Ein besonderes US-Open-Finale - mit Zukunft

Alexander Zverev (l.) und Dominic Thiem

US Open

Ein besonderes US-Open-Finale - mit Zukunft

Von Robin Tillenburg

Das US-Open-Finale der Herren wird wahrscheinlich nicht das Attribut "legendär" verliehen bekommen. Es war aber mindestens denkwürdig, definitiv besonders, vielleicht sogar eine Art Zäsur.

Es waren kraftraubende vier Stunden. Das sah man beiden Athleten nach dem letzten gespielten Ballwechsel und dem Sieg für Dominic Thiem an. Thiem humpelte nur noch, Alexander Zverev war nervlich sichtlich am Ende, Aufschläge waren plötzlich eher Nach- als Vorteil. Es war weniger ein sportlicher Wettkampf, sondern Kopf- und Willenssache.

Statistisch denkwürdig

Dass im letzten Satz nicht mehr jeder Ballwechsel so spektakulär und raffiniert war wie viele zuvor, war absolut verzeihbar. Ein so spannendes Finale hatten die US Open lange nicht - vielleicht sogar noch nie gesehen. Seit Beginn der Open-Era ging kein einziges Herren-Endspiel in New York im fünften Satz in den Tie Break. Dieses schon. Es endete übrigens nach gewonnenen Punkten 163:159. Viel knapper geht es nicht.

US Open - Zverev verliert emotionales Finale gegen Thiem Morgenmagazin 14.09.2020 00:56 Min. Verfügbar bis 21.09.2020 Das Erste

Doch das Finale hatte noch ein paar weitere statistische und nahezu historische Schmankerl zu bieten. Es war erst das fünfte Mal überhaupt, dass ein (männlicher) Grand-Slam-Sieger zwei Sätze im Finale in Rückstand lag und am Ende doch noch gewann. Die Energieleistung des Dominic Thiem lässt sich also kaum noch höher einschätzen. Kein Wunder, dass Boris Becker den Österreicher den "Houdini des Tennissports" nannte und aus dem Schwärmen kaum noch herauskam.

Ein Finale mit Zukunft?

Es war zudem erst das zweite Mal in den vergangenen 16 Jahren, dass im Endspiel in New York weder Roger Federer, noch Novak Djokovic, noch Rafael Nadal standen. Stattdessen waren es zwei der Spieler, denen weithin zugetraut wird, dass sie in den nächsten Jahren regelmäßige Endspiel-Gäste bei den Grand Slams sein werden. Der 27 Jahre alte Thiem, dem bei seiner vierten Grand-Slam-Finalteilnahme nun auch der erste Erfolg gelang, und der mit 23 Jahren ja immer noch extrem junge Zverev, für den es der erste Endspiel-Auftritt bei einem der vier großen Turniere war.

Wichtiger Entwicklungsschritt für Zverev

Auch wenn Zverev verlor und er seinem Freund nachher auch zugestand, dass der den Sieg etwas mehr verdient habe als er selbst (auch wenn das sicherlich primär als Respektsbekundung gedacht war), war dieses Turnier definitiv eines, das den Deutschen in seiner Entwicklung nach vorn gebracht hat. Sein Tennis im Turnier wirkte reifer, mehr auf die eigenen Stärken besonnen, konzentrierter.

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Zieht man eine Parallele zum Basketball, wurde der Hamburger bisher in der öffentlichen Wahrnehmung der deutschen Tennisfans eher weniger als Dirk Nowitzki, sondern eher als der öfter kritisierte, weil auch nicht immer bedacht und zurückhaltend agierende, aber hochtalentierte Dennis Schröder wahrgenommen. Aber Zverev hat sich entwickelt. Zumindest sportlich, vielleicht aber auch darüber hinaus. Auch durch dieses verlorene Finale, aber wohl noch mehr durch die Kritik an einigen seiner Aktionen in Bezug auf die Coronavirus-Vorschriften vor einigen Wochen, die anschließende Erkrankung seiner Eltern an dem Virus und die insgesamt für ihn nicht so leichten vergangenen Monate.

In den sozialen Netzwerken wird Zverev international jedenfalls für seine Fairness und seine "sportsmanship" angesichts der ja doch sehr bitteren Niederlage nach 2:0-Satzführung gefeiert. Von einem "class act" ist da unter anderem zu lesen. Klasse war auch seine Leistung im Turnier und im Finale. Er selbst und auch Thiem waren sich sicher, dass er in naher Zukunft auch mindestens einen der großen Titel gewinnen kann und wird. Das sah an diesem Sonntag in New York jedenfalls tatsächlich so realistisch aus wie noch nie.

Stand: 14.09.2020, 10:46

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