Wintersport in Zeiten des Klimawandels

Biathlon-Weltcup in Oberhof 2020: Viel Grün, wenig Weiß

Viele Worte, keine Lösungen

Wintersport in Zeiten des Klimawandels

Von Bernd Eberwein

Wie geht's weiter mit dem Wintersport in einer immer wärmer werdenden Welt? In immer mehr Weltcuporten geht's nicht ohne Kunstschnee, von grünen Wiesen eingesäumte Wettbewerbe bei Plus-Graden sind keine Seltenheit. Klimaschützer protestieren immer lauter, nachhaltiger Wintersport scheint kaum noch möglich.

Es sind durchaus traurige Bilder, die so gar nicht winterlich daher kamen, die am Wochenende auf den Empfangsgeräten der Wintersportfans in aller Welt zu sehen waren. Die Biathleten im thüringischen Oberhof drehten ihre Runden auf einer weißen Schleife inmitten grüner Waldstücke. Auch bei den Langläufern am Elbufer in Dresden war Schnee nur auf der Sprintstrecke zu sehen.

In beiden Fällen wurde ein Großteil des Schnees per Lkw herangekarrt. Der in Oberhof aus Gelsenkirchen, der in Dresden zumindest "nur" vom Flughafen. Fast logisch meldeten sich Naturschützer zu Wort. "Transport von Kunstschnee aus Gelsenkirchen in den Thüringer Wald, das ist angesichts des auch in Thüringen spürbaren dramatischen Klimawandels nicht mehr zu verantworten", wurde beispielsweise Burkhard Vogel, Landesgeschäftsführer des BUND Thüringen, schon Anfang Januar in einer Landesverbandsmitteilung zitiert.

Burkhard Vogel, Landesgeschäftsführer des BUND Thüringen

Burkhard Vogel, Landesgeschäftsführer des BUND Thüringen

Natürlich bemühen sich die Veranstalter von Wintersport-Weltcups, klimaneutral zu handeln. In Dresden wurde bei der Kunstschneeproduktion beispielsweise grüner Strom und Regenwasser verwendet. An den entstehenden CO2-Emissionen bei der Lkw-Anlieferung - und den somit vorhandenen Klimasünden - ändert das freilich nichts.

Aufstieg und Niedergang der "City Events"

Wärmere Temperaturen, ausbleibender Schnee - die Debatte um den Sinn von Wintersport-Veranstaltungen in nicht unbedingt dafür geeigneten Regionen ist nicht neu. In den 10er-Jahren erlebten die "City Events" im Ski-alpin-Weltcup einen Aufschwung. Unter anderem ging es im Münchner Olympiapark zwei Mal um Weltcuppunkte. Drei Mal fiel das Rennen aber auch wegen Schneemangel aus, längst wurde es eingestellt. Zwar wurde damals mehr als die Hälfte des Schnees direkt in München produziert. Der übrige Teil kam aber aus Schneedepots in Reit im Winkl in die bayerische Landeshauptstadt. Schon damals waren solche Weltcups aus Klimasicht diskussionswürdig.

Schneelieferungen nach Oberhof kein Novum

Was in der Öffentlichkeit allerdings meist unterging: Auch Weltcup-Klassiker in traditionsreichen Wintersportorten wie Oberhof leiden nicht erst seit dieser Saison unter Schneemangel und konnten nur nach teilweise wahnwitzigen Schneetransporten durchgeführt werden. Nur ein Beispiel: Anlässlich des Weltcups 2007 sprachen die Oberhofer Veranstalter selbst von "ungefähr 4.000 Kubikmeter Kunstschnee", die "circa 80 Lkw aus Bremerhaven" nach Thüringen brachten. Dagegen sind die 30 Lkw-Ladungen Schnee aus Gelsenkirchen in diesem Jahr - Achtung, Ironie! - geradezu mickrig.

2016 kapitulierten die Veranstalter vor dem Schneemangel, der Weltcup fiel aus. In drei Jahren haben die Veranstalter einen ganz anderen Druck: Da soll die Biathlon-WM in Oberhof stattfinden.

Kunstschnee ist auch keine Lösung

Dauerhaft auf Kunstschnee - der ohnehin sinnvoll erst bei Minus-Temperaturen produziert werden kann - zu setzen, ist keine Lösung. Denn unabhängig von den Transportwegen (sofern nicht direkt am Weltcuport produziert werden kann), ist eine umweltverträgliche Kunstschneeproduktion kaum zu realisieren. Selbst wenn man wie im Alpenraum beim Wasser für die Beschneiung auf Speicherseen zugreift und vermeintlich den Wasserkreislauf nicht stört, lässt sich der Stromverbrauch bei der Produktion nicht wegdiskutieren.

Eine Schneekanone im Einsatz

Eine Schneekanone im Einsatz

Beispiel Österreich: Stromverbrauch wie eine 140.000-Einwohner-Stadt

Im Wintersport-Land Österreich gibt es nach Angaben des österreichischen Alpenvereins rund 23.700 Hektar Pistenflächen für Alpinskifahrer. Knapp 70% dieser Fläche wird künstlich beschneit, das Wasser kommt aus rund 400 Speicherseen. Über die Anzahl der Schneekanonen in Österreich gibt es keine genauen Angaben. Zwischen 19.000 und 20.000 sollen im Einsatz sein.

