Neue europäische Liga sorgt für Ärger im deutschen Football

 v.l.: Zeljko Karajica Manager und Patrick Esume Commissioner von der ELF und Alexander Rösner (Sportchef ran Hamburg)

European League of Football

Neue europäische Liga sorgt für Ärger im deutschen Football

Von Jannik Schlüter

Am Samstag (19.06.2021) startet die neu gegründete European League of Football (ELF) von Initiator Patrick Esume. Das Ziel: eine europaweite Spitzenliga mit Deutschland als Zugpferd. Doch das Großprojekt sorgt für Krach im deutschen Football - denn hier gibt es schon eine Liga.  

Acht Teams in Europa, davon sechs aus Deutschland: So sieht die neue European League of Football aus, ein Projekt des TV-Experten Patrick Esume. Das Ziel: Den American Football in Europa zu revolutionieren. "Diese Liga wird vom Start die europäische Spitzenliga sein. Nicht nur medial, sondern auch sportlich," so der Liga-Commissioner Esume. Am Samstag feiert die Liga ihre Premiere, für Esume nur der erste Schritt von vielen.

Zusammen mit dem Medienunternehmer Zeljko Karajica als CEO will er den NFL-Hype in Deutschland nutzen und den Sport in ganz Europa groß machen - sehr groß. "Unser Ziel ist es, in spätestens fünf Jahren 24 Teams quer durch Europa aus mindestens zehn europäischen Ländern zu haben. Um damit auch wirklich eine richtige europäische Liga mit ungefähr einer halbe Milliarde Menschen Reichweite zu haben", so Karajica. Doch die neue Liga hat noch einige Baustellen vor sich – und bereits einige hinterlassen.

Die Krux mit der GFL

Am Samstag geht es los – die Breslau Panthers empfangen die Cologne Centurions. Später spielt Stuttgart Surge bei den Barcelona Dragons. Große Städte, große Namen. Das große Problem: In Deutschland gibt es bereits eine Football-Liga: Die German Football League (GFL). Unter dem Dach des American Football Verbands Deutschland (AFVD) wird jedes Jahr der deutsche Meister ausgespielt, dazu gibt es eine Zweite Liga, Amateur- und Jugendligen. Genau das fehlt bei Esumes Revolution.

Axel Streich, Sprecher und Ligavorstand der GFL, beurteilt die neue Liga kritisch: "Das tut dem Football aus unserer Sicht nicht gut. Zumal sich diese Franchises und die Liga insgesamt der vorhandenen Strukturen bedient und für wirtschaftliche Interessen ausnutzt, ohne Kompensation anzubieten."

Zwar beteuert Esume, die Liga kooperiere mit Vereinen in ganz Deutschland und sagt: "Wir haben uns als ELF immer auf die Fahne geschrieben, dass wir den American Football an der Basis unterstützen wollen." Für Axel Streich ist das aber nur Show: "Sie kooperieren mit niederklassigen Vereinen, das ist Placebo. Mit echter Jugendarbeit hat das nicht wirklich etwas zu tun."

Es herrscht Funkstille

Ursprünglich hätten die beiden Ligen miteinander kommuniziert, wie beide profitieren könnten. Mittlerweile herrscht Funkstille. "Man legt keinen Wert darauf, mit uns zu reden", beklagt Streich. Die Folgen bekommt die GFL jetzt zu spüren: Ingolstadt und Hannover sind vom Spielbetrieb abgemeldet, weil sie sich eigentlich der ELF anschließen wollten. Aber auch in der neuen Liga haben sie am Ende keinen Platz gefunden.

Frankfurt und Stuttgart sind zwar spielberechtigt für die GFL-Saison, kämpfen aber mit massivem personellen Aderlass. Weil an den beiden Standorten neue Teams für die ELF gegründet wurden, sind die Spieler heiß begehrt. "Die ganze Mannschaft wurde quasi weggezogen. So wie die Initiatoren vorgehen, das hinterlässt Spuren bei uns", so Streich.

"Der deutsche Football wird kannibalisiert"

Noch drastischer formuliert es Tilman Engel, von 1998 bis 2007 Manager bei Frankfurt Galaxy: "Der existierende deutsche Football wird kannibalisiert. Es werden keine neuen Dinge geschaffen, sondern aus bestehenden Vereinen Teile des Kaders herausgebrochen."

Ein Beispiel: Noch vor zwei Monaten wurde Danny Farley als neuer Quarterback der Frankfurt Universe vorgestellt. Jetzt spielt er für die Cologne Centurions.

Finanziell kann die GFL mit der neuen ELF nicht mithalten – nicht zuletzt deshalb ist die neue Liga reizvoll für viele Spieler. Esume erhofft sich von seinem Projekt aber auch eine Bühne für die Sportler: Das Sprungbrett zur NFL. Tilman Engel ist skeptisch: "Es wird kein neues Niveau erreicht, es sind die gleichen Personen, die gleichen Coaches, die auch schon in der GFL gespielt haben.

Die deutsche Liga aber hat den Football-Hype in den vergangenen Jahren verschlafen. "Dass wir auf europäischer eben Entwicklungspotenzial haben, ist uns bekannt", erklärt Streich. Genau jetzt wollte die GFL eigentlich einen Umbruch wagen. Nun gibt es zwei Ligen. Eine zu viel?

"Es kann nur einen geben"

"Der Markt ist für zwei Ligen dieser Art nicht groß genug, weder für Zuschauer noch Sponsoren. Von der Tradition und der Loyalität kann es perspektivisch nur einen geben - und das wird der deutsche Footballverband sein", sagt Engel.

Für die GFL ist die neue Liga laut Streich sportlich übrigens nur zweitrangig: "Dadurch, dass wir Teil des organisierten Sports sind und ein Deutscher Meister ermittelt wird, ist das für uns keine Konkurrenz. Da wird irgendein Bowl ausgespielt, der aus unserer Sicht nicht wirklich einen Wert hat."

Parallelen zur NFL Europe

Hat die ELF wirklich eine Chance, den Football in Europa zu revolutionieren? Bereits von 1991 bis 2007 gab es eine europaweite Liga: Die NFL Europe. Die Liga war im Gegensatz zur ELF ein Produkt der NFL.

Düsseldorf Rhein Fire (li.) und die Cologne Centurions

Obwohl bei den Spielen der NFL Europe 2007 im Schnitt über 20.000 Zuschauer im Stadion waren und das Endspiel vor ausverkauftem Haus in der Frankfurter Commerzbank-Arena stattfand, wurde die Liga eingestellt. Zu wenig für die Spektakel gewohnten Amerikaner, die sich lieber auf die Vermarktung der eigenen Liga in London konzentrierten.

Ein Schicksal, das auch der ELF droht? Obwohl die ELF als eigenständige Liga funktioniert, hat die NFL Namensrechte an alten Vereinen abgetreten. Deshalb stehen jetzt wieder bekannte Namen auf dem Rasen: Barcelona Dragons, Cologne Centurions, Frankfurt Galaxy, Hamburg Sea Devils und Berlin Thunder. Wie lange diese Duldung allerdings gilt, ist fraglich.

Laut Engel, der als Berater für den German Bowl agiert, hat die NFL eigene Interessen im Sinn: "Diese Duldung ist ein Zwischenprodukt. Es geht nicht um die Footballförderung, sondern darum, neue Märkte zu erschließen für eine neue Franchise in London. Das ist schon lange beabsichtigt, wurde aber wegen Brexit und Pandemie verschoben. Sobald die NFL das schafft, ist das Projekt ELF gestorben."

Stand: 17.06.2021, 17:44

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