Trotz Ablauf der Sperre Aufarbeitung des russischen Staatsdoping-Skandals geht weiter

Stand: 16.12.2022 16:00 Uhr

Am Samstag (17.12.2022) läuft die Sperre gegen die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA wegen des russischen Staatsdopings aus. Ein Ende der Aufarbeitung ist nicht in Sicht.

Von Hajo Seppelt, Nick Butler und Jörg Mebus

Doping-Cocktails von Mastermind Grigori Rodtschenkow, Austausch von Urin-Proben durch eine Geheimklappe in der Wand, "gelenkt, kontrolliert und überwacht" durch Geheimdienst und Sportministerium: Als Sonderermittler Richard McLaren am 18. Juli 2016 in Toronto seinen Untersuchungsbericht zum russischen Staatsdopingskandal rund um Olympia in Sotschi vorstellte, stand die schockierte Sportwelt für einen Moment still.

Am Samstag, 2.343 Tage später, läuft die vorerst letzte vom Internationalen Sportgerichtshof CAS bestätigte Sperre gegen die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA wegen der Verstrickung in einen der größten Skandale der Sportgeschichte aus. Das düstere Kapitel ist damit aber noch lange nicht beendet.

"Vertrauen extrem niedrig"

"Fakt ist: Das Vertrauen in Russlands Anti-Doping-System ist extrem niedrig, um es noch diplomatisch auszudrücken", sagte Witold Banka, Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, kurz vor dem Ablauf der jüngsten Zweijahressperre gegen die RUSADA. Dieser Samstag soll deshalb nach WADA-Willen ein Tag wie jeder andere sein: "Der Prozess der Wiedereingliederung endet natürlich nicht am 17. Dezember."

Ursprünglich hatte die WADA eine Vierjahressperre verhängt, der CAS die Strafe aber halbiert. In diesem Prozess ging es schon um die Nachwehen des ursprünglichen Staatsdopingskandals: Die Russen hatten der WADA im Zuge der zähen Aufräumarbeiten massenhaft manipulierte Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor übermittelt.

Noch nicht "compliant"

Wegen solcher und zahlreicher weiterer russischer Dreistigkeiten und Betrügereien wird die RUSADA mit dem Ablauf der Sperre von der WADA noch nicht wieder offiziell als regelkonform eingestuft. Allein das Fehlen dieses offiziellen Status könnte eine uneingeschränkte Teilnahme russischer Athletinnen und Athleten bei Sportgroßereignissen verhindern - ganz unabhängig von den Sanktionen, die wegen des Angriffskrieges in der Ukraine gegen Russland verhängt worden sind.

Bevor die WADA ihren russischen Ableger für "compliant" erklärt und damit wieder offiziell rehabilitiert, könnte es noch Wochen, wenn nicht Monate dauern. Das "Compliance Review Commitee" der obersten Anti-Doping-Behörde wird nun zunächst überprüfen, ob die RUSADA mehr als ein halbes Dutzend Voraussetzungen für eine Wiedereingliederung erfüllt hat. Dazu gehören etwa die Übermittlung aller Dopingdateien – diesmal unverfälscht - aus dem Moskauer Labor oder die Erstattung von Kosten in Millionenhöhe, die bei der Aufarbeitung des Skandals entstanden sind.

Kaum Druck aus dem Weltsport

Eine ARD-Anfrage, inwieweit Russland diesen Verpflichtungen schon nachgekommen ist, wollte die WADA mit Verweis auf den laufenden Prozess nicht beantworten. Sonderlich viel Druck, der zur Begleichung aller alter Rechnungen animieren könnte, bekommt Moskau aus dem Weltsport ohnehin nicht – im Gegenteil.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Führung des deutschen Präsidenten Thomas Bach bereitet derzeit auf breiter Front die Wiedereingliederung russischer Athletinnen und Athleten in den Weltsport vor, vor allem mit Blick auf die Olympischen Spiele 2024 in Paris - trotz des fortdauernden russischen Angriffskriegs in der Ukraine. Die noch immer nicht aufgearbeitete russische Doping-Vergangenheit scheint für Bach kaum noch der Rede wert. Dabei sind fast 300 russische Doping-Verdachtsfälle noch immer nicht aufgeklärt.

McLaren: Härtere Strafe wäre wirksamer gewesen

Sonderermittler Richard McLaren blickt derweil ernüchtert auf das weltsportpolitische Treiben. "Ich denke, auch das Internationale Olympische Komitee hätte einen Weg finden können, um mit dem Skandal besser umzugehen", sagte er der ARD-Dopingredaktion. Die Strafe wäre wirksamer gewesen, ergänzte er, "wenn sie härter gewesen wäre".

Der kanadische Rechtsprofessor war auch wegen der Enthüllungen aus der ARD-Doku "Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht", ausgestrahlt Ende 2014, von der WADA mit der Aufarbeitung des Skandals beauftragt worden. Noch heute blickt McLaren fassungslos auf die Zeit zurück, in der ihm das Ausmaß der russischen Betrügereien bewusst wurde: "Ich war schockiert."