Tod eines Abfahrers mit Folgen für mehr Sicherheit

Der alpine Skilrennäufer Gernot Reinstadler wird nach seinem Sturz medizinisch versorgt

Vor 30 Jahren starb Gernort Reinstadler auf der Lauberhorn-Abfahrt

Tod eines Abfahrers mit Folgen für mehr Sicherheit

Von Thomas Purschke

Der österreichische Skirennfahrer Gernot Reinstadler stirbt 1991 nach einem fürchterlichen Sturz bei der Qualifikationsabfahrt zum Lauberhornrennen. Der Skiweltverband und die Weltcupveranstalter setzten danach umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen um.

Die Abfahrtsstrecke in Wengen ist mit rund 4.500 Metern die längste im Weltcupzirkus. Die Oberschenkel der Athleten brennen in den letzten Kurven nach zweieinhalb Minuten Fahrtzeit. Jeder noch so kleine Fahrfehler kann da fatale Folgen haben - so wie bei Gernot Reinstadler.

Skispitze verfängt sich im Netz

Vor 30 Jahren, am 18. Januar 1991, passierte im Qualifikationslauf für die schwere Lauberhorn-Abfahrt ein schrecklicher Unfall. Der talentierte 20 Jahre alte Nachwuchsfahrer Reinstadler aus dem Bergdorf Jerzens in Tirol verkantete seine Skier im Ziel-S und flog mit hoher Geschwindigkeit in das grobmaschige Fangnetz, das im steilen Zielhang befestigt war.

Eine Skispitze verfing sich dabei im Netz, was letztlich wegen der großen Krafteinwirkung bei Reinstadler zu einer Beckenspaltung, erheblichen Gefäßverletzungen und hohen Blutverlusten führte. Sein rechtes Bein wurde ihm dabei fast abgerissen.

Schlimmster Unfall in der Geschichte der Lauberhornrennen

Der österreichische Skirennfahrer Gernot Reinstadler wird zu Grabe getragen

Der österreichische Skirennfahrer Gernot Reinstadler wird zu Grabe getragen

Trotz der sofortigen Ersthilfe durch Rettungsärzte, Helikoptertransport und einer sechsstündigen Notoperation mit zahlreichen Bluttransfusionen im Spital in Interlaken erlag der junge Österreicher kurz nach Mitternacht seinen schweren Verletzungen. Das Rennen in Wengen wurde daraufhin abgesagt.

Es ist bis heute der schlimmste Unfall in der 91-jährigen Geschichte der Lauberhornrennen. Reinstadler war der erste und bisher einzige Skirennfahrer, der in Wengen sein Leben verlor, und zugleich das 15. Todesopfer im Skirennsport seit 1959, als die systematische Erfassung begann. Von 1991 bis heute sind noch mehrere Todesfälle hinzugekommen.

Das bislang letzte Todesopfer aus Deutschland im alpinen Skirennsport ist der 17-jährige Nachwuchsfahrer Max Burkhart vom Skiclub Partenkirchen, der am 5. Dezember 2017 bei einem Rennen in Lake Louise in Kanada schwer stürzte und dann in der Folge einen Tag später im Krankenhaus in Calgary verstarb.

Umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen

Der alpine Rennsport ist gefährlich und wird es wohl immer bleiben, da selbst die bestmöglichen Sicherheitskonzepte nicht alle eventuell möglichen Sturzverläufe abfangen können. Doch nach dem schweren Unglück vor 30 Jahren verbesserten die Organisatoren und der Skiweltverband (FIS) ihre Sicherheitskonzepte. Auch auf Druck der Skiindustrie, die einen Imageverlust befürchtete.

Der Zielhang in Wengen, Jahre später auch der Zielsprung auf der berüchtigten Streif in Kitzbühel, wurden entschärft. Es wurden bessere, engmaschigere Fangnetze entwickelt, die ein Einfädeln mit den Skiern verhindern sollen, schnittfeste Abweisplanen aus Kunststoff kamen zum Einsatz.

An besonders gefährlichen Stellen entlang der Weltcup-Rennpisten werden seit Jahren Drei- bis Vierfach-Zäune und auch Spezialmatten und mit Kompressoren aufgeblasene Luftkissen aufgestellt. Für die Schlüsselstellen gibt es die A-Netze, die an Masten hängen und vier Meter hoch sind, um einen Skirennfahrer, der mit über 100 Stundenkilometer stürzt, abbremsen zu können. Die Netze müssen eine gewisse Dehnelastizität haben, dürfen nicht reißen.

