Ousmane Dembele im Spiel gegen Polen

FIFA WM 2022 Das sind die Taktik-Trends der WM 2022

Stand: 08.12.2022 20:41 Uhr

Torhüter als Feldspieler, wenig Pressing und immer wichtigere Außenbahnspieler: Die Weltmeisterschaft 2022 in Katar bringt einige Erkenntnisse bei Trends und Taktik.

Eine Weltmeisterschaft ist auch immer eine Bühne für mögliche Trends und Innovationen im Weltfußball. So auch das Turnier 2022 in Katar, wo nach 56 von 64 Spielen einige Entwicklungen offensichtlich sind.

Die WM und ihre Geschichten - ein Zwischenfazit

Sportschau, 06.12.2022 23:00 Uhr

Torhüter als Spielmacher ihrer Teams

So zeigt sich im Golfstaat, dass mitspielende Torhüter immer mehr gefragt sind. Viele Teams setzen auf Keeper als Regisseure, die mit öffnenden Pässen oft schon das Startsignal für eigene Angriffe geben. "Das ist eine große Veränderung", sagte Arsene Wenger zu dieser Entwicklung. Für ihn ist der Brasilianer Alisson ein Prototyp dieses Spielstils.

Die Trainer-Legende leitet die sogenannte Technical Study Group (TSG), die für die FIFA sportliche Trends bei der WM analysiert. Ihr gehören neben Wenger noch Jürgen Klinsmann, Sunday Oliseh, Alberto Zaccheroni, Cha Du-Ri, Faryd Mondragon und Pascal Zuberbühler an.

Auch für Klinsmann nehmen die Keeper zunehmend die Rolle als erster Aufbauspieler ein: "Wir sehen, dass der Torhüter der Spielmacher Nummer eins ist. Er ist das Rückgrat der Mannschaft."

Meikel Schönweitz, als Cheftrainer U-Nationalmannschaften des DFB bis einschließlich der Achtelfinals in Katar, meint indes, dass diese Entwicklung nicht für alle Teams gelte. "Bei den sogenannten kleineren Mannschaften, die erfolgreich waren, hat der Torhüter nicht extrem mitgespielt", sagte er.

Bislang harmlose Standards bei der WM 2022

Ein weiterer Trend in Katar: Es fallen viel weniger Treffer nach Standardsituationen als vor vier Jahren, dafür fallen vermehrt Tore, die über die Außenbahn vorbereitet werden.

Flügelspiel immer wichtiger

Dass das Spiel über Außen bei dieser WM extrem erfolgsversprechend ist, ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der TSG. Wenger ist "überzeugt, dass die Teams mit den besten Flügelspielern die größten Chancen auf den Titel haben". Er verwies etwa auf Titelverteidiger Frankreich, der das Spiel über seine schnellen Außen Kylian Mbappé und Ousmane Dembele als Stilmittel nutze , oder auch auf Brasilien mit Vinicius Junior und Raphinha.

Weltmeister Frankreich feiert Kylian Mbappé, der dem WM-Achtelfinale gegen Polen seinen Stempel aufdrückt: atemberaubendes Tempo, hervorragende Technik, zwei Tore.

Wengers Meinung nach verteidigen die meisten Mannschaften bei der WM 2022 das Zentrum derart gut, dass den Flügelspielern, ob offensiv oder defensiv, eine zunehmend wichtige Rolle zukommt, um eine massive Abwehr zu knacken.

Die Zahlen belegen seine These: Fast zwei Drittel der Angriffe in der Gruppenphase sind demnach über die Flanken gekommen. Dass das Flügelspiel beim aktuellen Turnier eine so große Rolle spielt, sieht auch Schönweitz so, der diese Entwicklung für "auffällig" hält.

Bedeutung von Pressing nimmt ab

Pressing spielt dagegen in Katar nur eine untergeordnete Rolle. "Das findet eher situativ statt, zum Beispiel mit Blick auf ruhende Bälle", erläuterte Schönweitz.

Der 42-Jährige erkennt stattdessen eine wachsende Bedeutung einer Rolle, die er "Spielbeschleuniger" nennt. Dynamik, Positionierung, Passqualität, der richtige Moment des Loslaufens - diese Qualitäten entscheiden Spiele.

Spielqualität steigt durch Auswechslungen

Dass Einwechselspieler das Spielgeschehen massiver als in der Vergangenheit beeinflussen, ist ein weiterer Trend. In Katar sind erstmals fünf, bei Verlängerung sogar sechs Wechsel möglich. Die Matchqualität steigt nach Ansicht der TSG, doch weil oft bis zum Schluss wach verteidigt wird, gibt es weniger späte Tore - trotz längerer Nachspielzeit.

Was sich in Katar ebenfalls zeigt: Viele Torschüsse garantieren keine Treffer. Das musste etwa die deutsche Nationalmannschaft bei ihrem Vorrundenaus erfahren. Sie kam auf die höchste Zahl "erwarteter Tore" ("expected Goals", ein Parameter, der die Wahrscheinlichkeit einer Torchance, die zu einem Tor führen kann, darstellt), gewann aber nur ein Spiel.

Viel bringt nicht immer viel

Damit lag das DFB-Team im Trend. Von 38 Siegen in der Gruppenphase gingen immerhin zwölf auf das Konto der Mannschaften, die weniger oft schossen. Das galt auch für drei Achtelfinals. Nur bei der Hälfte der Spiele gewann das Team mit dem höheren "expected-Goals"-Wert - in der Bundesliga lag die Quote in einem vergleichbaren Zeitraum zuletzt bei 66,6 Prozent.

Durch tatsächliche Innovationen glänzt die WM 2022 in Katar bisher also nicht, eher durch Modifikationen. Jetzt bleibt es spannend zu sehen, ob in den verbleibenden acht Spielen der WM 2022 noch neue Erkenntnisse dazukommen.