Fußball | Frauen-DFB-Pokalfinale DFB-Pokalfinale: Die Lehrstunde des VfL Wolfsburg

Stand: 29.05.2022 11:40 Uhr

Der VfL Wolfsburg thront im deutschen Frauenfußball weit über dem Rest. Das DFB-Pokalfinale gegen Turbine Potsdam wird zur nächsten Demonstration der Stärke. Die Analyse.

Von Frank Hellmann

Es war kurz vor 19 Uhr, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier behutsam die Silberware im Kölner Freudentempel überreichte. Svenja Huth, Almuth Schult und Alexandra Popp, die Führungstroika vom Seriensieger VfL Wolfsburg, nahm im inzwischen geübten Gleichklang mit dem DFB-Pokal eine Trophäe entgegen, die beinahe in Endlosschleife nach Niedersachsen wandert.

Mit einem ungefährdeten 4:0 (3:0) gegen Turbine Potsdam krönten sich die "Wölfinnen" zum achten Mal in Folge und zum neunten Mal zum Pokalsieger. Die VfL-Fußballerinnen stehen nun auf einer Stufe mit dem bisherigen Rekordpokalsieger 1. FFC Frankfurt. "Alle Neune!" stand dann auch in grüner Leuchtschrift auf den Sieger-T-Shirts.

Das Double erfreut vor allem auch Almuth Schult

Wie Torhüterin Almuth Schult frohgemut bei einer Flasche Bier auf der Pressekonferenz verriet, ist inzwischen genauso obligatorisch, dass anschließend der Cup im Entmüdungsbecken badet oder der von Mitspielerin Popp mitgebrachte Melonenschnaps ihres Stamm-Italieners getrunken wird. Trotz derlei Ausgelassenheit analysierte die weit weniger emotional als bei der Meisterfeier wirkende Wortführerin noch recht nüchtern ihre perfekte Abschiedssaison: "Vor der Saison hätten nicht viele gedacht, das wir das Double holen. Wir haben im letzten Spiel wieder gezeigt, was uns ausgezeichnet hat."

Es ist die Mixtur aus mentaler Stärke, körperlicher Überlegenheit, aber auch einer individuellen Qualität, die außer dem FC Bayern kein Verein im deutschen Frauenfußball aufbieten kann. Doch während die Münchner in allen Wettbewerben ihre Ziele verfehlten – und sich von Trainer Jens Scheuer getrennt haben – schwebte der VfL Wolfsburg speziell in der Rückrunde über dem Rest.

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Ralf Kellermann ist der Macher am Mittellandkanal

Schults Erklärung: "Den VfL Wolfsburg zeichnet seit Jahren ein unglaublicher Ehrgeiz aus. Wir haben seit Jahren aber auch die fitteste Mannschaft, können viele Bälle durch läuferische Qualitäten erobern – und dazu kommt die spielerische Komponente, die sich dann im Laufe der Zeit findet."

Für die in die USA zu Angel City FC wechselnde 31-Jährige steht fest, dass es dem Sportlichen Leiter Ralf Kellermann überdies gelinge, "die richtigen Charaktere zu verpflichten – das ist eine hohe Kunst." Kellermann sei "der Macher", der erst als Trainer, nun als Manager erst diese umfangreiche Titelsammlung möglich gemacht habe.

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Tommy Stroot macht als Schlüsselerlebnis den Sieg gegen den FC Chelsea aus

Die Kölner Stadionregie hatte unmittelbar nach Schlusspfiff den passenden Song parat gehabt: "Für die Iwigkeit" von "Räuber". Später schepperte das ganze Potpourri an kölschen Stimmungsliedern aus den Lautsprechern. Die Domstadt hat seit 2015 keine anderen Fußballerinnen beim Feiern im Konfettiregen erlebt.

"Das fühlt sich für mich besonders an", sagte Cheftrainer Tommy Stroot, "wir haben das extrem genossen." Der von Schult mit einer Bierdusche überraschte 33-Jährige gab zu: "Ich habe nicht erwartet, dass wir in einem Jahr des Umbruchs so viel erreichen. Wir sind in der Rückrunde in einen Flow reingekommen." Für ihn erwies sich rückblickend das Weiterkommen in der Champions League gegen den FC Chelsea (4:0)  Mitte Dezember als Schlüsselerlebnis, um erfolgreich an einigen Stellschrauben zu drehen.

Lob gibt es auch von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg

So formte der inzwischen bis 2025 gebundene Stroot mit Hilfe seiner Assistentinnen Kim Kulig und Sabrina Eckhoff ein VfL-Ensemble, das bis auf eine Ausnahme – dem mit 1:5 verlorenen Champions-League-Halbfinale beim FC Barcelona – wie auf Knopfdruck funktionierte. "Man sieht, dass sie noch mehr Überzeugung entwickeln", lobte auch die mit ihrem kompletten Trainerstab anwesende Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg.

Dem VfL waren die wenigsten Vorwürfe zu machen, dass dieses Finale vor 17.531 Zuschauern fast unspektakulär verlief. Mit zwei Kopfballtoren stellte die lange verletzte Ewa Payor früh die Weichen auf Sieg (11. Minute und 32.). "Es ist eine wunderschöne Geschichte, die schreiben wir weiter. Wir haben viel Spaß auf dem Platz und große Qualitäten im Kader", sagte die polnische Ausnahmestürmerin mit dem besonderen Strafrauminstinkt. Jill Roord nach einem Abwehrfehler von Anna Gerhardt (42.) und Dominique Janssen mit einem abgefälschten Freistoß (70.) legten in dem einseitigen Finale nach.

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Ende der Dominanz zeichnet sich nicht ab – im Gegenteil

Potsdams Trainer Sofian Chahed hatte den Gegner zuvor "komplett in einer anderen Liga" verortet – und konnte sich nun bestätigt fühlen. "Es war David gegen Goliath", erklärte der 39-Jährige, "wenn ich sehe, wer bei Wolfsburg auf der Bank gesessen hat oder nicht im Kader war - diese Spielerinnen hätten wir alle mit Kusshand genommen." Tatsächlich brachte sein Gegenüber beispielsweise Nationalmannschaftskapitänin Popp erst nach einer Stunde.

Und ein Ende dieser Dominanz zeichnet sich nicht ab: Mit Nationaltorhüterin Merle Frohms (Eintracht Frankfurt), Toptalent Jule Brand (TSG Hoffenheim), Defensivallrounderin Marina Hegering (FC Bayern) oder Verteidigerin Sara Agrez (Turbine Potsdam) sind wichtige Pflöcke bei der Personalplanung schon eingeschlagen. Für den Vizemeister FC Bayern und den erstmals für die Champions League qualifizierten Dritten Eintracht Frankfurt wird es herausfordernd, den Anschluss zu halten. ARD-Expertin Nia Künzer warnte bereits, dass sich bei den Frauen mit dem VfL Wolfsburg ein ähnliches Gefälle wie bei den Männern mit dem FC Bayern ankündigen könnte: "Die Lücke ist einfach zu groß."