Mehr als 1,5 Millionen Schweizer Franken kostet das gesamte verbaute Sicherheitsmaterial, das heutzutage beim Lauberhornrennen in Wengen zum Einsatz kommt. Wegen der stark gestiegenen Corona-Infektionszahlen in dem Ort im Berner Oberland wurden die diesjährigen Rennen kurzfristig abgesagt, nachdem alles schon aufgebaut war.

"Tod unseres Sohnes hat das Leben anderer Athleten gerettet"

Bei FIS-Skirennen für jugendliche Nachwuchskader, die ohne TV-Übertragung und viel weniger Sponsoren stattfinden, ist es für die Veranstalter wegen der hohen Kosten jedoch viel schwieriger, die besten Sicherheitssysteme entlang der Pisten zu installieren. Das Risiko dort ist höher. Aber die 1991 von der FIS getestete Qualifikationsabfahrt in Wengen, bei der die besten 30 Rennfahrer für das Weltcuprennen aussortiert werden sollten, was die Nachwuchsfahrer unter einen besonders großen Leistungsdruck setzte, wurde rasch wieder abgeschafft.

"Es muss eben immer erst was passieren, bevor sich die Menschen Gedanken machen und Dinge verbessern", sagt Traudl Reinstadler (79), die Mutter von Gernot. Sie ist eine starke Frau. Ende Januar begeht sie ihren 80. Geburtstag. Noch immer betreibt sie mit ihrem Mann Adi, der früher Skilehrer ausgebildet hat, sogar zeitweise in Japan und in Australien, im 1.000-Einwohner-Ort Jerzens im Pitztal eine kleine Ferienpension.

"Der Tod unseres Sohnes hat das Leben vieler anderer junger Athleten gerettet. Wenn er damals nicht durch das Fangnetz zerrissen worden wäre, hätten sich die Sicherheitsvorkehrungen bei Abfahrtsrennen nicht so schnell verbessert, und auch die Versicherungsmodalitäten für ÖSV-Kaderathleten wurden danach erst angepasst", sagt Traudl Reinstadler rückblickend.

Kein Prozess gegen die Lauberhorn-Organisatoren

Der alpine Skilrennäufer Gernot Reinstadler wird nach seinem Sturz am 18.01.1991 zu einem Hubschrauber getragen

Der alpine Skilrennäufer Gernot Reinstadler wird nach seinem Sturz am 18.01.1991 zu einem Hubschrauber getragen

Ein paar Jahre nach dem furchtbaren Unglück hat die Familie eine Gedenktafel für ihren Sohn am Zielhaus in Wengen angebracht. Darauf steht: "Gottes Wille kennt kein warum." Mehrmals ist die Familie seither nach Wengen gereist. Es tat jedes Mal weh, doch den dortigen Veranstaltern macht Traudl Reinstadler keine Vorwürfe. "Ein Prozess gegen die Lauberhorn-Organisatoren hätte nichts gebracht und uns den Gernot nicht wieder lebendig gemacht." Ohnehin hätte sie "in der schweren Trauerphase nicht die Nerven dafür gehabt". Gefreut hat sie sich "über die bis heute andauernde, aufrichtige Anteilnahme mehrerer Skifunktionäre aus Wengen", die sie auch schon in Jerzens besucht haben.

Enttäuschend war für sie dagegen das Verhalten des Österreichischen Skiverbandes nach dem Unfall ihres Sohnes. "Als damals einige Wochen danach die große Krankenhausrechnung vom Spital in Interlaken bei uns ankam, wollte der ÖSV diese zunächst nicht begleichen. Erst als die Tiroler Landesregierung Druck machte, lenkte der ÖSV ein", erinnert sich Traudl Reinstadler.

Sicherheitsdebatte geht weiter

Wenn am nächsten Wochenende die Hahnenkammrennen in Kitzbühel auf der gefährlichen Streif anstehen, wo es auch schon viele schwere Stürze gab, wenngleich zum Glück noch keinen Toten, dann werden automatisch auch wieder - wie jedes Jahr - Debatten um die Sicherheit der Sportler geführt. "Wir tun wirklich eine ganze Menge für die Sicherheit der Athleten, aber ein Restrisiko in einer solch rasanten Sportart wird immer bestehen bleiben. Trotz Helm, Rücken-Airbag und Sicherheitszäunen", sagt FIS-Renndirektor Markus Waldner. "Das ist die Realität."

Stand: 18.01.2021, 10:15

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