Fußball-Bundesliga Rudi Völler: WM alle zwei Jahre - Schnapsidee!

Stand: 27.01.2022 14:50 Uhr

Zum Ende der aktuellen Bundesliga-Saison will Rudi Völler bei Bayer Leverkusen einen Schritt nach hinten treten. Er plant seinen Rücktritt als Geschäftsführer. Im Sportschau-Interview spricht er über seine Karriere als Spieler und Manager, junge Talente und seinen Blick, die WM-Pläne der FIFA und seine eigene Zukunft.

Von Torge Hidding

Sportschau: Sie sind 1994 als Spieler zu Bayer Leverkusen gekommen. Sie waren jetzt insgesamt 23 Jahre, mit Unterbrechungen, bei Bayer. Aber zu einem Titel hat es dort nicht gereicht. Wurmt Sie das?

Völler: Wir waren sicherlich einige Male nah dran, vor allem um die Jahrtausendwende. Und wir sind nicht mal deutscher Meister geworden, obwohl wir zu dem Zeitpunkt mit Sicherheit die beste deutsche Mannschaft waren. Aber das zählt ja nicht. Das hängt uns heute noch ein bisschen nach. Das war sicherlich die Phase, wo wir richtig hätten abräumen können.

Danach musst du dann mit deinen wirtschaftlichen Möglichkeiten gucken, dass du deine Saisonziele erreichst. Vor allem in der Europa League, (…) wäre sicherlich die eine oder andere Runde mehr drin gewesen. Und im Pokal sowieso. Das ärgert mich ein bisschen.

"2002 war es fast nicht möglich, keinen Titel zu gewinnen"

Und die Top-Mannschaft, das war die von 2002?

Völler: Ja, natürlich. Im Jahr 2002 war es fast nicht möglich, keinen Titel zu gewinnen, aber das war der Fluch der guten Tat. Ich sage immer so gerne, wenn du im Viertelfinale hier gegen Liverpool mit Pauken und Trompeten rausgeflogen wärst, wärst du wahrscheinlich locker deutscher Meister geworden, aber es war halt nicht so.

Man darf aber nicht vergessen, dass die Champions League für einen Klub wie Bayer Leverkusen nicht selbstverständlich ist. Und wir haben das oft geschafft die letzten 15 Jahre, und das ist immer ein wichtiges Ziel vor der Saison.

Wie groß sind die Chancen, dass es irgendwann in den nächsten Jahren mal einen Titel gibt?

Völler: Man muss realistisch sein. Ich glaube, in die Champions League zu kommen ist schon schwer genug für uns. Und das ist trotzdem unser Anspruch. Ich habe als aktiver Spieler die zwei größten Titel gewonnen, die man erreichen kann: Ich bin Weltmeister geworden und habe die Champions League gewonnen. Aber natürlich immer in Mannschaften, in denen das auch der Anspruch war, weil wir einfach die besten waren. Aber die Voraussetzung ist, dass du Top-Mitspieler hast. Dann ist alles möglich.

"Das Finale in Rom 1990 war wie ein Heimspiel für mich"

War das Finale bei der WM 1990 ihr Spiel schlechthin?

Völler: Ich vergesse nie die letzten acht Minuten des Spiels, als Andi Brehme den Elfmeter reingeschossen hat. Nach dem 1:0 waren wir uns alle sicher, dass wir gewinnen. Die Argentinier sind in den letzten Minuten gar nicht mehr an den Ball gekommen. Für mich persönlich war das I-Tüpfelchen aber Rom - das war mein Stadion, ich habe da schon viele Jahre gespielt, das war wie ein Heimspiel für mich. Das war ein toller Erfolg!

Mit Werder Bremen haben Sie drei Mal die Vize-Meisterschaft errungen. Ich komme nochmal auf die Schale: Ist das der Punkt, wo Sie sagen, das ist die Unvollendete der Karriere?

Völler: Wenn ich gefragt werde, Herr Völler, Sie sind nie deutscher Meister geworden, dann sage ich, gut, aber dafür habe ich die richtigen Titel gewonnen. Ich glaube schon, dass man nicht immer nur Titel gewinnen muss, um erfolgreich sein zu können.

