Jugend-Spielgemeinschaften - Notnagel gegen die Fußball-Depression

Spieler einer Jugend-Spielgemeinschaft in der Eifel

Fußball-Nachwuchs

Jugend-Spielgemeinschaften - Notnagel gegen die Fußball-Depression

Von Olaf Jansen

Gerade in ländlichen Gebieten landen immer weniger Kinder und Jugendliche beim Fußball. "Jugend-Spielgemeinschaften" sollen den Spielbetrieb aufrecht erhalten. Die Ideal-Lösung ist das nicht.

Jugendfußball liegt Marco Kaisen am Herzen. Seit vielen Jahren engagiert sich der 51-Jährige in der Nachwuchsförderung des TSV Bullay-Alf. Ländliches Gebiet an der Mosel, die benachbarten Gemeinden Bullay und Alf kommen zusammen auf rund 2.500 Einwohner. Der Verein zählt hier was: Für etwa 1.000 Klub-Mitglieder ist er ein wichtiger Fixpunkt im Leben.

Kaisen lebt hier seit 16 Jahren - zugezogen. Er ist damals gleich in den Verein und hat sich engagiert: Hat im Laufe der Jahre von den Kleinsten bis zu den älteren Jahrgängen schon alle trainiert. Kaisen sagt: "Wir haben im Jugendfußball kein demografisches Problem. Es gibt auch hier in der ländlichen Eifel Kinder genug. Nein, unsere Probleme liegen tiefer: Die Kids haben schlicht keine Lust mehr auf Fußball."

JSG: Spieler bleiben Mitglied im Verein, spielen aber in der Zweckgemeinschaft

Weil Kaisen und seine Leute vor einigen Jahren feststellen mussten, dass sie nicht mehr genug Kinder im Training haben, um in allen Jahrgängen komplette Teams bilden zu können, lag ein Ausweg nahe: eine Jugend-Spielgemeinschaft (JSG).

Das Prinzip: Die Kinder bleiben Mitglied in ihrem ursprünglichen Verein, treten im Spielbetrieb aber gemeinsam mit Kindern anderer Vereine als Zweckgemeinschaft an. Der TSV ging eine Kooperation mit dem Nachbarn SV Zell ein. Vor allem in ländlichen Regionalverbänden wie dem Fußballverband Bayern oder Fußballverband Rheinland - zu dem Bullay, Alf und Zell zählen - sind die Jugendligen heute hauptsächlich mit JSGs besetzt.

Die Einrichtung von JSGs empfahl der Deutsche Fußballbund (DFB) verstärkt schon seit 2007. Damals wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die Lösungen gegen den Trend seinerzeit bereits spürbarer Fußball-Müdigkeit bei der Jugend finden sollte.

Bundesweiter Trend: Immer weniger Spieler

Es wurde einem bundesweiten Trend Rechnung getragen - der seither allerdings ungebremst weiterging und lautet: Der DFB verliert zunehmend aktive Mitglieder. Laut der aktuellen DFB-Mitgliederstatistik ging die Gesamt-Anzahl der gemeldeten Mannschaft von 141.000 in der Saison 2016/17 auf 127.500 in der Saison 2020/21 zurück. Die Anzahl aktiver Spieler ging im gleichen Zeitraum von 2,25 Mio auf 1,8 Mio zurück. Die Anzahl jugendlicher Spieler (bis 14 Jahre) sackte von 906.000 auf 735.000 ab.

Entwicklung Anzahl Jugendspieler in Deutschland
Saisonaktive Spieler 15-18 Jahreaktive Spieler bis 14 Jahre
16/17275.541906.542
17/18266.412893.867
18/19255.819881.589
19/20234.081811.512
20/21215.221735.822
Marco Kaisen

"Flexibler werden" - Jugendtrainer Marco Kaisen

Vom Sinn und Zweck solcher JSGs sind eigentlich alle überzeugt. "Geht bei uns gar nicht mehr anders", sagt Jugendtrainer Kaisen. Sein "Boss" im FV Rheinland, Jugend-Verbandschef Peter Lipkowski, stößt ins gleiche Horn, hat aber auch Nachteile festgestellt: "JSGs sind sinnvoll, wenn sie richtig umgesetzt werden. Leider haben es in der Vergangenheit einige übertrieben und der Schuss ist nach hinten losgegangen."

