Bastian Schweinsteiger über Alaba, den BVB und Bielefeld

ARD-Experte Bastian Schweinsteiger spricht über Alaba, den BVB und Bielefeld

Sportschau-Experte

Bastian Schweinsteiger über Alaba, den BVB und Bielefeld

Von Benedikt Brinsa

Zum Start der Bundesliga-Saison spricht Sportschau-Experte Bastian Schweinsteiger über die Vertragsgespräche zwischen dem FC Bayern und David Alaba und die Frage, ob die Meisterschaft diesmal spannender wird.

Sportschau: Bastian Schweinsteiger, die Bundesliga startet in ihre 58. Saison. Verspüren Sie schon Vorfreude?

Schweinsteiger: Wie vor jeder Saison ist die Vorfreude groß. Auch wenn die Umstände ein bisschen anders sind als sonst, freut man sich einfach, dass der Ball wieder rollt, und dass man endlich wieder über die Bundesliga sprechen kann.

Das dominierende Thema derzeit ist die Rückkehr der Fans in die Stadien. Die Politik hat beschlossen, dass die Vereine bis zu 20 Prozent der Kapazitäten nutzen dürfen. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Schweinsteiger: Als Spieler freut man sich über jeden einzelnen Fan, der nach der langen Zeit wieder im Stadion ist. Mit den Fans im Rücken macht es einfach mehr Spaß. Das beeinflusst auch das Spiel.

Wie spannend wird der Kampf um die deutsche Meisterschaft? Wird es ein einsamer Durchmarsch der Bayern zum neunten Titel in Folge?

Schweinsteiger: Klar ist: Die Bayern sind der große Favorit. Es wäre aber super, wenn es mal wieder mehr Spannung geben würde. Das liegt aber auch an den anderen Vereinen, die konstanter werden müssen. 

Neu in München ist Leroy Sané. Gab es zu Ihrer Zeit eigentlich ein Aufnahmeritual für Neuzugänge?

Schweinsteiger: Als ich 2002 zu den Profis gekommen bin, gab es das nicht. Da musste man auf dem Trainingsplatz die Bälle einsammeln und Kisten schleppen. Das gibt es ja nicht mehr. Heutzutage ist es üblich, dass jeder neue Spieler ein Lied singt.

Welches Lied haben Sie gesungen, als Sie 2015 zu Manchester United gewechselt sind?

Schweinsteiger: Da hat es zum Glück gereicht, die Mannschaft zum Abendessen einzuladen.

Wie läuft die Integration neuer Spieler ab?

Schweinsteiger: Als erfahrener Spieler hat man die Pflicht, die Neuzugänge zu integrieren. Wenn man in ein neues Umfeld kommt, ist man manchmal ein bisschen eingeschüchtert und zurückhaltend. Dann rufen viele Spieler nicht ihr ganzes Können ab, weil sie gehemmt sind. Darauf versucht man einzuwirken.

Derzeit wird spekuliert, ob David Alaba bei den Bayern bleibt und seinen Vertrag verlängert. Das Ganze ist durch die Aussage von Uli Hoeneß, der den Berater von Alaba als "geldgierigen Piranha" bezeichnet hat, und der Antwort der Alaba-Seite zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Schweinsteiger: Das Ganze als Schlammschlacht zu bezeichnen, ist vielleicht übertrieben, aber natürlich ist es nie gut, wenn so etwas öffentlich wird. Das kommt auch bei den Fans nicht gut an und ist sowohl für Spieler als auch für den Verein nicht perfekt. David hat sich gerade in der letzten Halbserie sehr, sehr gut entwickelt und als Innenverteidiger einen überragenden Job gemacht. Ich hoffe, dass sich beide Seiten einigen und David Alaba in der Bundesliga bleibt. Davon gehe ich aber auch aus.

Sind solche öffentlichen Aussagen während der Verhandlungen kontraproduktiv oder vielleicht auch hilfreich?

