinterher eine eigene App. Um die Einrichtungen, die Umkleiden oder die Beschaffenheit des Rasens zu bewerten.

Die englischen Vereine und der englische Verband FA wollen herausfinden, woran es im Frauenfußball noch hapert - und wo womöglich schon optimale Bedingungen bestehen. Die in diesem Corona-Sommer auf die Insel gewechselte Leupolz vergibt meist gute Noten. "Ich habe schon einen professionellen Verein erwartet, aber das hat noch mal meine kompletten Erwartungen übertroffen", schwärmte die Mittelfeldspielerin bestens gelaunt auf einer Videopressekonferenz bei der deutschen Nationalmannschaft, die sich derzeit in Wiesbaden auf das Länderspiel gegen England am kommenden Dienstag (27.10.2020, 16 Uhr/ARD) vorbereitet.

"Es wird 360 Grad gedacht"

Allein der Staff in ihrem Verein sei so umfangreich, "dass ich drei Wochen gebraucht habe, um mir alle Namen zu merken." Überdies sei in den Regularien für die Women's Super League (WSL) nicht nur festgehalten, dass alle Spielerinnen hauptberuflich ihren Sport betreiben - Ausnahmen sind nur in begründeten Einzelfällen erlaubt - , sondern auch die Anwesenheit von Physiotherapeuten oder Ärzten sei bei einer Trainingseinheit zwingend.

"Es wird 360 Grad gedacht", erzählt Leupolz. "Es wird jedes Training gefilmt, es werden Statistiken gemacht. Die Trainingssteuerung ist sehr, sehr professionell." Dazu kümmert sich der Klub auch um die Weiterbildung. Die gebürtige Allgäuerin ist beispielsweise dabei, ihren ersten Trainerschein auf "Level 2", hierzulande vergleichbar mit der C-Lizenz, zu machen. "Das finde ich super."

Selbst US-Weltmeisterinnen sind gekommen

Und so scheint es eben nicht nur die großzügige Bezahlung zu sein, die Stars wie die US-Weltmeisterinnen Tobin Heath und Christen Press in das Gastgeberland der nächsten EM gelockt haben. "Es gibt hier eine enorme Qualität, und dadurch sehr interessante, offene Spiele", sagt Leupolz. Ihr Team, beim Saisonabbruch wegen der Pandemie zum Meister erklärt, hat in den ersten vier Spielen zehn Punkte geholt, zuletzt gab es ein 3:1 im Spitzenspiel gegen Manchester City, zum Auftakt ein 1:1 bei Manchester United. Gegner mit "coolen Namen", wie der Neuzugang findet.

Die intelligente Führungspersönlichkeit, die in Deutschland parallel zum Fußball noch Wirtschaftsphilosophie, Leadership und Management studiert hat, hatte sich den Schritt reiflich überlegt. Die Entscheidung sei keine gegen den FC Bayern, sondern für den FC Chelsea gewesen, sagt sie gerne, doch dahinter steckt mehr: Nicht nur einmal forderte sie mehr Wertschätzung für den Frauenfußball in einem Verein wie dem FC Bayern ein, der sein Champions-League-Halbfinale gegen den FC Barcelona 2019 beispielsweise auf dem Campus in einem Mini-Stadion austrug, während andere Vereine in Europa für die Topspiele längst die großen Arenen der Männer bespielten.

Keine Berührungspunkte mit den Männern

Die Chelsea-Ladies bestreiten ihre Heimspiel im Kingsmeadow im Stadtteil Kingston upon Thames. Die knapp 5.000 Plätze seien im Normalfall regelmäßig belegt, erzählt Leupolz, aber in Corona-Zeiten können keine Fans kommen. Auch für sie selbst ist größte Vorsicht angesagt: "Wir dürfen uns nur in unserer Blase aufhalten."

Berührungspunkte gebe es nicht mal mit den deutschen Nationalspielern Antonio Rüdiger, Timo Werner und Kai Havertz. "Wir sehen sie zwar, wenn sie neben uns trainieren, aber wir sind strikt getrennt. Die Männer hatten auch schon einige Corona-Fälle, da will man mit ihnen vielleicht gar nicht Kontakt haben", sagt sie und lacht.

Lobreden als Warnsignal

Ihre Lobreden auf den englischen Frauenfußball müssen auch als Warnung für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und speziell die Frauen-Bundesliga verstanden werden, wenn 50 Jahre nach Aufhebung des Frauenfußballverbots - das Datum jährt sich am 31. Oktober - die Phase der Stagnation endlich beendet werden soll.

Eine Hilfe könnte dabei die gemeinsame Bewerbung mit den Niederlanden und Belgien um die Frauen-WM 2027 sein. "Das könnte für den Frauenfußball einen enormen Hype geben und man könnte auch als Liga wieder Attraktivität gewinnen", glaubt die 68-fache Nationalspielerin, die bei der Frauen-WM 2019 nicht die dominante Figur war, die ihr Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg eigentlich zugedacht hatte.

Hauptrolle im Werbespot von 2019

Aber darüber redet sie ausnahmsweise nicht so gern. "Ich versuche, mich nicht zu wichtig zu nehmen. Ich will mich einfach in jedem Spiel, in jedem Training von meiner besten Seite zeigen. Ich fühle micht gut und frisch." Pragmatisch, zumal im zentralen Mittelfeld mit Dzsenifer Marozsan (Olympique Lyon), Sara Däbritz (Paris St. Germain) und Lina Magull (FC Bayern) die Konkurrenz bei den DFB-Frauen gemeinhin besonders hochwertig ist.

Übrigens spielte Leupolz in dem legendären Werbespot vor der WM 2019 ("Wir brauchen keine Eier - wir haben Pferdeschwänze") zusammen mit Kapitänin Alexandra Popp und Taktgeberin Marozsan noch eine Hauptrolle. Sie war nämlich diejenige, die acht Finger für acht gewonnene EM-Titel in die Luft reckte - nachdem es zuvor in dem Spot in Anspielung auf deutsche Ignoranz gegenüber dem Frauenfußball geheißen hatte: "Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt."

Stand: 23.10.2020, 10:41

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