Alexander Zverev - Geduld ist eine Tugend

Alexander Zverev

Australian Open

Alexander Zverev - Geduld ist eine Tugend

Von Jannik Schneider (Melbourne)

Nach seinem erstmaligen Einzug in ein Grand-Slam-Halbfinale ist Alexander Zverev die Erleichterung anzumerken. Die plötzliche und so nicht zu erwartende Leistungsexplosion ist auf zwei Dinge zurückzuführen.

Einer der größten Siege seiner immer noch recht jungen Karriere lag keine zwei Minuten zurück; Alexander Zverev befand sich inmitten des obligatorischen On-Court-Interviews, das nicht nur in Melbourne überwiegend Legenden des Sports führen. John McEnroe, das ehemalige enfant terrible des Tennissports, erledigte seine Aufgabe nahezu journalistisch verantwortungsvoll, als er diebisch nachfragte: "Ich muss das fragen. Steht deine Aussage nach dem Erstrundensieg noch – also – dass du dein gesamtes Siegerpreisgeld für die Opfer der Buschfeuer spendest, wenn du das Turnier gewinnst?"

Zverev erster deutscher Grand-Slam-Halbfinalist seit 2009

"Es ist leicht, so etwas nach dem ersten Match rauszuposaunen, was?", entgegnete Zverev und lachte. Zu Beginn des Turniers hatte er öffentlichkeitswirksam angekündigt, 10.000 australische Dollar (6.200 Euro) für jeden Sieg während des Turniers zu spenden. "Wenn ich das Turnier gewinne, spende ich das gesamte Preisgeld." Damit würde er das bisher eingesammelte Geld – rund 2,8 Millionen australische Dollar – nahezu verdreifachen. Auf McEnroes Frage erklärte Zverev nun noch einmal ausführlich, warum er den Opfern gerne helfe und kassierte von den Zuschauern in der noch gut gefüllten Rod Laver Arena einen Jubel, der sich lauter anhörte als zu weiten Teilen des Matches.

Dass die angekündigte Spende nun tatsächlich Realität werden könnte, ist eine große Überraschung. Alexander Zverev schreibt in diesen Tagen seine eigene, sportliche Geschichte gänzlich um. Sie liest sich erfolgreicher, als das vor dem ersten Jahreshöhepunkt zu erwarten war. Nach dem 1:6, 6:3, 6:4 und 6:2-Erfolg gegen den dreimaligen Grand-Slam-Champion Stanislas Wawrinka (34, Schweiz) steht der 22-Jährige erstmals im Halbfinale eines Grand Slams. Der letzte männliche deutsche Akteur, dem dies gelang, war Tommy Haas 2009 beim Turnier in Wimbledon

Nach 2019 weiß Zverev den Hausfrieden zu schätzen

Für den plötzlichen Erfolg macht Zverev vor allem sein langjähriges Team verantwortlich. Er sei einfach glücklich. Sein bester Freund sei da, sein Team, seine Freundin. Alle seien sehr verständnisvoll. "Wir Tennisspieler sind nicht immer einfach im Umgang, wenn etwas nicht so gut läuft. Weil uns der Sport so viel bedeutet." Sein Umfeld lobte die Nummer sieben der Welt, wie schon vor Turnierbeginn, für ihre harte Arbeit und verständnisvolle Art.

Das war 2019 anders, als es Querelen mit seinem damaligen Manager gab. Deswegen weiß Zverev den Frieden, der um sich herum herrscht, zu schätzen. Zverev gab in der Retrospektive an, zwischenzeitlich die Lust am Sport verloren zu haben. Und das schien zu Beginn des Jahres beim ATP-Cup nicht viel besser zu sein. Nach einer Augen-OP wegen eine Hornhautverkümmung, die er wegen einer Showturnierreise erst spät machen ließ, war eine angemessene Vorbereitung unmöglich. Das Ergebnis enstprechend: drei Spiele, drei Pleiten, 31 Doppelfehler und eine desaströse Außendarstellung.

Keine drei Wochen später steht Zverev im Habfinale der Australian Open vor seinem wichtigsten Match. "Es liegt wirklich nur an dem harten Training und der Fokussierung vor dem Turnier", erklärte Zverev eine Stunde nach dem Wawrinka-Match. Neun, zehn Tage harte Arbeit. "Wirklich. Das ist der Hauptgrund. Ich habe wieder Kontrolle über mein Spiel. In Brisbane habe ich einfach schlecht gespielt, keine Ausreden gesucht.“

Zverev über Grand-Slam-Erfolg: "Wollte es so sehr"

Wer Zverev tatsächlich in der Woche vor Beginn der Australian Open und während des Turniers beobachtete, erlebte einen fokussierten jungen Tennisspieler, der während der Trainingszeit akribisch arbeitete. Am Tag zwischen seinem Drittrundenerfolg gegen Fernando Verdasco und dem Achtelfinalsieg gegen Andrey Rublev legte Zverev etwa nach seinem normalen Pensum noch eine Extraeinheit Returntraining ein.

Sein Team um Fitnesstrainer Jez Green, Pysiotherapeut Hugo Gravil und Hittingpartner Sergej Bubka junior wirkten sehr zufrieden. Sie haben neben Vater Zverev alle einen großen langfristigen Anteil am sich nun urplötzlich und kurzfristig einstellenden Erfolg. Öffentlich sprechen tun sie nicht. Klar wird aber: Die Fokussierung vor dem Turnier hat dem gesamten Team gutgetan. Und dann ist da noch der nicht zu unterschätzende mentale Aspekt. Er sei in den vergangenen Jahren fast schon zu professionell gewesen während der vier größten Turniere. "Ich wollte es so sehr, dachte, diese Turniere wären der einzige Grund, warum ich den ganzen Aufwand betreibe."

Doch hier in Melbourne habe er nach den vorigen Leistungen keinerlei Erwartungshaltung gehabt. "Hier bin ich relaxter, verbringe mehr Zeit außerhalb der Tennisplätze", sagte Zverev. Er unternehme fast täglich etwas mit Marcelo Melo (seinem besten Freund, ein brasilianischer Doppelspieler), Sergej Bubka oder seiner Freundin. "Nur während des Trainings bin ich fokussiert. Wenn man 24 Stunden nur an Tennis denkt, wird man müde."

Am Freitag trifft der gebürtige Hamburger auf Dominic Thiem. Zverev hat gegen den Österreicher eine negative Bilanz.

Stand: 29.01.2020, 12:03

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