Biathlon: Das Drama um den letzten Schuss

Athleten am Schießstand

Analyse Biathlon-WM in Pokljuka

Biathlon: Das Drama um den letzten Schuss

Von Dirk Hofmeister

Dieser verflixte letzte Schuss. Im Biathlon-Zirkus ein Mythos. Am Schießstand werden Träume wahr oder es eröffnen sich Dramen. Auch bei der WM haben (letzte) Schüsse Medaillenträume platzen lassen. Eine Analyse der Biathlon-Teildisziplin.

Norwegische Dominanz und große Dramen sind es, die von der am Sonntag (21.02.2021) in Slowenien beendeten Biathlon-WM wohl hängen bleiben werden. Eins davon spielte sich am Schießstand der Single-Mixed-Staffel ab.

WM-Drama um Dorothea Wierer

Das italienische Duo Dorothea Wierer und Lukas Hofer hatte bis zum finalen Anschlag die Hand an der ersten und einzigen Medaille der WM für das italienische Team.

Die dreifache Weltmeisterin und als sichere Schnellschützin bekannte Wierer hatte beim letzten Schießen sogar schon vier Treffer versenkt und lag auf Goldkurs - da verfehlte sie die letzte Scheibe. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Auch die drei Nachlader reichten der zweimaligen Weltcup-Gesamtsiegerin für den finalen Treffer nicht. Wierer musste in die Strafrunde und kam zum Entsetzen des gesamten italienischen Teams nur auf Rang fünf ins Ziel.

Von Peiffer bis Schipulin: Prominente finale Fehler

Dieser verflixte letzte Schuss. Im Biathlon-Zirkus ein Mythos. Mit ihm werden Träume wahr, oder es eröffnen sich Dramen. In dieser Saison haben verhagelte letzte Schüsse bereits Arnd Peiffer, Janina Hettich, Erik Lesser oder den Italiener Lukas Hofer um Podestplatzierungen oder sogar Siege gebracht.

Bei Titelkämpfen scheiterten u.a. schon Andreas Birnbacher (Einzel WM 2012), der Russe Anton Schipulin (Sprint Olympia 2014) oder die US-Amerikanerin Susan Dunklee (Sprint Olympia 2014) an dieser verflixten letzten Scheibe. Die Liste ließe sich lang fortsetzen.

Video - Peiffers Träume enden beim letzten Schießen Sportschau 21.02.2021 03:24 Min. Verfügbar bis 21.02.2022 Das Erste

Mythos oder Realität?

Aber was ist eigentlich dran am Mythos der finalen Scheibe? Dr. Michael Koch, der am Institut für angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig unter anderem für die Schießleistungsdiagnostik zuständig ist, sagt, dass man dazu bisher keine detaillierten Studien angefertigt habe. Soviel sei aber recht sicher: "Der letzte Schuss ist häufig ausschlaggebend für Medaillen. Dass man da aber einen statistischen Zusammenhang herstellen kann - das ist nicht der Fall."

In die gleiche Richtung gehen die Aussagen von Christian Winkler, der mit seiner Firma Siwidata für den Biathlon-Weltverband IBU die umfangreiche Datenerfassung aller Laufzeiten und Trefferquoten macht: "Beim letzten Schuss ist es eher das ‚Drama‘, dass einem den Eindruck vermittelt, dass es so oft passiert."

Blick in die Statistik

Für die Sportschau hat Winkler einen Blick in die Schussstatistik dieser Saison geworfen. Zur Verfügung gestellt hat er zwar nicht die Daten des finalen Stehendanschlags, aber immerhin die Daten des zweiten Liegendanschlags. Dieser zweite Liegendanschlag hat es besonders in sich: Fortschreitende Ermüdung und geringere Konzentration, aber trotzdem die Schwierigkeit der kleinen Scheibe.

Erster statt letzter Schuss

Etwas überraschend ist es nicht der letzte Schuss, der besonders häufig hängen bleibt, sondern der erste: Von den 1.741 Fehlschüssen in dieser Saison (bis zur WM) fielen 393 (oder 22,6 Prozent) auf den ersten Abzug. Nur 334 (oder 19,2 Prozent) Mal wurde der letzte Schuss verfehlt.

Für Matthias Koch vom IAT Leipzig ist das nachvollziehbar: "Hohe Präzision und stärkere Ermüdung spielt eine große Rolle. Und wenn es dann eine Windverlagerung gibt, kann es schnell sein, dass der erste Schuss daneben geht. Das kann dann auch einen Hallo-Wach-Effekt nach sich ziehen."

Was die Daten dann auch bestätigen: Der zweite Schuss ist mit 328 Fehlern (oder 18,8 Prozent der Gesamtfehler) der sicherste Schuss.

Bei Schießstand zwölf wird der letzte Schuss nicht getroffen

Eine Scheibe bleibt am Schießstand stehen. Gefühlt ist es meist die letzte...

Analyse an der Schießmessplatte

Und wie steht es um die Schießleistungen der deutschen Athleten? Koch hat sie mit seinem Team unter anderem an einer Schießmessplatte untersucht, wo zum Beispiel Anschlag, Abzugsverhalten, Atmung und Gewehrschwankungen analysiert werden können.

