Bill Belichick und Tom Brady

Patriots gegen Buccaneers in der NFL

Tom Brady gegen Bill Belichick - "Wie beim Barbecue mit geschiedenen Eltern"

Stand: 02.10.2021, 12:48 Uhr

Sie haben gemeinsam in New England eine Dynastie aufgebaut, sechsmal den Super Bowl gewonnen. Im Vorjahr trennten sich die Wege von Bill Belichick und Tom Brady. Nun kommt es zum Wiedersehen.

Von Heiko Oldörp (Boston)

Julian Edelman steckt in einem emotionalen Zwiespalt. Und wie dem ehemaligen Wide Receiver der New England Patriots geht es derzeit vielen Fans des Klubs. Sie müssen sich entscheiden. Am Sonntag (03.10.2021) empfangen die Patriots die Tampa Bay Buccaneers. Zum ersten Mal spielt Tom Brady gegen Bill Belichick. “Das ist, als wenn du als Kind bei einem Familien-Barbecue bist, deine geschiedenen Eltern da sind und du nicht weißt, wie du reagieren sollst”, sagt Edelman.


Seitdem im Mai der NFL-Spielplan veröffentlicht wurde, haben viele in Land und Liga auf diesen Sonntag geschaut. “The Return” (Die Rückkehr) hat der übertragende TV-Sender “NBC” dieses Match betitelt und ein Video auf Twitter veröffentlicht - passend unterlegt mit dem Song “Hello from the other side” von Adele.

 Zwei Alpha-Tiere, eine Erfolgsstory

20 Jahre lang haben Brady und Belichick bei den Patriots NFL-Geschichte geschrieben, sind mit sechs Super Bowl-Siegen die erfolgreichste Quarterback-Coach-Combo der Liga geworden. Zwei Alpha-Tiere, eine Erfolgsstory. Doch wer hat den größeren Anteil an der Patriots-Dynastie? Ist es das System Belichick, durch das Brady zum Quarterback-King wurde? Oder war es eher Brady, der mit seinem Siegeswillen und seinem zuverlässigen Wurfarm Belichick auf den Thron hievte?

Als Brady im Frühjahr 2020 die Patriots verließ und nach Tampa zog, zu dem Klub mit der niedrigsten Siegesquote (39,3 Prozent) in den vier großen nordamerikanischen Topligen, kamen weitere Fragen hinzu: Kann er auch mit einem anderen Team Meister werden - oder Belichick ohne ihn die Patriots zum Titel führen? Die Antwort gab es schneller als erwartet. Brady brauchte nur eine Saison für seinen nächsten Titel.

Brady trifft auf angeschlagenen Belichick

Und deshalb kommt er als Champion zurück ins Gillette Stadium. In jene Arena, in der auf der Südtribüne die sechs Meisterbanner hängen, die er zwischen 2002 und 2019 mit den Patriots gewonnen hat. Der 44-Jährige trifft auf einen angeschlagenen Belichick. Die Patriots haben seit Brady eine Bilanz von 8:11. Sie haben in der Sommerpause 175 Millionen Dollar (NFL-Rekord) für Neuzugänge ausgegeben und trotzdem bereits zwei von drei Saisonspielen verloren. War Brady also dochdie treibende Kraft hinter den Patriots-Erfolgen und Belichick nur Nutznießer?

Seine Bilanz ohne den Quarterback lautet 62:74. Und alle, die zum Spiel fahren, werden sie sehen können. Auf einer großen Werbetafel direkt an der Route 1, der einzigen Straße, die zum Gillette Stadium führt. Ein verärgerter Patriots-Fan hatte die Reklamewand zu Wochenbeginn gekauft und neben der Belichick-Bilanz eine Botschaft schreiben lassen. “The OWL is no longer wise without his GOAT!

Soll heißen: Ohne Brady, der als Greatest Of All Time (GOAT) gilt, habe der vermeintlich so schlaue Belichick seine Weisheit, seine Magie verloren.

Brady startete als Quarterback Nummer vier

Als er am 27. Januar 2000 bei den Patriots unterschrieb, war er nur einer von vielen Trainern in der Liga. Von 1991 bis 1996 hatte Belichick bereits die Cleveland Browns gecoacht - mit mittelmäßigem Erfolg (36:44 Siege). Knapp zweieinhalb Monate nach seinem Amtsantritt in New England traf Belichick dann eine Entscheidung, die ihn zur Trainer-Legende werden lassen sollte. Beim Draft entschied er sich an 199. Stelle für einen gewissen Thomas Edward Patrick Brady. Den kannten bis dahin nur die Football-Nerds der Michigan University, wo Brady vier Jahre gespielt hatte.

Der Neue mit dem noch unaustrainierten Körper war bei den Patriots zunächst nur die Nummer vier unter den Playmakern. Er verfolgte von der Tribüne aus, wie Belichicks erste Patriots-Saison mit 5:11-Siegen endete. Es sollte die letzte Spielzeit mit einer negativen Bilanz bis 2020 bleiben.

Fehlende Wertschätzung führte zur Trennung

Dass Brady trotz der Erfolge die Patriots verließ, führen viele auf die fehlende Wertschätzung von Belichick zurück. Der Trainer ist bekannt dafür, Leistungsträger lieber ein Jahr zu früh gehen zu lassen als ein Jahr zu spät. Bei Brady, der stets betont hatte, mindestens bis 45 spielen zu wollen, lag er damit komplett falsch. Es war der größte Fehler in seiner mehr als 40-jährigen Trainerlaufbahn.

Trotz der Trennung mit Nebengeräuschen gab es im Vorfeld der  Partie nur salbende Sätze der Protagonisten. Belichick sei "ein großartiger Trainer" und "lange Zeit ein bedeutender Mentor für mich" gewesen, ließ Brady wissen. "Tom hat mehr getan als jeder andere Spieler auf seiner Position. Es gibt keinen Quarterback, der schwerer zu verteidigen ist als er", so Belichick.

Wiedersehen zur Prime Time

Das Wiedersehen gibt es zur besten Sendezeit. Noch nie, so war im Online-Portal “The Athletic” zu lesen, habe es in der NFL-Geschichte an einem vierten Spieltag eine wichtigere Partie gegeben. Der Hype ist groß, die Preise sind es ebenso. Das Durchschnittsticket kostet knapp 1.200 Dollar.

Die Rollen sind klar verteilt. Tampa, wo auch Ex-Patriot-Star Rob Gronkowski spielt, ist Favorit. “Ich habe noch viele großartige Fans dort”, betont Brady. "Aber sie wissen, dass ich ihnen diesmal den Hintern versohlen will." Trotzdem werden im Stadion Tausende Fans ihr Patriots-Trikot mit der Rückennummer 12 und der Aufschrift "Brady" tragen.

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