Biathlon-Bundestrainer Kirchner: "Mein Grundgefühl ist nicht schlecht"

Mark Kirchner

Interview

Biathlon-Bundestrainer Kirchner: "Mein Grundgefühl ist nicht schlecht"

Im finnischen Kontiolahti beginnt die Weltcupsaison im Biathlon. Sportschau.de sprach mit Männer-Bundestrainer Mark Kirchner über die Vorbereitung und die Ziele im WM-Winter.

Sportschau.de: Herr Kirchner, sind Sie mit der Vorbereitung zufrieden?

Mark Kirchner: Wir hatten eine gute Vorbereitung, konnten unser Lehrgangsprogramm bis auf einen Punkt planmäßig durchziehen. Wir sind ja eine Luft- und Individualsportart, da ist das leichter als bei einigen anderen.

Was ist schwieriger in Corona-Zeiten?

Kirchner: Beschwerlicher wird es erst jetzt mit den Reisen und den Tests bei den Wettkämpfen. Aber gerade was die Prophylaxe und Hygienemaßnahmen betrifft, damit hatten wir Leistungssportler ja schon immer zu tun. Für jeden Athleten ist der Körper das wichtigste. Jeder achtet darauf, dass er nicht krank wird.

Weiß man nach den Trainingseindrücken, wo die Athleten stehen?

Kirchner: Ganz genau weiß man das immer erst, wenn die ersten Wettkämpfe stattgefunden haben, weil man ja auch nicht weiß, was die Konkurrenz so im Köcher hat. Aber ein gewisses Grundgefühl hat man natürlich, was die Athleten leisten können, wie sie trainiert haben und wie ihr Fitnesszustand ist.

Wie sieht dieses Grundgefühl aus?

Kirchner: Das ist nicht schlecht. Wie gesagt: Wir hatten eine gute Vorbereitung, auch wenn die Sommer-WM leider ausgefallen ist. Bei den deutschen Meisterschaften haben wir gesehen, dass unsere Leistungen schon recht ansprechend sind. Daran haben wir angeknüpft. Deshalb denke ich, dass wir gut gerüstet in die Wettkampfsaison gehen können.

Gab es besondere Schwerpunkte, an denen Sie im Sommer gearbeitet haben?

Kirchner: Was heißt besonders? Es sind viele gestandene Athleten dabei, die sich sowieso schon auf einem sehr hohen Level bewegen. Was macht man mit den Leuten? Da heißt es, die Leistung zu erhalten und an Details zu arbeiten. Wir haben individuell an der Lauftechnik gearbeitet und wir haben in Engelbert Sklorz einen neuen Schießtrainer fest im Team. Mit ihm haben wir individuelle, auf jeden Einzelnen zugeschnittene Programme gemacht.

Arnd Peiffer und Benedikt Doll sind wohl gesetzt, auch mit Philipp Horn und Johannes Kühn planen Sie.

Kirchner: Ja, die vier sind unsere Gesetzten, die wir für den Weltcup vornominiert haben, plus für das erste Weltcupwochenende Lucas Fratzscher, der aufgrund seines Sieges in der IBU-Cup-Gesamtwertung ein persönliches Startrecht bekommt. Alle haben versucht, sich zu verbessern. Gerade Johannes und Philipp haben hart an ihren teilweise noch vorhandenen Schwächen am Schießstand gearbeitet - Johannes beim Stehend-, Philipp eher beim Liegendschießen. Ansonsten geht es für alle darum, das Grundpensum zu durchlaufen, das gilt dann auch für einen so Arrivierten wie Arnd.

Dann gab es mit Erik Lesser und Simon Schempp ja auch zwei "Problemkinder". Wie sieht es bei den beiden aus?

Biathlon Porträtbild Simon Schempp

Simon Schempp


Kirchner: Simon hat bei der deutschen Meisterschaft schon mal nachgewiesen, dass er über den Sommer wieder eine gute Entwicklung genommen hat. Die hatte er allerdings auch letztes Jahr, aber jetzt konnte er ein komplettes Jahr Wettkämpfe bestreiten, wenn auch nicht immer im Weltcup. Das hat ihm im Vorjahr gefehlt. Durch den Wettkampfwinter und die komplette Vorbereitungsperiode ist er wieder stabiler geworden, und wir hoffen, dass er das weiter festigen kann.

Im Moment macht er einen sehr guten Eindruck. Bei Erik ist es ähnlich, was den Eindruck beim Training betrifft. Aber er hat kurz vor der deutschen Meisterschaft einen kleinen Infekt gehabt und konnte den Wettkampf leider nicht als Standortbestimmung für sich und für uns nutzen. Aber ich sehe ihn jeden Tag im Training. Er arbeitet im Moment sehr konsequent und zielstrebig und will auch unbedingt wieder ein Ticket für die Weltcupmannschaft kriegen.

Beide sind also nah dran am Team?

Kirchner: Ich denke schon. Was einmal in einem Athleten an Leistungsfähigkeit steckt, das ist oftmals ja nicht weg, sondern man muss es nur wieder wecken.

Wie ist das in solchen Fällen, wenn Athleten in der "Krise" gesteckt haben: Wieviel Psychologie ist dabei, die Sportler da wieder herauszuholen und wieviel ist einfach hartes Training?

Kirchner: Ich sage immer, es vermischt sich alles. Eine gute Psychologie, eine gute Ansprache, ist ja erstmal Voraussetzung, damit einer wieder die Motivation hat, das Trainingspensum anzugehen. Wenn das Training dann gut läuft, ist automatisch die Stimmung besser und die mentale und psychische Verfassung auch wieder gefestigt. Jeder Athlet ist ein Gesamtkunstwerk, und da gehören alle Teile dazu.

Lucas Fratzscher haben Sie schon erwähnt. Welche jungen Athleten werden wir in diesem Winter vielleicht noch im Weltcup sehen?

Kirchner: Dominic Schmuck und Johannes Donhauser haben bei der DM richtig gute Leistungen angeboten. Auch Roman Rees, der im Weltcup schon auf dem Podium war, haben wir hier mit dabei. Die haben alle die Möglichkeit, sich anzubieten und immer mal wieder in den Weltcup reinzuschnuppern. Weil es bis Januar keine IBU-Wettkämpfe gibt, ist es wichtig, dass man diese Athleten bei Laune hält und betreut. Der einzige, der aus gesundheitlichen Gründen rausgefallen ist, ist nach zwei Leisten-OPs Philipp Nawrath.

Schauen wir auf die internationale Konkurrenz: Wen haben Sie da auf dem Zettel?

Kirchner: Ich glaube, es wird wieder auf die Norweger und die Franzosen hinauslaufen. Norwegen hat ja nicht nur ihren Dominator Bö. Im letzten Jahr hatten die sechs Athleten unter den Top 15 im Gesamtweltcup, die Franzosen vier. Die sind bis auf Martin Fourcade alle nach wie vor noch da und weiterhin heiß und motiviert.

Ist die WM im Februar nochmal ein besonderes Ziel?

Kirchner: Wir haben ja jedes Jahr ein Highlight, also WM oder Olympia. Nichtsdestotrotz will man auch von Weltcupwoche zu Weltcupwoche gute Leistungen zeigen. Eine Saison muss man immer als Ganzes sehen.

Wann werden sie im März von einer erfolgreichen Saison sprechen?

Kirchner: An der Zielsetzung der letzten Jahre wird sich nicht so viel ändern. Wenn wir mit einer Staffelmedaille, vielleicht auch einer Mixed-Staffelmedaille und einer Einzelmedaille nach Hause fahren, dann vielleicht noch ein paar gute Weltcupplatzierungen haben und drei Leute unter den Top 15 im Weltcup platzieren, dann können wir sagen, dass es gelungen ist.

Das Interview führte Wolfram Porr

Favoriten - die Jagd auf Johannes Thingnes Bö

Der Norweger Johannes Thingnes Bö dominierte die Konkurrenz auch im letzten Winter. In dieser Saison geht er wieder als großer Favorit an den Start. Wer sind seine größten Widersacher?

Johannes Thingnes Bö

Johannes Thingnes Bö (NOR): Der zweimalige Gesamtweltcupsieger ist auch 2020/21 der Favorit auf die große Kristallkugel. Mit insgesamt sechs Medaillen (drei Mal Gold, drei Mal Silber) war Bö der erfolgreichsten Starter bei der WM in Antholz. Er ist nicht nur schnell in der Loipe, sondern glänzt treffsicher am Schießstand.

Johannes Thingnes Bö (NOR): Der zweimalige Gesamtweltcupsieger ist auch 2020/21 der Favorit auf die große Kristallkugel. Mit insgesamt sechs Medaillen (drei Mal Gold, drei Mal Silber) war Bö der erfolgreichsten Starter bei der WM in Antholz. Er ist nicht nur schnell in der Loipe, sondern glänzt treffsicher am Schießstand.

Quentin Fillon Maillet und Emilien Jacquelin (FRA): Die beiden Franzosen hatten sich schon in der Vorsaison als hartnäckige Jäger von Johannes Thingnes Bö gezeigt. Maillet wurde Dritter, Jacquelin Fünfter in der Gesamtwertung. Sie sollten auch in diesem Winter eine starke Rolle spielen.

Tarjei Bö (NOR): Der ältere Bruder von Überflieger Johannes Thingnes Bö ist konstant unter den Top-Athleten zu finden. Im Gesamtweltcup punktete er sich auf Rang vier. Bei der WM in Antholz gewann der Olympiasieger und mehrfache Weltmeister Gold in der Mixedstaffel und Silber mit der Staffel.

Stand: 23.11.2020, 10:42

Biathlon | Weltcupstand Herren

NameP
1.Johannes Thingnes Bö618
2.Sturla Holm Laegreid564
3.Tarjei Bö511
4.Johannes Dale499
5.Sebastian Samuelsson454

Biathlon | Weltcupstand Damen

NameP
1.Marte Olsbu Röiseland579
2.Tiril Eckhoff560
3.Hanna Öberg550
4.Dorothea Wierer442
5.Franziska Preuß439
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