Nach Angaben der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) fallen pro Jahr und Pisten-Hektar rund 15.000 kWh Stromverbrauch an (Angabe 2018). Dies entspricht - legt man die genannten Hektar- und Beschneiungsprozentzahlen zugrunde - rund 248,9 Millionen kWh jährlich. Oder plakativer ausgedrückt: dem jährlichen Stromverbrauch einer deutschen 140.000-Einwohnerstadt.

Kunstschnee: Befürworter und Gegner

Kunstschneebefürworter argumentieren, dass beispielsweise in Österreich ein hoher Anteil der Stromerzeugung schon auf erneuerbare Energien entfällt, bei der technischen Beschneiung sollen es laut WKO knapp 90% sein. Die Zahl relativiert sich aber, wenn man den gesamten Stromverbrauch der Alpenrepublik betrachtet: Laut Eurostat schrumpft der Anteil genutzter erneuerbarer Energien dann nämlich auf ein Drittel. Zudem führen Kunstschnee-Befürworter gerne die Kausalkette "Mehr Schnee - mehr Touristen - mehr Arbeitsplätze - mehr Wirtschaftskraft" an.

Die Gegner nennen neben der aberwitzigen Energiebilanz, Wasser- und Stromverbrauch auch mögliche Umweltschäden durch Keime in den Speicherseen, chemische Zusatzstoffe und Schäden an Pflanzen und Natur unter Kunstschneedecken als Kontra-Argumente. Künstlicher Schnee ist härter und undurchlässiger als "echter" Schnee, durch die Bearbeitung mit Pistenraupen wird der weiße Untergrund noch fester.

Eine Pistenraupe verarbeitet Schnee aus einem Schneedepot

Eine Pistenraupe verarbeitet Schnee aus einem Schneedepot

Deutscher Skiverband und nachhaltiger Sport

Im Deutschen Skiverband (DSV) nimmt man den Klimawandel ernst, echte Lösungen hat man aber auch nicht zur Hand. "Mit Maß und Ziel, aber ohne dass es in Aktionismus ausartet", müsse man sich ans veränderte Klima anpassen, sagt DSV-Geschäftsführer Stefan Schwarzbach. Im DSV mache man sich "nicht erst seit gestern und nicht erst seit Greta" Gedanken, "wie wir unseren Sport nachhaltig gestalten."

Stefan Schwarzbach, Geschäftsführer und Kommunikationsdirektor des Deutschen Skiverbands

Stefan Schwarzbach, Geschäftsführer und Kommunikationsdirektor des Deutschen Skiverbands

In der Tat: Der DSV bemüht sich zumindest. Ein gemeinsamer Beirat von DSV und Stiftung Sicherheit im Skisport (SIS), der Umweltprobleme analysiert und Empfehlungen abgibt, wurde schon 1985 als eigenständiges Gremium eingeführt. Der DSV-/SIS-Beirat erarbeitete beispielsweise Umweltregeln für den Einsatz von Pistenraupen, sogar abgestimmt mit dem Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte e.V., um etwa Bodenschädigungen unter Kunstschneedecken oder generell Naturschäden durch die wuchtigen Pistenwerkzeuge zu vermeiden.

Skiverband: Einzelfallentscheidungen notwendig

Erwärmung und allgemeinen Klimawandel können aber weder DSV, SIS oder der Beirat verhindern. Wintersport ohne Kunstschnee wird es immer weniger geben. Eher umgekehrt: "Technische Beschneiung ist integraler Teil eines erfolgreichen Konzepts im Schneesporttourismus", schreibt der DSV auf seiner Webseite zu den Folgen des Klimawandels und der Strategie, wie man Wintersport langfristig sichern will: "Dabei muss von Fall zu Fall entschieden werden, ob und wo Beschneiungsanlagen zur Sicherung der Saison nach abzuwägenden ökologischen und ökonomischen Faktoren sinnvoll eingesetzt werden können und wo nicht."

Und diese Vorgabe, originär für den Wintersport-Tourismus, trifft den professionellen Wintersport natürlich genauso: Ökologische und ökonomische Abwägungen sind nötig. Meinen es DSV und die Weltcupveranstalter tatsächlich ernst mit dem Klimaschutz, müssten einige Wintersport-Weltcups in Deutschland recht schnell auf den Prüfstand. Wobei vom Schneemangel nicht nur Weltcuporte in Deutschland betroffen sind.

Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner skizzierte in Oberhof schon mal das sportlich düsterste, aber durchaus realistische Szenario: "Wenn man Weltmeisterschaften und andere Veranstaltungen ausrichten möchte in Regionen, wo es eher dünn mit Schnee ist, und dann diese Klimathematik in den Vordergrund schiebt, müssen wir sagen: Dann machen wir komplett zu."

Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner in Oberhof

Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner in Oberhof

Kirchner brachte in Oberhof zudem noch ein weiteres grundsätzliches Dilemma auf den Punkt: "Auch wenn hier ein Meter Schnee liegt, funktioniert so eine Großveranstaltung nicht klimaneutral. Und da muss man sich grundsätzlich erst mal im Kopf klar sein, was man will."

Vorerst wird aber weiter im Grünen gefahren, gelaufen und gesprungen: Der Weltcup der Skispringer im Schwarzwald in Titisee-Neustadt am kommenden Wochenende kann nur mit Schnee aus Depots durchgeführt werden. Auch dort gibt es aktuell keinen Naturschnee.

Die Hochfirstschanze in Titisee-Neustadt am 9. Januar 2020

Die Hochfirstschanze in Titisee-Neustadt am 9. Januar 2020, eine Woche vor dem Weltcup

beb/dpa/sid | Stand: 12.01.2020, 15:38

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