David Alaba bejubelt sein Tor gegen Bayer Leverkusen

David Alaba - seit Jahren eine Stütze beim FC Bayern

Schweinsteiger: Wenn man beim FC Bayern spielt, weiß man, dass es Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge gibt. Man muss davon ausgehen, dass sie sich dazu äußern. Natürlich ist es nicht gut, dass es zu diesem Punkt kommt. Da muss schon einiges vorgefallen sein, das hat man auch bei den Aussagen von Uli Hoeneß gespürt. David ist momentan einer der besten Innenverteidiger weltweit und ich kenne ihn ganz gut. Er ist ein guter Bursche, der immer gewinnen möchte.

Haben Sie David Alaba in letzter Zeit mal angerufen und ihm empfohlen, in München zu bleiben?

Schweinsteiger: Nein, das habe ich nicht. Aber natürlich hatte ich mit ihm Kontakt, gerade in der Zeit, als er die Position gewechselt hat. Er ist ein Spieler, der unheimlich gern Verantwortung tragen will, und die Position des Innenverteidigers hilft ihm da sehr.

Zwischen Champions-League-Finale und Bundesliga-Start liegen keine vier Wochen. Werden Fitness und fehlende Regeneration möglicherweise zum Faktor in dieser Saison?

Schweinsteiger: Dass die Umstände anders sind als in den vorherigen Spielzeiten, ist klar. Aber Bayern München ist intelligent genug und weiß, wie man effizient spielt und richtig regeneriert. Da haben sie Routine und Rhythmus entwickelt. Sie wissen, wie es sich anfühlt, viele Spiele in wenigen Tagen zu haben. Ich denke aber, dass es wichtig sein könnte, in manchen Spielen den Rhythmus ein bisschen zu verändern, um Kräfte zu schonen.

Ist der Kader breit genug?

Dortmunds Trainer Lucien Favre

Dortmunds Trainer Lucien Favre

Schweinsteiger: Ich denke schon. Natürlich kann man immer noch den einen oder anderen Spieler dazuholen, aber grundsätzlich ist der Kader qualitativ sehr gut aufgestellt. Es bringt ja nichts, 25 Spieler zu haben, von denen nur zehn auf einem Weltklasse-Niveau spielen. Bei den Bayern gibt es 17 oder 18 super Spieler. Das ist ganz wichtig, damit man auch regelmäßig rotieren und dennoch die Qualität beibehalten kann.

Werden wie in der vergangenen Spielzeit Dortmund und Leipzig die größten Konkurrenten der Bayern sein?

Schweinsteiger: Auch Leverkusen würde ich noch dazu zählen, obwohl sie mit Kai Havertz und Kevin Volland zwei Schlüsselspieler verloren haben. Bayer hat dennoch unheimlich viel Qualität und ein unfassbares Tempo in der Offensive, allerdings müssen sie das Defensivverhalten verbessern. Bei Leipzig bin ich gespannt, wie sie den Abgang von Timo Werner verkraften werden. Leipzig war sehr stark auch in der Champions League. Können sie das Niveau halten oder sogar noch eine Schippe drauflegen? Sie haben gerade in der Bundesliga viele kleine Fehler gemacht und Punkte gegen Teams aus der unteren Tabellenhälfte liegen lassen. Das ist der Unterschied zu den Bayern, die konstant und kontinuierlich ihre Punkte eingesammelt haben. An diese Konstanz sind Dortmund und Leipzig nicht rangekommen. Hier entscheidet sich die Meisterschaft.

Ist der BVB titelreif?

Schweinsteiger: Das wird sich zeigen. Auch Dortmund muss die Defensive in den Griff bekommen. Dass sie exzellente Offensivkräfte haben, die dem Gegner weh tun können, steht außer Frage. Aber sie müssen als Mannschaft gut verteidigen. Da haben der BVB, Leipzig und Leverkusen noch Mängel im Vergleich zu den Bayern. Wenn sie diese Mängel abschalten, können sie auch mit Sicherheit mit Bayern München mithalten.

Der BVB hat einen Kader mit sehr vielen sehr jungen und starken Spielern wie Jadon Sancho, Erling Haaland, aber auch dem englischen Neuzugang Jude Bellingham von Birmingham City.

Schweinsteiger: Grundsätzlich ist es schön, wenn man einen jungen Kader hat. Im Endeffekt ist es aber entscheidend, ob die Spieler den Erfolg bringen. Sind sie gut oder nicht? Jude Bellingham ist ein riesiges Talent, bei dem man schauen muss, wie schnell er sich in der Bundesliga zurechtfindet. Ich schaue Borussia Dortmund sehr gerne zu, aber manchmal fehlen in entscheidenden Momenten ein paar Prozent.

Lucien Favres Vertrag in Dortmund läuft noch bis 2021. Wird es seine letzte Saison beim BVB?

Schweinsteiger: Das kommt auf den Erfolg der Dortmunder an. Der BVB hat den Drang nach Titeln und kann an einem guten Tag auch die Bayern schlagen. Aber nochmal: Dortmund muss konstant spielen und als Mannschaft gut verteidigen. In den Top-Spielen wird sich zeigen, ob sie sich weiterentwickelt haben oder nicht. Und dann kann man auch die Frage beantworten, ob Lucien Favres Vertrag verlängert wird oder nicht.

Wir bleiben im Revier, blicken aber auf den FC Schalke, der im Eröffnungsspiel bei den Bayern ran muss. In Gelsenkirchen herrscht unheimlich viel Unruhe. Ist Königsblau ein Abstiegskandidat?

Schweinsteiger: Ich hoffe nicht. Schalke 04 ist einfach ein Verein, der nicht in diese Zone gehört. Ich hoffe, dass sie sich fangen und erholen. Vielleicht muss man dort wirklich Step-by-Step denken und versuchen, erstmal ein Spiel zu gewinnen – auch wenn das Spiel gegen die Bayern schon schwierig wird. Sie müssen sich mit anderen Teams messen. Das zu akzeptieren, ist allerdings auch nicht einfach.

Wie werden sich die Aufsteiger Bielefeld und Stuttgart schlagen mit den Bundesliga-Trainer-Novizen Uwe Neuhaus und Pellegrino Matarazzo?

Schweinsteiger: Ich habe in der vergangenen Saison sehr viele Spiele von Arminia Bielefeld gesehen und war sehr angetan von ihrem Spielstil. Mit dem Fußball können sie sicherlich die eine oder andere Mannschaft überrumpeln. Gegen bessere Teams kann man aber nicht immer alles fußballerisch lösen. Stuttgart hat eine sehr junge Mannschaft. Auch wenn sie ein paar erfahrene Spieler haben, werden sie es definitiv nicht leicht haben.

Welche Mannschaft könnte für eine Überraschung sorgen?

Schweinsteiger: Mich würde es überraschen und freuen, wenn es mehr Mannschaften geben würde, die über einen längeren Zeitraum konstant ihre Spiele gewinnen können. Ansonsten ist jede Überraschungsmannschaft willkommen - ob das jetzt Hoffenheim, Frankfurt oder Freiburg ist.

Auf welchen Spieler freuen Sie sich besonders?

Schweinsteiger: Leroy Sané. Die Erwartungshaltung ist sehr hoch. Leroy hat viel Erfahrung auf sehr hohem Niveau gesammelt, auch wenn er bei den absoluten Top-Spielen nicht immer in der Startelf stand. Das wird sich ändern. Bei den Bayern wird er sehr oft von Anfang an spielen.

Die Saison wird sehr lang. Es gibt fast keine Winterpause und am Ende wartet noch die EURO. Kann Deutschland Europameister werden?

Schweinsteiger: Deutschland hat die Möglichkeit, Europameister zu werden, ja. Bis dahin ist aber Gott sei Dank noch viel Zeit, um sich zu verbessern. Dass alles passen muss, ist auch klar, aber Deutschland ist immer bereit, ein Turnier zu gewinnen.

Das Gespräch führte Benedikt Brinsa

Stand: 17.09.2020, 15:31

Darstellung: