Australian Open: Neue Regeln bei schlechter Luft

Rod Laver Arena in Melbourne

Buschbrände in Australien weiter ein Problem

Australian Open: Neue Regeln bei schlechter Luft

Von Jannik Schneider (Melbourne)

Weil die Verantwortlichen der Australian Open die Qualifikation in Melbourne trotz schlechter Luftqualität in Folge der verheerenden Buschfeuer durchzogen, hagelte es Kritik. Zum Hauptfeldstart sollen nun neue Regularien die Gesundheit der Akteure schützen. Zweifel bleiben.

Auch mehr als drei Tage nach dem Qualifikationsstart der 108. Australian Open wird nicht gerade üppig über überraschende Siege auf dem Weg ins Hauptfeld, schöne Passierschläge oder die Auslosung gesprochen und berichtet. Im Fokus: die schlechte Luftqualität in Melbourne als Folge der seit Monaten tobenden verheerenden Buschbrände im Land; und die Frage, ob die Organisatoren von Tennis Australia nicht zumindest die erste Qualifikationsrunde am Dienstag (14.01.20) hätten abbrechen oder gar nicht erst hätten starten dürfen.

Schuldfrage und Deutungshoheit

Einige Spieler hatten Atemprobleme, klagten über Kopfschmerzen und Unwohlsein. Ein Ballkind kippte um. Aber um die Welt gingen die Bilder der unbekannten Slowenin Dalila Jakupovic, die fast ohne Luft während ihres Matches zusammenbrach, aufgeben musste und nur mit Hilfe den Platz verlassen konnte.

Die Qualität der Luft ist seitdem von Tag zu Tag besser geworden. Am Freitag (17.01.20) deutete bei zeitweise eitel Sonnenschein und klarer Sicht nichts auf die widrigen Umstände in den Tagen zuvor hin. Dennoch wird weiter über die Schuldfrage diskutiert. Nicht wenige sehen Tennis Australia in der Verantwortung. Der Verband, der zumindest am Dienstag ein unglückliches Bild abgab, ringt seitdem um Deutungshoheit in der Causa und um die Gunst der Spielerinnen und Spieler.

Eigene "Luft-Qualitäts-Politik"

Der Wind soll am Wochenende wieder drehen und die Rauchwolken der mehreren hundert Kilometer entfernten Brände erneut über der Stadt ablegen. Auch deshalb soll eine auf zwei Seiten zusammengefasste extra geschaffene "Luft-Qualitäts-Politik" ab Samstag, dem voraussichtlich letzten Qualifikationstag, nun klare Richtlinien vorgeben.

Über die Verantwortung des Leistungssports beim Thema Klimawandel geht es nur untergeordnet. Mit dem Lifestyle der Tennistour inklusive der ständigen Flüge tragen alle (Veranstalter, Spieler, Betreuer, Fans, Berichterstatter) mehr oder minder direkt zu Naturkatastrophen bei, wie sie Australien gerade besonders treffen. Die jährlichen Buschbrände haben sich in den vergangenen Monaten zu einer nationalen Katastrophe entwickelt. Es gibt bisher 27 Todesopfer, mehr als eine Milliarde Tiere sollen verendet sein. Rund 150 Brände zählen die Behörden alleine in den Bundesstaaten New South Wales und Victoria, zu dem auch Melbourne zählt.

Welle der Solidarität

Australian-Open-Turnierdirektor Craig Tiley

Turnierdirektor Craig Tiley

Eingeleitet durch einen Tweet von Nick Kyrgios gibt es zwar eine Welle der Solidarität und Spenden für die die Opfer der Brände. Spieler zahlen dreistellige Beiträge pro Ass oder Doppelfehler. Tennis Australia hat sich angeschlossen und hielt am Mittwoch zur Primetime ein Showevent ab - mit allen Größen der Szene: Federer, Djokovic, Nadal und Co.. Dabei wurden mehr als vier Millionen für die Opfer eingenommen.

Ansonsten können Bobachter aber leicht den Eindruck gewinnen, dass es für Turnierdirektor Craig Tiley und sein Team ebenfalls nur um die Erwirtschaftung horrender Summen geht. Nach der Auslosung am Donnerstag erklärte der 58-Jährige medienwirksam: "Es gibt viele Spekulationen, dass die Australian Open dieses Jahr abgesagt oder auf später verlegt werden müssen. Aber die Australian Open finden statt."

