Hamilton motzt, auch Bottas genervt - Verschwörungstheorien bei Mercedes

Nach dem Großen Preis von Russland

Hamilton motzt, auch Bottas genervt - Verschwörungstheorien bei Mercedes

Von Christian Hornung

Die Plätze eins und drei belegt, souveräne Doppelführung in der Formel-1-WM - trotzdem war die Laune bei Mercedes nach dem Großen Preis von Russland ruiniert. Was steckt hinter dem Frust und den Verschwörungs-Theorien?

Bei Mercedes piept's wohl. Und zwar mehrfach und nicht zu überhören. Schon während des Rennens in Russland sah sich der Weltverband FIA veranlasst, die Wutausbrüche von Lewis Hamilton über seinen Boxenfunk mit den Mercedes-Renningenieuren mit dem nervigen Pieplaut zu übertönen. Besonders das britische Publikum legt laut einer früheren Erklärung des Motorsport-Weltverbandes gesteigerten Wert darauf, junge Menschen nicht unflätigen oder vermeintlich jugendgefährdenden Begriffen auszusetzen - die Formel 1 solle doch Vorbild sein. Für ein damals noch nicht überpieptes "Fuck off, Charlie" musste sich Sebastian Vettel 2016 einmal schriftlich bei Rennleiter Charlie Whiting entschuldigen.

"Sie wollen mich ausbremsen"

Wegen solcher Vorfälle darf das internationale TV-Signal die Wortbeiträge aufgebrachter Rennfahrer nur noch zeitversetzt und nach vorheriger Zensur durch die FIA ausstrahlen. Aufschlussreich können sie trotzdem sein. Hamilton konkretisierte seine Wut über die doppelte Bestrafung in Russland nach seinen unerlaubten Start-Simulationen später sogar mit einer Verschwörungs-Theorie: "Die versuchen alles, um mich auszubremsen", unterstellt er den Ausrichtern des Rennzirkus.

Hamilton weiter: "Ich bin sicher, dass noch nie jemand zwei Fünf-Sekunden-Strafen für etwas so Lächerliches bekommen hat. Ich habe doch niemanden gefährdet!" Auf die Nachfrage, ob er den Vorwurf gegen die FIA bezüglich einer Kampagne gegen ihn ernst meine, antwortete er: "Natürlich."

Bei Bottas steckt mehr dahinter

Nun kann man beim chronisch ehrgeizigen Hamilton vermuten, dass hinter seinen Einlassungen einfach die Unfähigkeit steckt, Strafen und Niederlagen zu akzeptieren. Genau das ist aber auch sein Erfolgsrezept. Dass er auch bei vor dem Russland-Rennen 55 Punkten Vorsprung in der Gesamtwertung immer noch nach jedem Sieg giert und andernfalls persönlich beleidigt ist, zeichnet ihn aus: Der Brite ist das, was man im Radsport einen "Kannibalen" nennt. Auch deshalb wird er am Saisonende ziemlich sicher zum siebten Mal Weltmeister.

Formel 1 - Hamiltons Doppelstrafe beschert Bottas den Sieg Sportschau 27.09.2020 04:03 Min. Verfügbar bis 27.09.2021 Das Erste

Der Einzige, der das in dieser Saison verhindern hätte können (und theoretisch noch kann), ist Valtteri Bottas. Erstaunlicherweise nutzte der Finne seine siegreiche Zieldurchfahrt nicht durch einen langweiligen Jubelausruf oder einen noch langweiligeren Dank an sein tolles Team. Auch er brüllte seinen Frust dergestalt heraus, dass die FIA schon wieder den Pieper anwerfen musste.

Kritik nervt den Finnen

Die Kritiker des Finnen, der nach eigener Aussage nicht mehr nur der Steigbügelhalter für Hamiltons Podiumsbesteigungen sein wollte, bekamen ihr Fett weg. Das ist durchaus interessant. Und auch nur die Fortsetzung der plötzlich deutlich nach außen getragenen Unzufriedenheit von Bottas.

Dass er in dieser Saison immer wieder gravierende Probleme beim Start hatte, scheint ihn ebenso zu nerven wie die fortgesetzte Kritik daran. In Monza war es zuletzt schon einmal aus ihm herausgebrochen. Als ihn sein Ingenieur anwies, aus dem Windschatten von Daniel Ricciardo zu fahren, um den Motor nicht zu überhitzen, rief er patzig: "Mach ich sowieso schon die ganze Zeit!" Dann schimpfte er: "Ich kann mit diesen Motoreneinstellungen nicht fahren. Das ist ein Witz."

Vermutungen nicht ganz abwegig

Bottas' Erklärungen, dass er beispielsweise mit dem Einüben des Startvorgangs bei Mercedes nicht glücklich sei, gingen in eine ähnliche Richtung: Offenbar glaubt auch der Finne irgendwie, dass er ausgebremst wird - allerdings vom eigenen Rennstall. Unter dem Strich ist nicht zu klären, ob die Vermutungen der beiden Fahrer einen realen Hintergrund haben.

Dass es die FIA im Titelkampf gern etwas spannender und Mercedes lieber Hamilton als Bottas als Weltmeister hätte, ist jeweils nicht abwegig. In jedem Fall sorgen aber die Reaktionen der beiden Piloten dafür, dass in eine bislang ausgesprochen langweilige Saison etwas Leben hineinkommt. Auch wenn es manchmal zu oft piept.

Stand: 27.09.2020, 17:06

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