"Strukturen wie bei Profis aufgebaut"

Was Lipkowski meint: Im Bestreben, immer leistungsstärkere Teams ins Rennen schicken zu können, wurden in der Eifel in den letzten Jahren immer größere Spielgemeinschaften gebildet. "Da haben sich teilweise bis zu zwölf Vereine zusammengetan und Strukturen wie bei Profis aufgebaut. Die hatten dann plötzlich zum Beispiel in der D-Jugend-Altersklasse (U13) bis zu fünf Mannschaften im Spielbetrieb. In der D1 waren die Besten, in der D2 die Jüngeren, ab der D3 spielten die Leistungsschwachen." In den "Verlierer-Teams" war es aber schwierig mit der Motivation. Lipkowski: "Da wollte eigentlich keiner spielen, da fand sich auch kaum noch ein Trainer. So gingen dann auch wieder Kinder verloren."

Gemeldete Jugendmannschaften in Deutschland
SaisonMannschaften 15-18 JahreMannschaften bis 14 Jahre
16/1772.42542.407
17/1871.82741.545
18/1968.18340.313
19/2068.30839.656
20/2165.99639.645

Seit ein paar Jahren dürfen sich im FV Rheinland daher nur noch maximal sieben Vereine zu JSGs zusammenschließen. Wer zahlen- und leistungsmäßig mehr will, muss eine anderes Konstrukt wählen: einen sogenannten Jugend-Förderverein (JFV). Hier wird ein ganz neuer Verein gegründet, bei dem die Kinder und Jugendlichen Mitglied werden müssen. Die Stammvereine übergeben ihre Kinder und Jugendlichen in die Obhut und die Verwaltung des Jugendfördervereins und bekommen diese nach ihrer Ausbildung (nach der A-Jugend) zurück. Sie müssen dadurch nicht den Stammverein nicht verlassen.

Jugend-Fördervereine - Ländliche Antwort auf Bundesliga-Nachwuchszentren

So geschehen beispielsweise beim JFV Schieferland. Dort, im Landkreis Cochem, haben sich 2019 gleich 15 Vereine zusammengetan und einen Förderverein mit neunköpfigem Vorstand gegründet. "Wir haben das gemacht, um hier in der Gegend weiterhin nachhaltigen Fußball für die Kinder und Jugendlichen anbieten zu können", erklärt Sprecher Maik Groß.

Spieler eines Jugend-Förderverein in der Eifel

Die Teams der JFV Schieferland spielen in den höchsten Ligen, konkurrieren ganz offen sogar mit den Nachwuchsteams von Profivereinen. "Wir arbeiten in den 1. Mannschaften leistungsorientiert, aber bieten gleichzeitig jedem Kind die Möglichkeit den Fußball als Breitensport ausüben zu können. Dadurch bekommen wir im Jugendfußball auch die nötige finanzielle Unterstützung von den umliegenden Unternehmen", so Groß.

Für Marco Kaisen und seine Leute in Bullay und Umgebung ist ein solches Konstrukt keine Lösung. Sie haben mal versucht, sich ebenfalls mit einem weiteren Verein aus der Nachbarschaft zu vergrößern, haben das Projekt aber nach kurzer Zeit wieder begraben. "Die jahrelang gewachsenen Animositäten zwischen den Nachbargemeinden waren einfach zu groß. Es war eher ein Gegeneinander, als ein Miteinander", erklärt er.

Man stritt sich um Geld, vor allem aber um die Spieler, die nach ihrer Jugendzeit in die Seniorenteams überwechselten. "Ab der A-Jugend haben die beteiligten Vereine gegenseitig versucht, sich die Spieler für ihre Seniorenteams abzuwerben."

"Der DFB hat die Basis nicht genügend geschützt"

In Bullay bleiben sie also lieber klein - und sähen vor allem in einer verbesserten Verbandsarbeit Chancen für den Fortbestand ihrer Jugendabteilung. "Wir brauchen mehr Flexibilität im Verband. Da geht es darum, Spieltage zum Beispiel auch mal freitags stattfinden zu lassen, weil Eltern samstags keine Zeit für das Hobby ihrer Kinder haben", findet Kaisen.

Generell sieht er die Probleme im Fußball-Nachwuchs hauptsächlich in der fortschreitenden Kommerzialisierung des Profifußballs. "Der DFB hat in der Vergangenheit bei weitem nicht genug für die Interessen seiner Basis gekämpft. Die Zersplitterung der Bundesligaspiele über das gesamte Wochenende hat die Amateurvereine viel Interesse gekostet und ihnen finanziell enorm geschadet. Es wäre fundamental wichtig, hier ein Umdenken einzuleiten."

Stand: 08.11.2021, 09:24

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