Rudi Völler mit dem WM Pokal 1990

Sie haben Ihren Lehrmeister in Reiner Calmund gehabt, der dafür bekannt ist, dass er mit allen Wassern gewaschen ist. Wie haben Sie das gemacht? Wie haben Sie Talente von Leverkusen überzeugt?

Völler: Das war für mich wunderbar, dass ich damals 1996 als ich aufgehört habe, mit Reiner Calmund einen Vorgesetzten hatte, dem ich (…) unglaublich gut über die Schulter schauen konnte.

Eine meiner Hauptaufgaben waren Reisen nach Brasilien (...). Da war ich mehr Chefscout als Sportdirektor. Mit Andreas Rettig, der damals noch bei uns im Klub war, sind wir oft nach Brasilien gefolgen und haben versucht, gute Spieler zu verpflichten. Das hat mich weitergebracht (…), auch für diverse Verhandlungen.

"Florian Wirtz wird eine Weltkarriere hinlegen"

Aber wie angelt man sich ein Talent?

Völler: Ende der 90er-Jahre gab es noch kein Internet. Damals hast du die Spieler vorher nicht schauen können. Mittlerweile hast du von jedem, der einigermaßen geradeaus laufen kann, schon ein kleines Video. Das gab es damals nicht. Damals musstest du schon selbst vor Ort scouten. Und dann musst du dich entscheiden, und vor allen Dingen musst du dann etwas schneller sein als andere. Ich glaube (…), wenn mehrere Klubs an einem Talent dran sind, ist vor allem die Geschwindigkeit entscheidend.

Welche Argumente kann Leverkusen ins Feld bringen, die besser sind als die, die Dortmund oder die Bayern haben?

Völler: Bei ganz jungen Spielern haben Klubs wie wir den Vorteil, dass wir die Spieler auch spielen lassen. Bei uns weiß auch jeder Trainer, dass wir jungen Spielern eine Chance geben, wenn sie das Talent haben.

Wer war der beste Spieler, den Sie je verpflichtet haben?

Völler: Den allergrößten Kicker zu benennen ist schwierig. Wir haben Émerson geholt, Ze Roberto, danach kam Michael Ballack, den haben wir aus Kaiserslautern geholt. In den letzten Jahren haben wir Kai Havertz selbst ausgebildet. Jetzt haben wir Florian Wirtz hier, der eine Weltkarriere hinlegen wird, da bin ich mir relativ sicher.

Bayer ist Ihr Verein.

Völler: Ja!

Was hat Bayer, dass Sie hier nicht weg wollten?

Völler: Am Anfang war das gar nicht so geplant. 1994 (…) wollte ich meine Karriere als Spieler in Deutschland beenden. Und dann kam Reiner Calmund nach Marseille. Mit "Cali" habe ich mich sofort super verstanden. Und die haben mich sofort überzeugt, nach Leverkusen zu kommen, und ich habe das nie bereut. Und im Laufe der Jahre habe ich mich dann natürlich auch in den Klub verliebt, das muss man einfach so sagen. Selbst in den Jahren als Teamchef beim DFB habe ich immer hier ein kleines Büro gehabt (…) und war nie so richtig weg.

Warum hat Sie das Leben als Trainer irgendwann nicht mehr gereizt?

Völler: Das war nie meine Idee. Damals schon als ich noch Spieler war, habe ich gerne meinen Managern oder Sportdirektoren über die Schulter geguckt: Ich habe geschaut, wie funktioniert das, wie wird der Vertrag aufgesetzt - das waren Dinge, die mich immer interessiert haben. Jeden Tag auf dem Trainingsplatz zu stehen, das war nicht mein Ding. Das habe ich als Fußballprofi 18 Jahre lang gemacht, das hat gereicht.

Klassischer Kaffee statt Latte Macchiato

Was war früher zu Ihrer Zeit besser als heute?

Völler: Es gab noch kein Internet, noch kein Social Media. Du warst nicht so unter Beobachtung, wie das unsere Jungs heute sind. Ich bin immer noch ein bisschen altmodisch. Ich trauere da noch den 80er- und 90er-Jahren hinterher, weil ich viele Dinge auch überflüssig finde. Diese permanente Überwachung (…), man ist immer unter Druck, dass man eine SMS, die man gerade bekommen hat, auch sofort beantworten muss, oder man muss irgendwas posten, was ich ja sowieso nie mache. Der erste Blick morgens, wenn man wach wird geht auf das Handy (…) - gesund ist das nicht. Und ich bin ehrlich, ich brauche morgens den klassischen deutschen Kaffee. Keinen Latte Macchiato. Ich bin da mehr der normale Kaffeetrinker.

Beneiden Sie oder bedauern Sie die Spieler von heute?

Völler: Es ist meine feste Überzeugung, (…) dass die schönste Zeit natürlich immer die Fußballer-Zeit war. Wenn du aus deinem Hobby (…) deinen Beruf machen kannst, ist es das Schönste, was es gibt im Leben.

"Gegen van Rijkaard wäre ich mit dem Videobeweis nicht vom Platz geflogen"

Rudelbildung beim Spiel Deutschland gegen die Niederlande: Rijkaard hatte Rudi Völler angespuckt

Sie werden ständig auf die Spuck-Attacke durch van Rijkaard angesprochen. Nervt Sie das eigentlich?

Völler: Nein, aber lieber werde ich auf meine Tore angesprochen. Damals bei der Geschichte mit dem Anspucken (…), war für mich der Platzverweis viel schlimmer. Wir reden von der WM – da bist du nicht so oft dabei. Und auf einmal wirst du vom Platz gestellt und wirst sogar noch ein Spiel gesperrt, obwohl du gar nichts gemacht hast. Das war bitter. Der argentinische Schiedsrichter hat diese Entscheidung auch mit ins Grab genommen. Videobeweis-technisch (…) wäre ich damals bestimmt nicht vom Platz geflogen.

Stichwort Videobeweis: Ist der eine Bereicherung für den Fußball?

Völler: Das erste halbe Jahr war es eine Katastrophe. Mittlerweile ist es nicht mehr rückgängig zu machen, und ich finde auch, dass sich im Laufe der Jahre (…) viel verbessert hat. Es gibt viele positive Dinge, gerade Abseitsentscheidungen. Bei dem einen oder anderen Elfmeter kann man noch immer geteilter Meinung sein, vor allen Dingen bei Handspielen. Aber im Laufe der Jahre habe ich mich nicht nur daran gewöhnt, man will es auch nicht mehr missen. Aber auf der Tribüne oben jubele ich nach wie vor erst, wenn der Anstoß des Gegners ausgeführt ist, weil ich dann weiß, jetzt zählt das Tor.

WM alle zwei Jahre? "Schnapsidee!"

Wie stehen Sie zu einer WM alle zwei Jahre?

Völler: Absolute Schnapsidee. Im Grunde haben wir jetzt schon alle zwei Jahre ein großes Event. Die Europameisterschaft ist fast eine kleine WM. Bei einem Modus alle zwei Jahre hättest du jeden Sommer irgendwo eine WM oder EM. Dann wäre es wie beim Eishockey oder beim Handball. Das ist einfach zu viel, und auch der Stress für die Spieler ist dann zu viel. Völlig falscher Ansatz!

Können Sie sich auf die WM in Katar freuen?

Völler: Grundsätzlich, ja, auch wenn es eine sehr besondere WM sein wird. Ich glaube, man hat es im Nachhinein jetzt ganz gut gelöst mit diesem November/Dezember-Termin, ohne dass die Ligen groß darunter leiden. Am Ende ist es eine WM und wir freuen uns darauf.

Im Sommer ist Schluss mit dem Amt als Geschäftsführer Sport. Sind Sie wehmütig?

Völler: Die Entscheidung ist schon seit zwei, drei Jahren bei mir gereift, dass es dann auch irgendwann mal vorbei ist. Ich freue mich aber auch ein bisschen darauf, dass ich danach nicht ganz weg bin hier vom Klub, aber zumindest nicht mehr in dieser für Bayer arbeite.

Anm. d. Red.: Rudi Völler wird nach seinem Ausscheiden aus dem Amt Geschäftsführers Sport dann Mitglied des Gesellschafterausschusses bei Bayer 04 Leverkusen.