Der Wintersport und die Angst vor dem finanziellen Kollaps

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Kreative Lösungen sind gefragt

Der Wintersport und die Angst vor dem finanziellen Kollaps

Von Dirk Hofmeister

Der Wintersport kämpft im Corona-Winter um das Überleben. Das Dilemma: Nur wer medial sichtbar ist, bekommt Gelder. Verbände und Vereine entwickeln zum Teil sehr kreative Lösungen.

Der Warnruf war ziemlich deutlich, den Thomas Schwab, Vorstandschef des deutschen Bob- und Rodel-Verbandes BSD, vor einer Woche formulierte: Wenn die großen und kleinen Schlitten in diesem Winter coronabedingt nicht durch die Weltcup-Eisrinnen der Welt fahren können, droht dem Verband das finanzielle Fiasko. "Die ganze Pandemie ist für den Sport ein Desaster. Wir leben davon, dass wir im TV präsent sind", sagte Schwab. BSD-Vorstand Alexander Resch ergänzte ein paar Tage später, ohne Weltcups würden auch die Zahlungen der Sponsoren ausbleiben. "Das würde dazu führen, dass wir nicht mehr zahlungsfähig wären." Ohne TV-Übertragungen und Sponsorengelder würden beim Verband im Februar 2021 die Lichter ausgehen.

Drohende Verbands-Pleiten

Ähnlich dramatisch die Aussagen vom deutschen Ski-Alpin-Chef Wolfgang Maier und Hartmut Schubert, Staatsekretär im Thüringer Innenministerium: Maier warnte nach dem Saison-Auftakt in Sölden im Oktober davor, "die meisten Skiverbände würden Pleite gehen", wenn in dieser Saison keine Rennen stattfinden würden. Schubert prognostizierte: Der Biathlon-Weltcup in Oberhof werde ein millionenschweres Minusgeschäft, für das der Freistaat aufkommen müsse.

Lillehammer, Zao, Sapporo, Lake Placid, Whistler, ..., bereits betroffen

Noch haben die Wintersport-Wettkämpfe gar nicht richtig begonnen, doch schon jetzt ist klar: Der Corona-Winter wird für den Wintersport zur finanziellen Zerreißprobe. Ohne Zuschauer fehlen wichtige Einnahmen, durch das erschwerte Reisen in Europa und der Welt stehen Veranstaltungen auf der Kippe, bei größeren Corona-Ausbrüchen drohen weitere Absagen.

Das norwegische Lillehammer hat es bereits getroffen, hier wollten Anfang Dezember Skispringer, Langläufer und Nordische Kombinierer ein großes Skifest feiern. Gecancelt wurden zudem die Weltcups in den japanischen Skisprung-Orten Zao und Sapporo, in Nordamerika finden in diesem Winter gar keine Bob-, Rodel- und Skeleton-Wettkämpfe statt.

Überleben von medialer Präsenz abhängig

Biathlon-Weltcup in Oberhof - Sprint der Männer

Ohne TV-Übertragung keine Gelder

Die finanziellen Sorgen sind bei allen Wintersportarten groß. Und so wird überall versucht, die Wettkämpfe stattfinden zu lassen. Die einfache Rechnung: Ein Überleben ist vor allem von der medialen Präsenz abhängig. Ohne Wettkämpfe keine TV-Übertragung, ohne TV-Übertragung keine Fernseh- und Sponsorengelder, von denen der Sport abhängig ist.

"Falls Weltcups ausfallen, müssten wir den Gürtel enger schnallen. Richtig zu knabbern hätten aber die Nationalverbände", sagt Felix Bitterling, Sportdirektor des Biathlon-Weltverbandes IBU, der Sportschau. Stefan Schwarzbach, Geschäftsführer des Deutschen Skiverbandes (DSV), erklärt auf Sportschau-Anfrage: "Der Winter wird für uns alle eine Herausforderung." Sowohl Weltverbände, nationale Verbände als auch lokale Organisatoren versuchen mit teilweise kreativen Plänen, der Krisensituation Herr zu werden.

Biathlon-Weltverband erhöht Zahlungen und reduziert Reisen

Zu den Biathlon-Ergebnissen

Beim Biathlon-Weltverband setzt man in diesem Winter auf großzügige Zahlungen an die Nationalverbände, eine Reduzierung der Reisetätigkeit, viele Corona-Tests und strenge Hygiene-Regeln. Mit den Tests und den Regeln sollen Corona-Infektionen aufgespürt und isoliert, mit reduzierten Reisen die Infektionsgefahr minimiert werden. So wechseln die Weltcups nicht mehr wöchentlich, stattdessen veranstalten das finnische Kontiolahti, Hochfilzen in Österreich oder Oberhof zwei Weltcup-Wochen. Die Reisen von einem zum nächsten Weltcuport wollen die Biathleten teilweise wie in einer eigenen Blase mit eigenen Charterflügen absolvieren.

IBU: Bis zu fünf Mio. Euro Extrakosten

Damit die Weltcupsaison starten und der Betrieb aufrechterhalten werden kann, greift die IBU tief in die Tasche und kalkuliert auch ein Saison-Minus ein. "Zum jetzigen Zeitpunkt geht es bei den Extrakosten für die COVID19-Pandemie um eine Summe, zwischen vier und fünf Millionen Euro", so IBU-Sportdirektor Bitterling. Darin enthalten sind die Kosten für sämtliche PCR-Tests sowie die Reisevorkehrungen. Zudem, so Bitterling: "Wir haben uns entschieden, dass alle Veranstalter die ursprünglich für die Saison geplant waren IBU Gelder bekommen. Egal, ob Weltcup, IBU-Cup-, oder Junior-Cup. Und auch egal, ob sie das Event wegen der Corona-Situation abgeben mussten."

Heißt konkret: Für Oberhof, wo der Biathlon-Zirkus im Januar zwei Wochen gastiert, "schüttet die IBU in dieser Saison nahezu eine halbe Million Euro als Unterstützungsgeld aus", so Bitterling. Ruhpolding, das aus dem Weltcup-Kalender gestrichen wurde, erhält die bereits vor der Saison zugesagten Gelder trotz Weltcup-Ausfalls.

Hygiene-Verweigerern drohen schwere Sanktionen

Für den Fall, dass ein Weltcup wegen fahrlässig herbeigeführter Infektionsketten ausfällt, wolle die IBU hart durchgreifen: "Das große Kopfweh, dass wir ohne Zweifel haben, ist, dass es sehr unterschiedliche Arten und Weisen gibt, die Pandemie anzunehmen", erklärt Bitterling. Wenn es zu Verstößen gegen die Hygienevorschriften kommt, drohen empfindliche Sanktionen. "Warum soll ein nationaler Verband Geldeinbußen hinnehmen, weil sich ein anderer Verband nicht an die Regeln gehalten und den halben Weltcupzirkus angesteckt hat?"

DSV: Kein Millionengrab zulassen

Rund 80 Prozent ihres Jahresumsatzes von knapp 37 Millionen Euro gibt die IBU nach eigenen Angaben an den Sport weiter, größter Nutznießer sind die Nationalverbände – so wie der Deutsche Ski-Verband. Und auch beim DSV blickt man mit einigen Sorgen aber nicht hoffnungslos auf den Winter. "Wir werden definitiv nicht zulassen, dass eine Veranstaltung zum Millionengrab wird", verspricht Stefan Schwarzbach, Geschäftsführer und Vorstandsmitglied beim DSV, den Veranstaltern des Skisprung-Weltcups in Titisee-Neustadt, des Kombinierer-Weltcups in Klingenthal oder der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf.

Der Fokus, so Schwarzbach, liege "auf dem Sport und auf der Durchführung unserer Veranstaltungen." Finanzielle Unterstützungen der Weltverbände, so verspricht Schwarzbach, werde man an die lokalen Veranstalter "eins zu eins weiterreichen." Für einen Teil möglicher Ausfälle greife eine Rahmenversicherung, "wenn pandemiebedingt Einnahmeverluste zu verzeichnen sind."

Weltcuport Oberhof hofft auf "geringen Fehlbetrag"

Trotzdem ist sich Schwarzbach sicher: "Dass bei der einen oder anderen Veranstaltung in diesem Jahr ein Minus bleiben wird, ist zu erwarten." Darüber ist man sich auch in Oberhof im Klaren. In dem Thüringer Wintersportort gastieren in diesem Winter zwei Rodel- und zwei Biathlon-Weltcups.

Anna Berreiter in Oberhof

Zwei Rodel- und zwei Biathlon-Weltcups finden in Oberhof statt

Hartmut Schubert, im Freistaat Thüringen Staatssekretär und Vorsitzender des "Zweckverbands Thüringer Wintersportzentrum" will das von ihm im Oktober in der "Thüringer Allgemeinen" prognostizierte Millionendefizit im Sportschau-Gespräch nicht wiederholen: "Jetzt Zahlen zu nennen, wäre nicht seriös". Stattdessen sei der SPD-Politiker "optimistisch, dass am Ende, wenn überhaupt, nur ein geringer Fehlbetrag übrigbleibt." Möglich sei dieser Optimismus durch Zahlungen der Verbände sowie Hilfsprogramme des Bundes und der Länder.

Weltcup-Verluste mit WM-Gewinn ausgleichen

Biathlon-Weltcup in Oberhof, Sprint der Frauen

2023 findet die Biathlon-WM in Oberhof statt.

Denkbar wäre sogar ein ausgeglichener Haushalt, eine Schwarze Null. Oder, wie Schubert schmunzelnd sagt: "Wenn es am Ende eine Rote Null ist, wäre ich auch schon zufrieden." Im Falle des Biathlon-Weltcups solle in Oberhof kreativ umgeschichtet werden. Schubert plädiert dafür, ein finanzielles Minus mit zu erwartenden Gewinnen der Biathlon-Weltmeisterschaft 2023 gegenzurechnen. "Ich bin sehr dafür, dass man nach der Weltmeisterschaft 2023 schaut, dass das Jahr 2021 mit aufgefangen wird. Dafür haben wir die infrastrukturellen Bedingungen geschaffen und das Wintersportfieber bleibt bestehen."

Optimismus überwiegt - Bob-Verband besteht auf "knackigem Programm"

Das Corona-Infektionsgeschehen eindämmen, dadurch Fernsehgelder durch Wettkämpfe absichern, Sponsorengelder durch TV-Übertragungen einwerben, lokal auf zusätzliche Fördertöpfe schauen und darüber hinaus auf weitere Groß-Investitionen zu verzichten – das scheint für den Wintersport das Programm zu sein, um finanziell durch den Winter zu kommen. Jetzt, kurz vor Beginn der Saison, überwiegt der Optimismus, die Krise zu überleben. Zumindest bei den meisten Wintersportlern.

Monobob bei Jugend-Olympia im Januar 2020

Sechs Monobobs für je 22.500 Euro - "Das Geld haben wir natürlich nicht"

Bei den Bobfahrern mischt sich in die Zuversicht aber auch Kopfschütteln, weil der Weltverband IBSF an seinem Plan festhält, in diesem Jahr die ersten Weltcup-Rennen im Monobob zu veranstalten: "Das ist ein knackiges Programm der IBSF", sagt Bob-Bundestrainer Rene Spies. Sechs Monobos habe der Verband dafür in diesem Winter kaufen müssen. Stückpreis 22.500 Euro. "Das Geld haben wir natürlich nicht, das müssen wir in drei Jahresraten abstottern", erklärt Spies. Eine zusätzliche Belastung für den deutschen Bob-Verband, der ohnehin darum kämpft, dass im Februar nicht die Lichter ausgehen.

Stand: 16.11.2020, 16:04

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