Nordische Kombination der Frauen - was kommt nach der Premieren-Saison?

Das Siegerpodest in Ramsau: Anju Nakamura, Tara Geraghty-Moats und Gyda Westhold Hansen

Nordische Kombination

Nordische Kombination der Frauen - was kommt nach der Premieren-Saison?

Von Dirk Hofmeister

Ausgerechnet in dem von der Corona-Pandemie überschatteten Winter 2020/21 hatten die Nordischen Kombiniererinnen gleich zwei Weltpremieren. Wie geht es nun weiter? Über Lichtblicke und Baustellen einer jungen Disziplin.

Tara Geraghty-Moats kennt sich als Pionierin in der Nordischen Kombination eigentlich gut aus mit großen und besonderen Momenten ihrer jungen Wintersport-Disziplin. Erste US-Meisterin war sie, erste Grand-Prix-Gesamtsiegerin, Continental-Cup-Rekord-Gesamtsiegerin, erste weibliche Siegerin des "Athlete of the year"-Awards des Weltverbandes. Dieser eine Moment im Dezember 2020 war dann aber auch für sie emotional noch einmal eine andere Liga.

"Geträumt, als es noch nicht möglich schien"

"Hiervon habe ich geträumt, als ich zehn Jahre alt war. Ich habe davon geträumt, als es noch gar nicht möglich schien", sagte die 27-Jährige ergriffen, nachdem sie den historischen ersten Weltcup der Kombiniererinnen gewann. "Heute ist wirklich ein Traum wahr geworden." Weil der Wettkampf der einzige Frauen-Weltcup in der Premierensaison blieb, wurde Geragthy-Moats später auch noch mit der großen Kristallkugel für den Gesamtweltcup ausgezeichnet.

Die erste WM-Goldmedaille der Geschichte ging an die Norwegerin Gyda Westvold Hansen - und das freute sogar Langlauf-Superstar Therese Johaug: "Du bist etwas ganz Besonderes", schrieb die norwegische Volksheldin auf Instagram.

1 Weltcup, 1 WM-Wettkampf, 6 COC-Wettkämpfe

War die erste Weltcup- und WM-Saison der Frauen in der Nordischen Kombination also ein voller Erfolg? Die Fakten: Die Athletinnen hatten einen Weltcup, zwei weitere mussten corona-pandemiebedingt abgesagt werden. Bei der Weltmeisterschaft in Oberstdorf waren beim Springen von der Normalschanze und dem 5-Kilometer-Langlauf-Rennen 31 Sportlerinnen aus neun Ländern am Start. Neben der Weltcup- und WM-Premiere fanden sechs Continentalcup- und zwei Junioren-WM-Wettkämpfe statt.

Ottesen: "Frauen-Wettkämpfe Höhepunkt der Saison"

Nordische Kombination, Lasse Ottesen, Renndirektor des Weltverbandes FIS

Lasse Ottesen: "Brauchen mehr Nationen"

Für Lasse Ottesen, den Renndirektor der Nordischen Kombination im Weltverband FIS waren "die Weltcup-Premiere und der Frauen-Wettkampf bei der WM die Höhepunkte der gesamten Saison. Ich bin sehr zufrieden mit der gesamten Entwicklung bei den Frauen", sagte der Norweger der Sportschau. Positiv gestimmt ist auch Horst Hüttel, sportlicher Leiter der Kombination im Deutschen Ski-Verband: "Die Weichen sind gut gestellt. Die Frauen sind auf internationaler Ebene ganz oben angekommen. Jetzt muss man ihnen Zeit geben", sagte Hüttel der Sportschau.

2021/22 weitere WM-Premiere geplant

Für die kommende Saison sind nach Auskunft von Ottesen fünf Weltcups für die Frauen geplant, allesamt zusammen mit den Männer und einem großen Finale in Deutschland. Bei der Weltmeisterschaft in Planica soll es zudem die Premiere eines Mixed-Wettkampfes geben. Und schon bald könnte Olympia folgen.

Leistungsdichte fehlt noch

Also alles fein bei den Kombinierer-Frauen? Nicht ganz. Sorgen macht Ottesen unter anderem die fehlende Leistungsbreite. Und Hüttel ist mit den Leistungen der deutschen Frauen im zurückliegenden Winter nicht ganz glücklich.

"Wir brauchen noch mehrere Nationen", so Ottesen. Vor dem Hintergrund, dass es der gesamten Sportart dient, wenn noch mehr Länder involviert sind, setzt der Verband auf Freiwilligkeit und Unterstützung im Knowhow.

Der Weltverband selbst stellt jeden Sommer ein kostenloses sogenanntes "Development Camp" auf die Beine. In Val di Fiemme (Italien) und Rasnov (Rumänien) können Sportler und Sportlerinnen auf FIS-Kosten in einem einwöchigen Trainingslager testen, ob die Kombination etwas für sie ist.

Deutsche Frauen abgeschlagen

Der Deutsche Skiverband zählt hier zu den Musterschülern. Mit Norwegen, Japan und Österreich gehört Deutschland zu den Top 4 in der Nordischen Kombination der Frauen. In den Ergebnissen zeigte sich das in der vergangenen Saison allerdings nicht.

Die Nordische Kombiniererin Jenny Nowak

Jenny Nowak

Ein Jahr nachdem Jenny Nowak umjubelte Medaillen bei Jugend-Olympia und der Junioren-WM gewann, liefen die deutschen Frauen in diesem Winter hinter der Weltspitze hinterher. Nowak wurde beim Weltcup als beste Deutsche 13., bei der WM war die erst 16-jährige Cindy Haasch als Elfte beste aus dem DSV-Quartett, und in der Continentalcup-Gesamtwertung steht Maria Gerboth als beste Deutsche auf einem abgeschlagenen siebten Rang.

Hüttel: "Fazit eher durchwachsen"

"Das Fazit ist eher durchwachsen", sagte Hüttel. "Die Mädels haben ihr Leistungsvermögen zumeist nicht abrufen können." Disziplin-Trainer Klaus Edelmann erklärte nach der WM: "Wir konnten uns punktuell ein bisschen präsentieren, aber nicht im Vorderfeld. Andere Nationen haben schon mehr getan." Und Hoffnungsträgerin Nowak sagte: "Ich hatte mir in der Saison mehr erhofft. Das Springen lief nicht so ganz. Beim Laufen geht gerade gar nicht viel. Ich muss die Saison erstmal abhaken."

Edelmann: "Am Springen arbeiten"

Klaus Edelmann mit Maske beim Interview

Klaus Edelmann

Ähnlich wie bei den deutschen Kombinierer-Männern wartet im Sommer vor allem Arbeit an der Schanze auf die deutschen Frauen. "Im sprungtechnischen Bereich haben Norwegen und Österreich mehr investiert", so Hüttel. Edelmann stimmt zu: "Am Springen werden wir arbeiten müssen. In der Loipe sind die Mädels weltweit alle etwa gleichstark, da kann man auf fünf Kilometern wenig Zeit gutmachen."

Hermann Weinbuch

Weinbuch: "Teilweise Ski der Jungs gelaufen"

Männer-Bundestrainer Hermann Weinbuch hat zudem Material und Personal im Blick: "Die Disziplin ist ja noch in der Entwicklung, sie sind noch nicht so weit und haben noch nicht den ganzen Staff wie wir", sagt der 61-Jährige und berichtet von der Weltmeisterschaft: "Da konnten wir sie unterstützen, im Materialbereich sind sie teilweise Ski von den Jungs gelaufen. Unsere Techniker haben die Ski präpariert, auch unser Physiotherapeut hat geholfen."

Schritt zur Professionalisierung

Zumindest in der Nachwuchsarbeit und bei der weiteren Professionalisierung sieht Hüttel keine Probleme. Behörden wie die Bundespolizei würden sich öffnen und Kombiniererinnen langsam eine finanzielle Perspektive bieten.

Olympia 2026?

Tara Geraghty-Moats (l.) beim Weltcup der Nordischen kombination in Ramsau

Tara Geraghty-Moats: "Traum von Olympia bleibt"

Ottesen, Hüttel und Edelmann ist klar: Für die weitere Entwicklung der Frauen-Kombination ist der kommende Winter enorm wichtig. Im Juni 2022 entscheidet das Internationale Olympische Komitee über den Wettkampfplan von Olympia 2026. "Bisher stehen alle Zeichen auf Grün, wenn man die Signale des IOC wahrnimmt. Ich hoffe, dass die Kombination der Mädchen aufgenommen wird", sagt Hüttel. Das wäre dann auch für Tara Geraghty-Moats ein nächster emotionaler Moment. "Es bleibt ein Traum, bei Olympia dabei zu sein. Das ist ein Traum, den ich immer anstreben werde", so die US-Amerikanerin, die in Madrid 2026 als dann 32-Jährige an den Start gehen würde.

Stand: 24.03.2021, 15:00

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