interview

Zurück auf der Bahn Gina Lückenkemper: "Ich setze mir keine Limits"

Stand: 22.06.2022 18:54 Uhr

Gina Lückenkemper war längere Zeit von der Leichtathletik-Bildfläche verschwunden. Nun ist Deutschlands schnellste Frau zurück - und will bei den Finals in Berlin triumphieren.

sportschau.de: Frau Lückenkemper, im Berliner Olympiastadion stehen "Die Finals" an. Bundestrainer Ronald Stein sagte jüngst, sie seien eine, die im grellen Licht des Wettkampfs erst so richtig in Schwung kommt. Also, genau ihre Bühne?

Gina Lückenkemper: Da kann ich Ronald einfach nur beipflichten. Wettkämpfe machen mir einfach Freude. Für diese Wettkämpfe arbeiten und trainieren wir hart. Wenn es damit losgeht, beginnt eigentlich erst der richtige Spaß.

sportschau.de: Zuletzt sind Sie in Wetzlar in 11,04 Sekunden über die 100 Meter zur WM-Norm gestürmt. Sie waren nur beim EM-Finale 2018 schneller, als sie - ebenfalls in Berlin - in 10,98 Sekunden Silber gewonnen haben. Wie nah sind Sie Ihrer Top-Form?

Lückenkemper: Ich glaube, wir sind sehr nah an der Topform dran. Und es ist ja auch bekannt, dass ich das Berliner Olympiastadion wahnsinnig liebe. Ich habe ja 2018 auch schon gezeigt, dass man in Berlin unfassbar schnelle Zeiten rennen kann. Deshalb bin ich selbst sehr gespannt, was an diesem Wochenende wird.

sportschau.de: Sie haben sich nun eindrucksvoll in der europäischen Spitze zurückgemeldet. Die deutsche Meisterin 2022 über 100 Meter wird und muss also Gina Lückenkemper heißen?

Lückenkemper: Ob das wirklich ein Muss ist, weiß ich nicht. Ich möchte meine Konkurrentinnen auch nicht unterschätzen. Einige haben in dieser Saison noch nicht zeigen können, was sie drauf haben. Ich bin definitiv nicht die Einzige, die an den Start geht, die hart gearbeitet und trainiert hat. Und die in einer Wettkampfatmosphäre aufblühen und über sich hinauswachsen kann. Das können von den anderen Mädels auch einige.

sportschau.de: Inwieweit hat ihre gute Verfassung damit zu tun, dass Sie statt mit dem rechten Bein nun mit dem linken Bein vorne starten?

Lückenkemper: Das ist ein Prozess der im Training stattgefunden hat, der uns bei der Auswertung vom Staffeltraining aufgefallen ist. Ich bin früher tatsächlich immer mit dem linken Bein vorne gestartet. Wir haben das damals mit meinem alten Trainer Uli Kunst zwischen 2016 und 2017 umgestellt, weil es mit dem rechten Bein einfach besser geklappt hat und ich mit links Technikbilder trainiert habe, die wir nicht wollten.

sportschau.de: Was war mit Links denn einfacher?

Lückenkemper: Wenn man die eine Seite trainiert, dann nimmt man die andere Seite immer mit. Scheinbar ist auf der linken Seite der Schalter umgefallen, den wir auf der der anderen Seite immer vermisst und einfach nicht gefunden haben. Jetzt starte ich eben wieder mit links, so schnell kann es gehen.

sportschau.de: Welche Bedeutung hat für Sie im Rückblick ihr Wechsel nach Florida Ende 2019, um dort unter Lance Baumann zu trainieren? Wie erleben Sie die Arbeit vor Ort?

Lückenkemper: Seitdem ich dort bin, habe ich nochmal unfassbar viel über den Sport gelernt und habe nochmal ein ganz anderes Verständnis für meine Arbeit generell. Das Training bei Lance bezieht sich nicht nur auf die Arbeit auf dem Platz. Wir haben jeden Mittwoch die Möglichkeit, bei einem regelmäßigen Meeting über verschiedene Aspekte des Sports zu diskutieren. Da geht es um Technik, Ernährung oder auch Motivation. Das ist wichtig, dass man über solche Sachen auch mal spricht. Da haben sich viele Sachen bei mir verfestigt. Ich fühle mich dort rundum wohl. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe.

