Rafael Nadal - der Sandsturm von Paris

Rafael Nadel mit dem Siegerpokal nach dem Gewinn der French-Open

French Open

Rafael Nadal - der Sandsturm von Paris

Von Jörg Strohschein

Rafael Nadal hat wieder einmal in beeindruckender Weise die French Open gewonnen. Der 34-Jährige fegte Novak Djokovic im Finale wie ein Sturm vom Platz. Der Spanier ist ein Phänomen und ein großer Zweifler zugleich.

Wenn der Center Court von Wimbledon das Wohnzimmer von Boris Becker sein soll, dann ist der Court Philippe Chatrier die Luxus-Suite von Rafael Nadal. Der Spanier ist schlicht ein Phänomen, wenn es um das Spiel auf Sandplatz geht.

13 Turniersiege in Paris, 100 gewonnene Matches, lächerliche zwei Niederlagen lautet Nadals Bilanz nach diesem Sonntag (11.10.2020). Außerdem hat der 34-Jährige nun mit Roger Federer und dessen 20 Grand-Slam-Siegen gleichgezogen. Das alles hat es seit dem Beginn der Open Era im Frühjahr 1968, als auch professionelle Tennisspieler zu den großen Turnieren zugelassen wurden, noch nicht gegeben.

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Ohne Satzverlust

Novak Djokovic, kein Geringerer als die augenblickliche Nummer eins der Welt, wurde beim 6:0, 6:2, 7:5 in seiner Chancenlosigkeit vom Spanier geradezu bloßgestellt in diesem Endspiel. Es war eine (neuerliche) Machtdemonstration des Sandplatz-Heroen Nadal, für den es auf diesem Untergrund keinen ernst zu nehmenden Gegner gibt. Er trat auf wie ein unerbittlicher Sandsturm in Paris. Der Spanier hat in diesem Turnier keinen Satz abgegeben.

Der Moment des 20. Grand-Slam-Titels

Sportschau 11.10.2020 02:09 Min. Verfügbar bis 11.10.2021 ARD Von Guido Ringel


Nadal ist ein Spezialist, der trotz seiner Erfolge nie aufgehört hat, sich weiter zu entwickeln. In diesem Jahr hat er seinen eigentlich brachialen Power-Schlägen einen sanften Rückhand-Slice hinzugefügt, der mit großer Regelmäßigkeit kurz hinter dem T-Feld landete und kaum noch aufsprang - und der nicht nur Djokovic vor unlösbare Probleme stellte.

Stetige Weiterentwicklung

Der Wandel, die Veränderung, die Weiterentwicklung sind stetige Begleiter des Spaniers, der einst vor allem von der Grundlinie agierte und nur ans Netz vorrückte, wenn es nicht mehr zu verhindern war. Mittlerweile spielt Nadal gelegentlich sogar Serve-and-Volley und schaufelt seine beidhändig gespielte Rückhand nicht nur ins Feld, sondern hat sich krachende Winkelbälle angeeignet, die dem Gegner kaum noch Luft zum Atmen lassen.

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Dass der 34-Jährige ausgerechnet in diesem Jahr sein übermächtiges, sein bestes Tennis aller Zeiten an seinem Lieblingsort spielte, ist deshalb kein Zufall, sondern Resultat einer professionellen Planung - die genau wie seine Schläge seit vielen Jahren zum Spanier gehören.

Nadal nutzte die Corona-Pause mit seinem Trainer Carlos Moya, um sich minutiös auf "sein" Turnier vorzubereiten. Seine physischen Stärken übersteigen die seiner Konkurrenten zumeist deutlich. Seine Variabilität im Spiel hat sich noch einmal erhöht. Und vor allem seine Spezialitäten sind auf diesem Untergrund unerreicht.

Unspielbare Bälle

Im Durchschnitt hat Nadals Vorhand-Topspin 3.200 Umdrehungen pro Minute. Seine Spitzenwerte liegen bei ihm häufiger sogar über 5.000 Umdrehungen. Zum Vergleich: Allrounder Federer spielt mit durchschnittlich 2.700 Umdrehungen.

Nadals Bälle springen extrem hoch ab und sie sind über Schulterhöhe nahezu unbespielbar für die Kontrahenten. Umso erklärlicher waren Nadals Bedenken zu Turnierbeginn, als er sich über die neue Ballmarke beschwerte, die man aufgrund ihres höheren Gewichts nicht auf Sand spielen könne. Ein letztlich unbegründeter Umstand, durch den er seine Dominanz gefährdet sah.

Denn auch Nadal kann eine Diva neben und auf dem Tennisplatz sein. Auch er versucht seine Eigenheiten beizubehalten, auch wenn er seine Gegner damit manchmal tödlich nervt, wenn er in der immer gleichen Routine am T-Shirt zupft, sich im Gesicht herum wischt und den Ball schier unendlich häufig auftickt, ehe er aufschlägt.

Immer noch nervös

Seine größte Stärke ist allerdings, dass er in eineinhalb Jahrzehnten nicht einmal einen Funken Siegeswillen verloren hat und er Erfolge nie als selbstverständlich ansah. Als er im Jahr 2016 eine schwerwiegende Handgelenksverletzung erlitten hatte, drohte ihm sogar kurzfristig das Karriere-Aus. "Es gab Zweifel, es gab Ängste", sagte Nadal damals, "aber meine Leidenschaft, wieder stark zurückzukommen, war noch stärker." Sein Antrieb ist seit jeher ungebrochen. Und treibt manchmal skurille Blüten.

French Open: Nadals Kampfansage an Corona

Sportschau 11.10.2020 01:56 Min. Verfügbar bis 11.10.2021 ARD Von Steffen Gaa


Nadal ist noch immer nervös vor seinen Matches, selbst in der 1. Runde der French Open gegen einen unbekannten Gegner. Das zeugt von seinem Respekt vor seinen Gegnern. Aber es zeugt auch von seiner inneren Unsicherheit, ob er beim bevorstehenden Match gut genug ist, auch diesen Kontrahenten zu besiegen.

Er selbst nimmt sich zerbrechlicher, weniger selbstbewusst wahr als die weltweite Öffentlichkeit. Am Ende werden seine Zweifel von dem unbändigen Wunsch, das nächste Ziel, den nächsten Titel zu erreichen, verdrängt.

"Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden", sagt ein Sprichwort. Rafael Nadal ist noch immer auf der Suche nach seiner Zukunft.

Stand: 11.10.2020, 20:09

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