Und da hat Koch zwei gute und eine schlechte Nachricht. Die erste gute Nachricht: "Wir haben festgestellt, dass die Schießtechnikparameter bei den Spitzenathleten in der Belastung nicht schlechter ausgeprägt sind als in der Ruhe."

Fehler: Folge eher von Konzentrations- als körperlichen Schwächen

Und daran schließt sich auch die schlechte Nachricht an: Denn, wenn im Wettkampf Fehler geschossen werden, dann liegt es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an den körperlichen Voraussetzungen sondern an den mentalen.

Koch erklärt: "Da spielt die Psychologie eine große Rolle. Da geht es um das Thema Konzentration." Erik Lesser brachte das Dilemma zwischen Training und Wettkampf nach Rang sieben in der Single-Mixed-Staffel so auf den Punkt: "Dass ich natürlich gleich drei Fehler am Anfang schieße, soviel wie bei 150 Schuss im Training nicht, das ist ärgerlich."

Mit der Autosuggestion zum Schießstand

Um sich mental besser auf das Schießen vorzubereiten, können die Athleten die Hilfe von Sportpsychologen in Anspruch nehmen. Mit diesen können dann beispielsweise Formen der Autosuggestion geübt oder mit festen Abläufen am Schießstand die Routine erhöht werden.

Ein paar deutsche Athletinnen und Athleten wie Franziska Preuß, Denise Herrmann oder Philipp Horn sprechen offen darüber, dass sie von der Hilfe von Mentalcoaches oder Psychologen profitieren.

Die einzige belastbare wissenschaftliche Arbeit zum Thema wurde bereits 2016 an der Sporthochschule Köln erstellt: Demnach nehmen 48 Prozent der deutschen Kaderathleten sportpsychologische Hilfe in Anspruch. Auch Engelbert Sklorz, seit dieser Saison Schießtrainer der Deutschen, ist ein Freund mentaler Unterstützung fürs Schießen.

Deutsches Biathlonteam am Schießstand verbessert

Das Lob der deutschen Biathletinnen und Biathleten für Sklorz war bereits kurz nach seinem Amtsantritt im Sommer groß. In einigen Medien wurde er schon als "Wunderwaffe" ("Stuttgarter Zeitung") und "Volltreffer" ("Deutsche Presse-Agentur") gefeiert. Tatsächlich, und das ist die angekündigte zweite gute Nachricht für das deutsche Biathlon: Im Schießen hat sich das gesamte Team in diesem Winter verbessert oder ein hohes Niveau gehalten.

Selbst Arnd Peiffer, bester deutscher Schütze, hat mit 89 Prozent Trefferleistung in diesem Winter noch einmal zwei Prozent im Vergleich zur Vorsaison zugelegt. Um weitere Beispiele zu nennen: Für Vanessa Hinz ging es von 81 Prozent auf 88 Prozent, für Denise Herrmann von 77 Prozent auf 81 Prozent, für Benedikt Doll von 79 Prozent auf 82 Prozent und für Erik Lesser von 85 Prozent auf 87 Prozent hinauf.

Norweger Laegreid ein echter Shootingstar

Weniger Fehler am Schießstand, das ist 2021 auch nötig, um ganz vorn dabei zu sein. Im Gesamt-Weltcup der Männer haben die Top 7 mindestens 85 Prozent Trefferquote, bei den Frauen sind es die Top 6. Herausragend dabei der Norweger Sturla Holm Laegreid, der nicht nur wegen der 93 Prozent Treffer ein echter Biathlon-Shootingstar ist. In anderen Zahlen ausgedrückt: Von bisher 310 Schüssen in dieser Saison traf der 24-Jährige 291 Mal.

2001: Mit 67 Prozent Treffern Weltcup-Dritter

Wie rasant die Entwicklung im Biathlon auch am Schießstand ist, macht ein Blick zurück deutlich: Vor 20 Jahren, in der Saison 2000/2001, hatte von den Top 5 im Gesamt-Weltcup der Männer, keiner eine Quote von 85 Prozent. Der Norweger Frode Andresen konnte mit 67 Prozent Treffern Dritter im Gesamt-Weltcup werden. Bei den Frauen wurde Liv Grete Poiree aus Norwegen mit 76 Prozent Treffern Gesamt-Weltcup-Zweite. Beides ist heute undenkbar.

Diese Statistik zeigt auch: Die Fehler werden im Spitzenbereich tendenziell weniger - eine größere Anzahl an Fehlschüssen mit der letzten Patrone eines Anschlags ließ sich nicht belegen. Doch das Drama des letzten Schusses wird uns sicherlich erhalten bleiben. Das macht ja in gewisser Hinsicht auch den Reiz des Biathlons aus.

Biathlon-WM: Abschließende Ernüchterung Sportschau 21.02.2021 04:04 Min. Verfügbar bis 20.03.2022 Das Erste Von Christian Dexne

Stand: 23.02.2021, 08:00

Biathlon | Weltcupstand Herren

NameP
1.Johannes Thingnes Bö1052
2.Sturla Holm Laegreid1039
3.Quentin Fillon Maillet930
4.Tarjei Bö893
5.Johannes Dale843

Biathlon | Weltcupstand Damen

NameP
1.Tiril Eckhoff1152
2.Marte Olsbu Röiseland963
3.Franziska Preuß840
4.Hanna Öberg826
5.Dorothea Wierer821

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