Lückenkemper: "Habe unfassbar viel Neues über den Sport gelernt"

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sportschau.de: In der Pandemie-Zeit konnten Sie nicht in die USA reisen, die Sportstätten in Deutschland waren geschlossen. Sie haben alleine im Garten der Nachbarn trainiert, haben sich auch noch eine Muskelverletzung zugezogen. Würden Sie dennoch sagen, das war eine lehrreiche Zeit?

Lückenkemper: Es war eine Zeit, die mir gezeigt hat, wer hinter mir steht und wer wirklich an mich glaubt. Von daher war es eine unheimlich lehrreiche Zeit, in der ich viel über mich und vor allem mein Umfeld gelernt habe. Es war schon sehr angenehm, den Garten der Nachbarn nutzen zu dürfen, um ein bisschen mehr Ruhe in meinem Training zu haben und mich auf mich und mein Training konzentrieren zu können. Davor war ich immer am Kanal in Bamberg mit meinem Gewichtsschlitten unterwegs. Und da sind alle Leute spazieren gegangen und ich habe viele fragende Blicke bekommen, warum ich da langfetze.

sportschau.de: In der Zeit davor mussten Sie sich so gut wie nie mit Verletzungen beschäftigen. Bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 waren Sie in der Folge dann nur noch Ersatzläuferin. Das muss Sie sehr frustriert haben. Wie stand es um Ihre Motivation?

Lückenkemper: Die Muskelfaserrisse sind weg. Natürlich ist so etwas unfassbar frustrierend. Ich bin bis dahin immer von solchen Verletzungen verschont geblieben. Ich habe eigentlich Pech gehabt. Es war nie so, dass ein Übertrainig stattgefunden hat oder das wir dem Körper zu viel zugemutet haben. Irgendwas im Körper hat nicht da gesessen wo es hingehört. Dafür sind die Körper im Leistungssport viel zu sensibel für die Anforderungen und die Power, die wir durch den Körper durchjagen. Im Sprint müssen wir immer 100 Prozent da draufhauen.

Gina Lückenkemper: "Immer 100 draufhauen"

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sportschau.de: Sind Sie mit sich und Ihrem Sport wieder im Reinen - und glücklich?

Lückenkemper: Wenn ich so gut wie in diesem Jahr durchkomme, dann sehen wir auch sofort wieder die entsprechenden Leistungen. Ich würde mich davor nicht als unglücklich bezeichnen. Aber ich bin umso glücklicher, dass alles funktioniert.

sportschau.de: Sie sind die erste deutsche Sprinterin nach Katrin Krabbe, die unter der Elf-Sekunden-Marke bleiben konnte. 2017 und 2018 ist Ihnen das sogar insgesamt drei Mal gelungen. Auf welches Ziel trainieren Sie hin, wo sehen Sie ihr Limit?

Lückenkemper: Das weiß ich nicht. Ich möchte mir kein Limit setzen, weil ich das Gefühl habe, dass ich mich damit selbst limitiere. Ich bin 25 Jahre alt. Wenn man sich die Spitze im Sprint anschaut, dann bin ich noch sehr jung. Das lässt noch auf einiges hoffen und dass da noch einiges kommt.

sportschau.de: Es geht jetzt ganz schnell mit den großen Wettkämpfen: Die WM in Eugene/Oregon (15. bis 24. Juli) und die Heim-EM in München (15. bis 21. August) stehen bald an. Wie sind Ihre Erwartungen, könnte sehr stressig werden?

Lückenkemper: Stressig wird es allemal. Aber die Vorfreude überwiegt. Ich bin einfach gespannt, wo das Ganze hinführen wird.

Das Interview führte Jörg Strohschein