Schlickenrieder kritisiert Strecken - "Normalmensch" kann sie nicht laufen

Bleibt trotz durchwachsener Leistungen seiner Schützlinge zuversichtlich: Peter Schlickenrieder.

Interview vorm Start der Langlauf-Saison

Schlickenrieder kritisiert Strecken - "Normalmensch" kann sie nicht laufen

Die deutschen Skilangläufer spielen im Konzert mit den Überfliegern aus Skandinavien und Russland längst nicht mehr die erste Geige. Für eine Olympia-Medaille müsste schon eine große Nation patzen, vermutet Deutschlands Langlauf-Teamchef Peter Schlickenrieder im Sportschau-Interview. Der 51-Jährige kritisierte in dem Gespräch unter anderem die Präparation der Strecken. Statt bergauf zu kraxeln würde Schlickenrieder lieber mehr Speed sehen wollen.

Sportschau: Peter Schlickenrieder, der erste Weltcup für die Langläufer steht an. Sind Sie bereit?

Peter Schlickenrieder: Die Vorbereitung war sehr gut. Wir hatten in Muonio parademäßige Bedingungen und Naturschnee vom ersten Meter an. Wir konnten alles machen, was wir uns vorgenommen haben. Der Fokus im Training lag weiterhin auf der Verbesserung der Kraftfähigkeit, der technischen Komponente und den individuellen Schwerpunkten. Unser Ziel war es, den höchsten Trainingsumfang und -reiz zu trainieren und den Schwerpunkt nicht auf die ersten Weltcups zu legen. Wir setzen auf einen moderaten Einstieg, wollen Schritt für Schritt besser werden und am Saisonhöhepunkt, den Olympischen Spielen unser Leistungsmaximum abrufen.

Olympia ist also das große Ziel…

Schlickenrieder: Ja, klar. Das größte Ziel ist aber, dass jeder seine Bestleistung verbessert. Mit Blick auf Olympia sehe ich im Teamsprint und der Staffel vage Chancen auf das Podium. Man muss aber ehrlich sein: Eine Medaille ist nicht erwartbar, da muss einer von den Großen schon Fehler machen.

Nach den Trainingseindrücken zu urteilen. Wer ist am besten drauf?

Schlickenrieder: Bei den Frauen machen Katharina Hennig, Laura Gimmler und Victoria Carl einen guten Eindruck. Auch Pia Fink hat im Sommer viele Bestwerte aufgestellt. Wir haben einen deutlichen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Bei den Herren ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Ich freue mich, dass Thomas Bing gut zurückgekommen ist und sein Fuß ihm aktuell keine Schmerzen mehr bereitet. Er war bei den Testrennen der Beste.

Die deutschen Männer waren das Sorgenkind des DSV, sind sie es immer noch?

Schlickenrieder: Die Herren sind besser geworden, aber die Konkurrenz natürlich auch. Es fällt keiner nach vorn raus und keiner nach hinten. Der Männersport ist sehr hart umkämpft, wenn man allein nach Russland schaut. Dort gibt es 30 Herren in der Nationalmannschaft, die alle in die Top-15 im Weltcup laufen können. Bei den Frauen sind es dazu im Vergleich 10. Daran sieht man schon die hohe Konkurrenzdichte im Herrenbereich, da ist es schwerer, Top-Ergebnisse zu liefern.

Die deutschen Langläuferinnen hätten dank Lisa Lohmann sogar sieben Startplätze im Weltcup gehabt, starten aber nur mit sechs Läuferinnen. Warum?

Schlickenrieder: Lisa ist eine sehr junge Läuferin. Wir wollen sie behutsam aufbauen. Ihr Ziel ist nicht Olympia, sondern die U23-WM, und die ist etwas später in der Saison, deshalb steigt Lisa auch erst frühestens in Davos oder zur Tour de Ski ein.

Schauen wir auf die internationale Konkurrenz: Wen außer Johaug, Bolschunow, und Kläbo haben Sie in diesem Winter auf dem Zettel? Gibt es einen Newcomer?