Tiley bekräftigte - der Kritik mehrerer Qualifikationsspieler zum Trotz - seine Einschätzung, dass die Bedingungen am Dienstag "playable" waren und das Wohl aller Beteiligten oberste Priorität habe. Während viele Journalisten und Spieler in ihrer Berichterstattung und in den sozialen Medien mit dem sogenannten Echtzeit-Luftqualitätsindex (LQI) hantierten, den man für Melbourne googlen kann.

Tennis Australia ermittelt eigene Werte

Ein Wert von 0 bis 50 für den lungengängigen Feinstaub in der Luft gilt dabei als "gut", von 150 bis 200 wird die Belastung schon als "ungesund" eingestuft. Werte von 200 bis 300 gelten als "sehr ungesund", zwischen 300 und 500 als "gesundheitsgefährdend." Dieser Bereich war in Melbourne im Verlauf der Woche gleich an mehreren Stellen innerhalb der Stadt erreicht worden

In den neuen Richtlinien für die Australian Open sind die Werte nun in fünf Kategorien aufgeteilt. Während der ersten drei ist das Spielen möglich. In Kategorie vier (bis 200) soll das Geschehen weiter mit ansässigen Experten überwacht und gegebenenfalls abgebrochen werden. Die Besonderheit: Tennis Australia berechnet einen eigenen "PM2" (particulate matter rating) genannten Wert, der von Experten vor Ort anhand der Luftverschmutzung erstellt wird.

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Keine konkreten Zahlen

Mitarbeiter von Tennis Australia behaupteten gegenüber sportschau.de, dass dieser Wert genauer sei. Weiterhin behaupteten sie, dass dieser eigens berechnete Wert auch am Dienstag zu keiner Zeit über 200 gelegen habe. Konkrete Zahlen konnte oder wollte Tennis Australia bis zum späten Freitagabend (Ortszeit) aber nicht herausgeben.

Wie glaubwürdig diese Aussagen sind? Das Expertenteam bestehe aus erfahrenen Mitarbeitern des Institute of Sport in Camberra, der medizinischen Abteilung des nationalen olympischen Komitees und dem Enviroment Protection Authority des Bundesstaats Victoria, die wohl hauptverantwortlich für die Berechnung des Werts sind.

Hoffnung, Skepsis, Mitleid bei den Spielern

Den Spielerinnen und Spielern in Melbourne bleibt hinsichtlich ihrer eigenen Gesundheit nicht viel mehr übrig, als den Experten und ihren neuen Messwerten zu glauben. Angelique Kerber erzählte in der deutschen Presserunde etwa, dass die Spieler mehrmals via Mail über den aktuellen Stand informiert worden seien. "Wir sind im regen Austausch. Ich vertraue dem Organisationsteam, den Ärzten trotzdem. Sie kümmern sich gut um uns und ich hoffe, dass sie das gut hinbekommen."

Etwas misstrauischer beäugte Argentiniens Topspieler Diego Schwartzman die Situation. Auf Sportschau-Anfrage erklärte die Nummer 14 der Setzliste: "Wir müssen noch mehr spüren, dass die Leute sich hier richtig um uns kümmern. Dienstag und auch Mittwoch waren es gefährliche Bedingungen. Ich habe deswegen weitestgehend auch auf Training verzichtet."

Deutschlands Topspieler Alexander Zverev hatte derweil gar Mitleid mit den Qualifikanten. "Der Rauch war ganz anders als zum Beispiel in China. Den hat man richtig gerochen und gespürt." Zverev selbst durfte zumeist auf den drei überdachten Arenen trainieren; kein unbedingter Vorteil. Durch die Abzüge und die Klimaanlage sei auch in die Stadien Rauch eingedrungen. "Der war zu sehen."

Angrenzend zur Anlage befinden sich im nationalen Trainingscenter nochmals acht Hallenplätze. Dort gab es die gleichen Probleme. Teilweise soll es sogar schlimmer als draußen gewesen sein. Bis zum Freitagabend konnte von Tennis Australia niemand Stellung nehmen, ob das Problem behoben sei.

Buschfeuer beeinflussen die Australian Open Sportschau 14.01.2020 01:14 Min. Verfügbar bis 14.01.2021 Das Erste

Stand: 17.01.2020, 16:24

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