Thiago vor Abschied: Unersetzlich für die Bayern 

Thiago küsst den Pokal

Zukunft in München offen

Thiago vor Abschied: Unersetzlich für die Bayern 

Von Jan Wochner

Es könnte sein letztes Spiel für den FC Bayern gewesen sein. Spielmacher Thiago denkt über einen Vereinswechsel nach. Das Champions-League-Finale gegen Paris aber hat gezeigt, dass Thiago im Spiel der Bayern unersetzlich ist.

Er konnte gar nicht genug bekommen. Thiago schnappte sich einen Mitspieler nach dem anderen. Ganz gleich, dass sich der 1,74 Meter große Spanier auf die Zehenspitzen stellen musste, um den baumlangen Niklas Süle zu umarmen. Nach Abpfiff des Finales in Lissabon konnte Thiago seine Gefühle nicht verstecken. Ein Küsschen auf die Wange von Assistenztrainer Hermann Gerland. Dem Linksverteidiger Alphonso Davies hauchte Thiago inmitten der bajuwarischen Feierlichkeiten auf dem Rasen minutenlang ins rechte Ohr.

Verabschiedung auf dem Platz?

Es waren Szenen, die nach Abschied aussahen. Und natürlich herzte Thiago auch seinen Trainer. "Er hat mir gesagt, dass er bleibt", scherzte Hansi Flick später, angesprochen darauf, ob das Finale wirklich Thiagos Abschiedsspiel für die Bayern gewesen sei. Es folgte ein herzliches Lachen von Flick: "Ich habe ihm einfach gedankt für die Zeit, wie jedem anderen Spieler auch", sagte der Bayern-Coach. "Ich weiß es nicht, er weiß es selbst auch noch nicht, weil wir uns alle auf dieses Champions-League-Finale konzentriert haben zu 100 Prozent." Er wolle jetzt abwarten, "was die nächsten Tage ergeben". Der FC Liverpool gilt als größter Interessent für den 29-jährigen Mittelfeldspieler, der seit sieben Jahren bei den Bayern spielt.

Auch im Finale mit Top-Leistung

Seinen Wert für das Spiel der Bayern untermauerte der Spanier im Finale gegen Paris St. Germain eindrucksvoll. Neben dem überragenden Manuel Neuer im Tor war Thiago der herausragende Akteur in einer starken Bayern-Mannschaft. In einem Finale, in dem es beide Mannschaften selten schafften, so etwas wie Laufruhe in ihr Spiel zu bekommen, war Thiago ein Fixpunkt. Ständig anspielbar, immer in Bewegung im Raum zwischen Innenverteidigern und Mittelfeld. Thiagos Stärken wurden im Finale einmal mehr sichtbar, auch wenn in diesem unruhigen Spiel nicht jeder seiner Pässe sein Ziel erreichte.

Thiago leitete Siegtreffer ein

Thiagos Stärke: Mit seiner intuitiven Ballannahme und geschickter Ballmitnahme gelingt es ihm immer wieder, das Pressing des Gegners ins Leere laufen zu lassen. Seine Ballverteilung öffnet Räume, die seinen Mitspielern überhaupt erst die Möglichkeit geben, gefährliche Angriffe zu initiieren. Sein halbhoch geschlagener Diagonalpass durch das gesamte Mittelfeld vor dem Siegtreffer der Bayern ist ein Paradebeispiel. Thiago fordert das Anspiel von Alphonso Davies, dreht sich blitzschnell, ehe der Gegner ihn unter Druck setzen kann. Mit seinem Pass überspielt er fünf Gegenspieler auf einen Schlag. Passempfänger Josuah Kimmich flankt in der Folge auf Coman, dessen Kopfball den Bayern den Sieg bringt.

Voller Einsatz für den Titel - auf und neben dem Platz

"Tatsächlich habe ich schon als Kind eine bestimmte Leichtigkeit gespürt, wenn ich den Ball am Fuß hatte", erklärte Thiago einmal im Interview auf der Homepage der Bayern. "Aber manchmal spüre auch ich die Schwerkraft, die mich auf den Boden zieht", fügte er an. Eine beruhigende Erkenntnis. Wie viel Thiago der Champions-League-Titel mit den Bayern bedeutet, zeigt sich aber nicht nur auf dem Feld. Nach seiner Auswechslung kurz vor dem Ende ist der Spanier auf der Auswechselbank kaum zu bremsen, brüllt lautstark Anweisungen aufs Feld. Es zerreißt ihn förmlich, bis ihn endlich der Abpfiff erlöst. Thiago wollte diesen Titel unbedingt und bekam ihn auch.

Sieben Jahre Bayern mit Höhen und Tiefen

2011 war er schon einmal Champions-League-Sieger mit Barcelona, ohne aber dass Thiago daran entscheidenden Anteil hatte. Er lief nur im bedeutungslosen letzten Gruppenspiel für Barca auf. Zwei Jahre später wechselte er nach München. Mit großen Erwartungen empfangen, verlief seine Zeit in München aber nicht immer reibungslos. In den ersten Jahren wurde Thiago von Verletzungen mehrfach ausgebremst. Als die Bayern in der Folge mehrere Male den Champions-League-Titel verpassen, gerät auch Thiago in die Kritik. Er grätsche zu wenig, spiele zu ballverliebt und riskant, so die Vorwürfe. Und in großen Spielen tauche er ohnehin regelmäßig ab. Thiagos Antwort: "Ich sage dazu gar nichts. Ich spiele."

Thiago ist mehr als ein guter Techniker

Die Kritik ist dabei augenscheinlich unzutreffend. Thiago grätscht sehr wohl. Sein Spiel ist nicht nur durch Leichtigkeit mit dem Ball am Fuß geprägt. Thiago kann auch verteidigen, körperlich dagegenhalten trotz seiner eher geringen Körpergröße. Weil Thiago aber auch ein guter Zweikämpfer ist, funktioniert er im Pressingsystem von Hansi Flick auf der Position im defensiven Mittelfeld so gut. In der abgelaufenen Bundesligasaison brachte es Thiago auf den besten Zweikampfwert aller Mittelfeldspieler (57,8 Prozent).

Mission in München erfüllt?

Nach sieben deutschen Meisterschaften, vier DFB-Pokalsiegen und dem Champions-League-Titel scheint Thiagos Mission in München erfüllt. Sein Wert für die Bayern wird aber jetzt erst so richtig deutlich. Und sollte Thiago tatsächlich München verlassen, wird es für die Bayern schwer, Ersatz zu finden. Josuah Kimmich spielte vor der Verletzung von Benjamin Pavard zwar oft auf der Spielmacherposition im defensiven Mittelfeld, interpretiert die Rolle aber ganz anders und verfügt auch nicht über die Leichtigkeit, die Thiagos Spiel kennzeichnet. Auch Leon Goretzka oder Corentin Tolisso kommen mehr über ihre Athletik denn über Spielwitz.

Thiagos Zukunft ist offen

Das, was Thiago dem Spiel der Bayern gibt, kann aktuell kaum ein anderer Profi in Reihen des Rekordmeisters. Vielleicht werden einige erst erkennen, wie sehr Thiago die Bayern geprägt hat, wenn er wirklich für einen anderen Klub spielt. Eine Entscheidung über seine Zukunft hat Thiago angeblich selbst noch nicht getroffen. Eins ist für ihn aber schon immer klar gewesen: "Ich bin Fan von schönem Fußball. Egal, wo er gespielt wird."

Stand: 24.08.2020, 12:48

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