Schlickenrieder: Das weiß man bei den Norwegern und Russen nie. Das, was ich aber gesehen habe, lässt vermuten, dass wieder die üblichen Verdächtigen den Ton angeben.

Olympia ist der große Höhepunkt. Die Meinungen über Peking sind geteilt. Kombinierer Johannes Rydzek sprach vom negativen Höhepunkt. Sehen Sie das ähnlich?

Schlickenrieder: Sportlich ist Olympia der Höhepunkt, auf den man ein ganzes Sportlerleben hinarbeitet. Wenn es um Olympia in China geht, ist allerdings die Freude überschaubar. Auf uns warten große Einschränkungen bedingt durch Corona. Die Quarantäne-Maßnahmen sind sehr drastisch. Ich bin kein Freund davon, Olympische Spiele in China zu machen, wo es die klimatischen Voraussetzungen, die politische Lage und die ganze Corona-Krise nicht hergeben. Insofern blicke ich mit sehr gemischten Gefühlen nach Peking. Grundsätzlich ist Olympia ein tolles Erlebnis und ein völkerverbindendes Element. Die nächsten richtigen Olympischen Spiele finden 2026 in Mailand/Cortina statt. Und damit kehrt die Seele unseres Sportes hoffentlich wieder zurück in die Arme von Olympia.

Die vergangene Saison war von Corona geprägt, diesmal scheint es wieder so zu werden. Welche Einschränkungen spüren Sie?

Schlickenrieder: Corona beeinflusst uns nicht mehr so extrem wie im letzten Jahr. Wir waren als eine der ersten Mannschaften durchgeimpft, haben ein tolles medizinisches Team unter der Leitung von Tom Kastner und der Gesamtleitung Prof. Bernd Wolfarth. Wir sind sehr proaktiv damit umgegangen. Auch das Boostern handhaben wir jetzt ganz individuell, damit wir keinen Trainingsausfall haben. Letztes Jahr hat Corona unsere Abläufe und den Teamentwicklungsprozess sehr beeinflusst. Wir sind als Team daran gewachsen und verkraften unvorhersehbare Dinge besser.

Gab es Corona-Fälle im Langlauf-Team?

Schlickenrieder: Im Weltcup-Team nicht, aber bei einigen Nachwuchssportlern.

Das Thema Gewicht kocht immer wieder hoch. Russlands Skilanglauf-Trainers Yuri Borodavko sagte kürzlich, seine Athletin Natalia Nepryaeva müsse einige Kilo abnehmen, um ganz vorn zu sein. Einige Athletinnen scheinen extrem dünn. Was sagen Sie dazu?

Schlickenrieder: Die Einführung eines BMI wäre eine Möglichkeit. Noch wichtiger finde ich aber die Strecken. In Oberstdorf waren sie schon schwer, in Peking werden sie noch schwerer und liegen dazu auf 2.000 Meter Höhe. Ich fordere deshalb: Lasst uns bei der Streckenauswahl dahin zurückkehren, dass auch ein Normalmensch sie laufen kann. Wir laufen 50 Kilometer in 2.000 Meter Höhe in zwei Stunden, jeder Bergläufer weiß, was das bedeutet und braucht dafür einen Tag. Die reinen Bergläufe sind eine Fehlentwicklung. Es sollte nicht höher und steiler werden – man sollte lieber auf die Geschwindigkeit setzen. Dann wäre das Thema, je leichter desto besser, auch erledigt.

Wann werden Sie im März von einer erfolgreichen Saison sprechen?

Schlickenrieder: Wenn jeder Athlet und jede Athletin seine persönliche Bestleistung erreicht und das beim Höhepunkt Olympia ausschöpfen kann. Und: Wenn jeder Spaß gehabt und wir eine gute Zeit miteinander hatten, an die jeder gern zurückdenkt – egal, wie groß die Schwierigkeiten und Herausforderungen waren. Dann haben wir das Ziel erreicht.

Das Interview führte Sanny Stephan.

Stand: 25.11.2021, 14:00

Darstellung: