Biathlon-Staffel 2014 - deutsche Männer mit sechs Jahren Verspätung zu Gold?

Die deutsche Biathlon-Staffel 2014

Diskussion um russischen Sieg in Sotschi

Biathlon-Staffel 2014 - deutsche Männer mit sechs Jahren Verspätung zu Gold?

Von Jonas Schützeberg

Es ist vielleicht die am häufigsten diskutierte Goldmedaille im Wintersport der vergangenen sechs Jahre: der russische Olympiasieg der Biathlon-Staffel der Männer 2014 in Sotschi. Eine Goldmedaille zwischen Dopingprozessen, Enttäuschung, einer Grillparty und Gerechtigkeit. Nun könnte das Edelmetall bald einen neuen Besitzer bekommen.

Als Erik Lesser die Nachricht erhielt, gründete der Biathlet direkt eine neue Whats-App-Gruppe mit seinen ehemaligen Staffelkollegen. Der Titel lautet "Olympiagold". "Jungs, wir können schon mal den Sekt kalt stellen, habe ich als erstes geschrieben“, sagt Lesser am Mittwoch (28.10.2020) am Telefon, "wir verfolgen den Prozess schon, aber machen nicht bei jeder Nachricht eine Welle. Wir warten erstmal ab."

Der Grund für die Vorfreude ist ein Urteil des internationalen Sportgerichtshofs CAS. Dabei wurde Staffelolympiasieger Jewgeni Ustjugow wegen eines Dopingvergehens am Montag schuldig gesprochen. Der Ursprung des bereits mehr als sechs Jahre andauernden Kampfs um Olympiagold ist der 22. Februar 2014.

"Olympiasieger? Ich weiß leider nicht, wie es sich anfühlt"

Es war ein dramatischer Zieleinlauf in den Bergen von Krasnaja Poljana. Erst im Schlussspurt fiel die Entscheidung. Anton Schipulin entschied den Kampf um Gold zugunsten der russischen Mannschaft - Simon Schempp hatte das Nachsehen. Damals dachten wohl nur wenige, dass sich diese Geschichte weiterdrehen sollte. Nun ist die Wahrscheinlichkeit, dass den Russen die Goldmedaille aberkannt und der deutschen Mannschaft zugesprochen wird, ein Stückchen größer geworden.

"Vor Ort im Stadion Olympiasieger zu werden und mit der Mannschaft zu feiern, ist schon was anderes. Wie sich das anfühlt, weiß ich leider nicht, ich bin ja noch kein Olympiasieger“, sagt Lesser. Der Thüringer bereitet sich gerade in Oberhof auf die neue Saison vor. "Wir haben uns über Silber gefreut wie ein Schnitzel, da gab es keine Enttäuschung, auch wenn es knapp war. Sieben Jahre später würde ich mich immer noch über Gold freuen, aber es fühlt sich bestimmt anders an.“

Jewgeni Ustjugow doppelt verurteilt

Im Februar wurde der inzwischen zurückgetretene Jewgeni Ustjugow rückwirkend wegen Dopings von der Internationalen Biathlon Union (IBU) gesperrt. Ustjugow ging in Revision, das Verfahren läuft. Bleibt das Urteil bestehen, würde Russland die Medaille wahrscheinlich verlieren.

Am Montag wurde der Russe dann vom CAS erneut verurteilt. "Grundsätzlich gibt es zwei Urteile gegen Ustjugow. Das erste basiert auf den Enthüllungen aus dem McLaren-Report rund um das russische Anti-Doping-Labor 2014. Das zweite begründet sich aus Ustjugows 'Athletes Biological Passport'“, erklärt Christian Winkler, Pressesprecher der IBU.

Es handelt sich also um Unregelmäßigkeiten im Blutpass. 21 Tage hat Ustjugow Zeit, um Einspruch einzulegen. Gegenüber der russischen Medienagentur "TASS" sagte er: "Meine Anwälte sind einfach schockiert über das, was geschieht. Ich habe keine andere Wahl, ich werde bis zum Sieg kämpfen."

"Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt“

Ustjugow wittert eine Verschwörung: "Die Emotionen kochen wieder hoch, Wut, Verzweiflung und all die Gefühle, die ich Tag für Tag erlebe. Es ist schwer, das in Worte zu fassen. Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt, wie ein kleiner Mann, der unter den Druck der WADA (Anm. d. Red.: Welt-Anti-Doping-Agentur) und des IOC geraten ist."

Es ist davon auszugehen, dass der Ex-Biathlet durch alle Instanzen ziehen wird. Vielleicht macht es der Kreml sogar zu einer Staatsangelegenheit. Das wäre gar nicht so unwahrscheinlich, denn ein Olympiasieg im eigenen Land hat einen extrem hohen Stellenwert. Scheitert Ustjugow vor dem CAS, könnte er vor ein Schweizer Zivilgericht ziehen.

Norweger feiern bereits in sozialen Netzwerken

Auf Facebook und Instagram beglückwünscht die norwegische Olympiamannschaft ihre Männer-Staffel schon zur Bronzemedaille. Das Quartett um Ole Einar Bjoerndalen war ursprünglich nur Vierter geworden. Durch die Aberkennung des russischen Sieges würde Norwegen zudem an die Spitze im Medaillenspiegel 2014 rutschen. Die Gefahr, diese prestigeträchtige Position zu verlieren, könnte eine Motivation für die russische Seite sein, jedes rechtliche Mittel auszuschöpfen.

Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, zeigte sich gegenüber der Sportschau etwas zurückhaltender: "Nachdem wir immer wieder aufs Neue lernen, dass juristische Wege sehr langwierig und durchaus überraschend geprägt sein können, würde ich aktuell noch nicht gratulieren."

Finanzieller Schaden und verlorene Sponsoren

Es geht allerdings noch um mehr als nur eine Goldmedaille. Ein Olympiasieg macht Sportler medial und auch für Sponsoren interessanter. Auf ARD-Anfrage bestätigte zumindest die Stiftung Deutsche Sporthilfe, dass den Athleten nachträglich die Olympia-Goldprämie gezahlt werde, also die Differenz zwischen einer Silber- und einer Goldmedaille.

Erik Lesser würde sich darüber freuen, erklärt aber: "Das ist mir gar nicht mehr so wichtig. Das soll jetzt lieber in einen Topf für den Nachwuchs fließen. Aber mit einem Olympiasieg geht man natürlich anders in die Sponsorensuche. Es geht nicht um Einnahmen für ein Jahr, sondern für mehrere Jahre. Da ist uns viel durch die Lappen gegangen."

"Das ist einfach nur traurig"

Hörmann hält ein Ergebnis in diesem langwierigen Verfahren für extrem wichtig. Es gehe um ein generelles Zeichen im Sport: "Es wäre enorm wertvoll für den gesamten Weltsport, da sehe ich nicht nur ein Signal nach Deutschland, auch wenn wir speziell profitieren würden. Es würde sich zeigen, dass die Netze für Betrüger engmaschiger werden und einmal mehr die Bestätigung, dass am Ende hoffentlich die Gerechtigkeit siegt."

Von einer generellen Verurteilung der russischen Mannschaft hält Lesser nichts: "Ich bin nicht wütend, mit vielen russischen Sportlern komme ich gut zurecht. Das Problem liegt meiner Meinung nach viel mehr im russischen System, da zieht sicher auch die Politik ein Stück weit mit. Bei vielen ist Doping in den Köpfen drin. Sportler werden so erzogen, dass Höchstleistungen anders gar nicht möglich sind."

Ob die Goldmedaille am Ende ihren Besitzer wechselt, entscheidet am Ende das IOC. Dann wird es auch einen lang angekündigten Grillabend im Garten eines deutschen Biathleten geben - um die Medaille endlich gebührend zu feiern. "Wenn das Urteil wirklich feststeht, möchte ich die Medaille dann aber bitte per Post haben, am besten overnight und per Express. Das ist ja wohl das Mindeste“, sagt Erik Lesser und lacht.

Stand: 29.10.2020, 08:43

Darstellung: