Vor 40 Jahren: Boykott der Olympischen Spiele in Moskau

Der Olympia-Boykott 1980 Sportschau 15.05.2020 03:18 Min. Verfügbar bis 15.05.2021 Das Erste

Als die Politik die Athleten stoppte

Vor 40 Jahren: Boykott der Olympischen Spiele in Moskau

Von Michael Ostermann

Am 15. Mai 1980 beschloss der organisierte Sport der Bundesrepublik Deutschland sich dem US-Boykott der Olympischen Spiele in Moskau anzuschließen. Die Debatte darüber spaltete den westdeutschen Sport. Leidtragende waren die Athleten. Auch jene, die an den Spielen teilnahmen.

Sport und Politik muss man trennen. Das ist eine Art Mantra im Weltsport. Das dies in der Realität nicht funktioniert, ist auch keine ganz neue Erkenntnis. Der Sport ist politisch, und die Politik hat Einfluss auf den Sport.

Auf dem Leistungshöhepunkt ausgeschlossen

"Großen Quatsch", nennt deshalb auch Prof. Dr. Thomas Wessinghage das Postulat von den getrennten Welten. "Das sind alles gesellschaftliche Strömungen, die verwoben sind", sagt er. "Man könnte auch sagen, Sport und Medizin haben nichts miteinander zu tun. Aber dann kommt der Erste und sagt, denkt mal an Doping und der Zweite sagt, Spitzensport ohne medizinische Betreuung kann man gar nicht mehr durchführen."

Prof. Dr. Thomas Wessinghage

Prof. Dr. Thomas Wessinghage

Der 68-Jährige ist Orthopäde. Er arbeitet als Chefarzt an einer privaten Klinik in Bayern. Vor 40 Jahren hat die Politik maßgeblichen Einfluss auf seine Karriere als Sportler genommen. Damals war Wessinghage ein Weltklasse-Leichtathlet. Bis heute haben seine deutschen Rekorde über 1500 Meter und 2000 Meter Bestand. 1982 wurde er Europameister über 5000 Meter.

Nur eine Olympiamedaille blieb ihm verwehrt. "1972 war ich zu jung, 1976 zu blöd", sagt er rückblickend. "1980 war für mich der Leistungshöhepunkt, da durfte ich nicht mitmachen." Die Mitgliederversammlung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) hatte am 15. Mai 1980 beschlossen, dass keine westdeutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Moskau starten würde und war damit der Entscheidung des NOK-Präsidiums und der Empfehlung der Politik gefolgt. Man schloss sich dem Boykott der USA an.

US-Präsident Carter als treibende Kraft

Jimmy Carter (l.) und Helmut Schmidt

Jimmy Carter (l.) und Helmut Schmidt

Dort hatte das Olympische Komitee nach massivem Druck des Weißen Hauses im April entschieden, die Spiele in der Hauptstadt der Sowjetunion zu boykottieren. US-Präsident Jimmy Carter sah den Boykott als ein Mittel, um Druck auf die Sowjetunion auszuüben, ihre Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Die Sowjets waren im Dezember 1979 in das Land am Hindukusch einmarschiert.

Die Carter-Administration, die sich 1980 einer Präsidentschaftswahl stellen musste, wollte Härte zeigen. "Die Glaubwürdigkeit der US-Außenpolitik stand auf dem Spiel. Carter hatte schon bei seinem Amtsantritt 1977 erklärt, dass er gegenüber der Sowjetunion aus einer Position der Stärke heraus handeln wolle", erklärt der Sporthistoriker Prof. Stephan Wassong von der Deutschen Sporthochschule Köln.

Olympiaboykott 1980: Sporthistoriker Wassong über die Rolle von US-Präsident Carter Sportschau 14.05.2020 01:53 Min. Verfügbar bis 14.05.2021 Das Erste

Der US-Präsident hoffte, dass der Boykott eine breite Unterstützung finden und auch das IOC sich auf seine Seite schlagen würde. Doch das erwies sich als Trugschluss. "Das IOC wollte einen zweiten Boykott 1980 verhindern", sagt Wassong. Schon bei den Spielen von 1976 in Montreal hatte es einen Boykott von 14 afrikanischen Staaten aus Protest gegen das Apartheid-Regime in Südafrika gegeben. Auch eine Absage kam für das IOC und seinen damaligen Präsidenten Lord Killanin nicht in Frage.

Olympia 1980: "Politische Boykotte waren für das IOC nichts Neues" Sportschau 14.05.2020 01:12 Min. Verfügbar bis 14.05.2021 Das Erste

Gespaltener westdeutscher Sport

Der westdeutsche Sport war in der Frage des Boykotts gespalten und damals auch organisatorisch noch nicht unter dem Dach des DOSB vereint. Während das NOK unter Führung von Willi Daume gegen einen Boykott war und damit der Linie des IOC folgte, sprach sich der Präsident des Deutschen Sport Bundes (DSB) Willi Weyer nach anfänglicher Skepsis dafür aus, die Spiele von Moskau zu boykottieren. "Es gab eine Vielzahl von Einflüssen, die damals eine Rolle gespielt haben, persönliche Ambitionen, all das hat die Abstimmung beeinflusst", erinnert sich Wessinghage.

Olympiaboykott 1980: "US-Regierung übte Druck aus" Sportschau 14.05.2020 01:55 Min. Verfügbar bis 14.05.2021 Das Erste

Thomas Wessinghage mit der Goldmedaille bei der EM 1982

EM-Gold, aber keine Olympiamedaille: Thomas Wessinghage 1982

Auch Wessinghage selbst durfte damals als Vertreter der Leichtathleten seine Bedenken bei einem persönlichen Gespräch mit dem Bundeskanzler vortragen. "Wir haben versucht, Herrn Schmidt davon zu überzeugen, dass der Boykott sicherlich nichts bringt und wir Athleten doch erhebliche Nachteile in Kauf nehmen würden", erzählt er. Erfolgreich war er mit seiner Eingabe nicht.

Entscheidung der Fachverbände

Sitzung der NOK-Fachverbände am 15. Mai 1980

Sitzung der Fachverbände am 15. Mai 1980 mit DSB-Präsident Willi Weyer (l.) und NOK-Chef Willi Daume (r.)

Die Entscheidung fiel auf einer Versammlung der Fachverbände. "Das war keine politische, sondern eine sportpolitische Entscheidung, bei der die Fachverbände ihren eigenen Vorteil gesucht haben", sagt Wessinghage heute. So stimmten etwa viele Wintersportverbände, die ihre Olympischen Spiele bereits im Februar in Lake Placid abgehalten hatten, für einen Boykott. Ebenso Volleyballer und Basketballer, die sich für Moskau gar nicht qualifiziert hatten.

Wessinghage glaubt, dass dabei vor allem finanzielle Interessen eine Rolle gespielt haben, weil die Höhe der Fördermittel des Staates für die einzelnen Verbände vom Abschneiden bei den Olympischen Spielen abhing. Das Ergebnis der Abstimmung sei deshalb abzusehen gewesen. "Aber sie war nicht sportlich und sie war nicht fair", sagt Wessinghage.

Die anderen dürfen nach Moskau fahren

Für viele Athleten brach mit der Entscheidung für den Boykott eine Welt zusammen. Etwa für Guido Kratschmer, der damals als Favorit auf Gold im Zehnkampf galt. Erst vor 15 Jahren habe es aufgehört wehzutun, hat Kratschmer kürzlich der Süddeutschen Zeitung erzählt. Auch Wessinghage bedauert bis heute, dass ihm die Gelegenheit verwehrt geblieben ist, eine Olympiamedaille zu gewinnen.

Zumal die Bundesrepublik einer der wenigen wichtigen Sportnationen waren, die sich dem Boykott anschlossen. Briten, Franzosen, Italiener entschieden sich für die Reise nach Moskau. "Mit jedem Land, das nach Moskau fuhr, wussten wir, wir werden am Ende die Dummen sein", sagt Wessinghage. "Der große Boykott, den Jimmy Carter im Kopf hatte, der fand nicht statt."

Fader Beigeschmack und Gegenboykott

Siegerehrung, DDR-Mannschaft

Die DDR-Handball-Mannschaft bei der Siegerehrung in Moskau

Auch die DDR schickte selbstverständlich ein Olympia-Team in den sozialistischen Bruderstaat. Doch auch an den ostdeutschen Athleten ging der Boykott nicht spurlos vorüber. "Wenn man Spiele spielt, will man gegen die Besten kämpfen", sagt Wieland Schmidt. Schmidt war damals einer der besten Handballtorhüter der Welt. Er wurde mit dem DDR-Team in Moskau Olympiasieger.

Ein großer Erfolg - mit einem Schönheitsfleck. Wichtige Handballnationen wie die Dänen, Jugoslawen, Rumänen waren zwar dabei in Moskau, aber mit der Bundesrepublik fehlte der Weltmeister von 1978 und große Rivale. "Wir hatten die Bundesrepublik 1979 bei einem Turnier schon geschlagen. Da wussten wir, dass wir gut drauf sind und jeden schlagen können", sagt Schmidt. "Trotzdem, ein fader Beigeschmack bleibt immer."

Vier Jahre später durften dann wiederum Schmidt und seine Teamkollegen nicht versuchen, ihren Erfolg zu wiederholen. Denn die sozialistischen Staaten des Ostblocks boykottierten nun ihrerseits die Spiele von Los Angeles. Offiziell aus Angst um die Sicherheit ihrer Athleten.

Schmidt befand sich mit seiner Mannschaft und anderen Sportlern des DDR-Olympiakaders im Trainingslager, als er vom Gegenboykott erfuhr. "Wir waren schon eingekleidet worden und ich kann mich erinnern, es gab Schuhe mit dem Schriftzug Los Angeles. Ich habe die nie angezogen, weil ich sauer war, dass wir da nicht hinfahren können", erzählt Schmidt. "Es ging da gar nicht um den Sport."

"Turnier der Freundschaft als Ersatz"

Die ostdeutschen Sportfunktionäre reisten trotz des Boykotts in die USA, so wie die westdeutschen Sportfunktionäre 1980 auch nach Moskau geflogen waren. Für die Handballer gab es zum Trost ein "Turnier der Freundschaft" gegen die sozialistischen Bruderstaaten, das die DDR dann auch gewann. "Aber das hatte nichts mit Olympischen Spielen zu tun, das war eigentlich so richtig traurig."

Wessinghage verpasst Spiele 1984 verletzt

Auch Schmidt glaubt nicht, dass sich Politik und Sport voneinander trennen lassen. Da ist er sich mit dem ehemaligen westdeutschen Leichtathleten Wessinghage einig. Immerhin dürfe man als mündiger Bürger heute seine Meinung sagen, meint Schmidt.

Für Wessinghage, der das 1980 tat, den Boykott damit aber nicht verhindern konnte, gab es 1984 übrigens auch keine Gelegenheit, die verpasste Chance auf eine Medaille nachzuholen. Eine Verletzung hinderte ihn an der Teilnahme in Los Angeles.

40 Jahre nach dem Olympia-Boykott 1980 Sportschau 15.05.2020 10:00 Min. Verfügbar bis 15.05.2021 Das Erste

Stand: 15.05.2020, 08:00

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