Sexualisierte Gewalt - Studie liefert erstmals Zahlen aus dem Vereinssport

Leere Sporthalle

Online-Befragung unter 4.400 Vereinsmitgliedern

Sexualisierte Gewalt - Studie liefert erstmals Zahlen aus dem Vereinssport

Von Andrea Schültke

Nach der Studie "Safe Sport" zu sexualisierter Gewalt im Leistungssport, gibt es jetzt auch erste Zahlen zum Bereich Vereins- und Breitensport. Fast 4.400 Vereinsmitglieder haben an einer Online-Befragung teilgenommen. Jetzt hat das Forschungsteam aus Wuppertal und Ulm erste Ergebnisse vorgelegt.

"Der Vereinssport ist genauso wie andere gesellschaftliche Bereiche von Gewalt betroffen. Wir können nicht so tun, als sei der Vereinssport ein belästigungsfreier, diskriminierungsfreier, ja ausschließlich schöner Ort“, so Bettina Rulofs. Die Sportsoziologin der Bergischen Universität Wuppertal ist eine der Studienleiterinnen.

Gut zwei Drittel der Befragten hatten angegeben, im Verein mindestens einmal eine Form von sexualisierten Grenzverletzungen, Belästigung und Gewalt erfahren zu haben.

Im Detail bedeutet das:

  • Knapp ein Fünftel hat im Zusammenhang mit dem Vereinssport ungewollte sexuelle Berührungen oder Handlungen erlebt.
  • Von anzüglichen Bemerkungen oder unerwünschten Text- oder Bildnachrichten berichten ein Viertel der Befragten.
  • Sechs von zehn Personen waren im Vereinssport beschimpft oder bedroht, vier von zehn also 37 Prozent gar geschüttelt oder geschlagen worden.

Diese Zahlen klingen auf den ersten Blick alarmierend. Marc Allroggen von der Uniklinik Ulm erläutert, "dass wir eine hohe Überschneidung haben von Gewalterfahrung innerhalb des Sport-Kontextes und gleichzeitig auch außerhalb des Sports-Kontextes." Das bedeutet, Gewalterfahrungen werden im Sport genauso gemacht, wie in den anderen Bereichen der Gesellschaft.

"Gleichzeitig überwiegend gute Erfahrungen im Vereinssport"

Gleichzeitig hatte die Mehrheit der Befragten im Vereinssport den Angaben zufolge überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Auf den ersten Blick scheint das unlogisch. Allroggen erklärt: "Sport hat ja viele positive Aspekte, und von daher ist es möglich, dass diese negativen Erfahrungen in Bezug auf die positiven Erfahrungen im Sport deutlich geringer bewertet werden."

In einer weiteren Teilstudie hatten die Forschenden 300 Sportorganisationen, also Stadt- und Kreissportbünde und Fachverbände zu ihrem Umgang mit dem Thema sexualisierte Gewalt im Sport befragt.

"Von den über 300 Sportverbänden, die wir da befragt haben, gaben fast alle befragten Verbände an, dass sie die Prävention von Gewalt allgemein, aber insbesondere auch die Prävention von sexualisierter Gewalt für relevant halten." Nach Ansicht von Sportsoziologin Rulofs könne das bedeuten, dass die Verbände diese Haltung auch an die Basis, also in die Vereine hineintragen.

Mehr als die Hälfte der Verbände hatte nach eigenen Angaben fundierte Kenntnisse zur Vorbeugung sexualisierter Gewalt. So seien Ansprechpersonen zum Thema benannt und Schulungen würden durchgeführt. Auch Führungszeugnisse würden eingesehen.

Welche Risikofaktoren für Übergriffe in der eigenen Organisation vorhanden sind, haben allerdings nur gut ein Zehntel der Verbände analysiert. Auch Konzepte zur Aufarbeitung von Fällen sind selten vorhanden. Und auch im Umgang mit konkreten Fällen benötigen die Verbände nach eigenen Angaben Unterstützung.

Daten sollen helfen, neue Schutzmaßnahmen zu entwickeln

Das Ziel der Untersuchung ist laut Bettina Rulofs, "durch die vorliegenden Daten die Verbände weiter zu unterstützen, bei ihren Schutzmaßnahmen, bei der Entwicklung von Präventionsmaßnahmen. Das heißt, wir versuchen mithilfe der Erkenntnisse aus der Studie dann noch mal gezielt Vorschläge an den organisierten Sport und auch die Sportpolitik zu richten."

Der Landessportbund NRW hat die Studie "SicherImSport" angestoßen und finanziert. Für den Teil der Onlinebefragung der Vereinsmitglieder hatten sich zehn weitere Landessportbünde angeschlossen. An der Überprüfung ihrer eigenen Präventionsmaßnahmen hatten sich nur insgesamt fünf Landessportbünde beteiligt.

Martin Wonik vom Landessportbund NRW sieht in der Studie einen überfälligen Schritt, "weil uns genauere Erkenntnisse in einem auf dem längst eingeschlagenen Weg enorm weiterbringen können".

Ähnlich bewertet es auch Thomas Härtel vom Landessportbund Berlin : "Wir haben uns als Landessportbund Berlin an der Studie beteiligt, weil wir Transparenz brauchen, um zu wissen, wo wir noch gezielter gegensteuern müssen und welche weiteren Maßnahmen notwendig sind."

Reinhard Rawe aus Niedersachsen erklärte, sein Verband habe sich unter anderem an der Studie beteiligt, um weitere Impulse für die Arbeit am Thema Schutz vor sexualisierter Gewalt zu erhalten.

Das Team um Bettina Rulofs und Marc Allroggen hatte vor fünf Jahren auch Zahlen zu sexualisierter Gewalt im Leistungssport vorgelegt.

"Eine höhere Prävalenz im Leistungssport"

"Wir können jetzt anhand dieser großen Stichprobe von über 4.000 Befragten im Vereinssport sehen, dass solche Gewalterfahrungen, ob sie nun sexualisierte Gewalt betreffen oder auch emotionale Verletzung und Gewalt in beiden Bereichen vorkommen, also im Breitensport wie im Leistungssport. Wir sehen aber eine höhere Prävalenz im Leistungssport", zieht Sportsoziologin Rulofs erste Erkenntnisse aus dem Vergleich beider Erhebungen.

Stand: 04.11.2021, 19:43

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