DEL-Hauptrunde: Von sauren Heringen, wilden Bärten und vergessenen Kroaten

Jan-Mikael Järvinen (l.) aus Mannheim gegen den Münchener Trevor Parks

Crunch Time in der DEL

DEL-Hauptrunde: Von sauren Heringen, wilden Bärten und vergessenen Kroaten

Von Burkhard Hupe

Die DEL erreicht die Zielgerade der langen Hauptrunde. Die große Spannung ist raus, denn die großen Dramen sind längst erzählt. Und dennoch könnten es die besten Playoffs aller Zeiten werden.

Am Ende geriet alles zum Sinnbild der Kölner Krise: Die Fans wollten nach der Pleite im Derby gegen Düsseldorf am Sonntag (16.02.20) ihre Spieler nicht mehr, die Spieler wollten ihre Fans nicht mehr. Niemand wollte mehr die Verzweiflung auf der anderen Seite aushalten und mit der eigenen multipliziert wissen. Der Team-Bus wurde wütend belagert, die Spieler wurden bepöbelt. Der Verein duckte sich, drückte die Versager hastig über den Parkplatz durch das Sturmtief Victoria. Ausgerechnet "Victoria", nach 15 Niederlagen am Stück.

Aus dem stolzen Hai, mit Titelambitionen in die Saison gestartet, ist ein saurer Hering geworden. Die Playoffs sind so gut wie weg. Der Systemabsturz ist komplett. Der Coach Mike Stewart hat den Reset-Schalter immer wieder gedrückt, doch es war gar kein Strom mehr auf der Leitung.

M und M: Die Maße aller Dinge

Und so stellen München und Mannheim wie erwartet das Doppel-M an der Tabellenspitze, jetzt da die DEL in die Crunch Time geht. Die Münchener scheinen dabei in dieser Saison einen glatten Durchmarsch anzustreben. Nach 13 Start-Siegen am Stück hätten sie leicht in den Modus der Autosuggestion umschalten können: "Wir sind so gut. Wir sind unschlagbar!"

Da hinter der Bande jedoch weiterhin der unberührbare Don Jackson das Sagen hat, entkamen die Münchner zumeist dem tückischen Sekundenschlaf, der auch im Eishockey nicht selten ist. Das große Pfund für die Playoffs bedeutet auch in diesem Jahr die große Kohle, die dem Klub trotz mäßiger Zuschauerzahlen zur Verfügung steht: Geld schießt eben auch im Eishockey die meisten Tore, vor allem im Powerplay.

Der deutsche Meister aus Mannheim hat ein bisschen gebraucht, bis er sicher in die Erfolgsspur fand. Maßgeblichen Anteil an einer relativ kommoden Hauptrunde hatte Borna Rendulic, den hierzulange nur kannte, wer frei von jedweden sozialen Verpflichtungen die Zeit hatte, den kuriosen Lebenslauf eines kroatischen Stürmers zu verfolgen, der es immerhin auf ein Dutzend NHL-Einsätze gebracht hatte, um dann in der Versenkung zu verschwinden. In Mannheim traf Rendulic schon 25 Mal, so oft wie kein anderer Stürmer in der DEL.

Rekordmeister als Geheimfavorit

Von den Topklubs an der Tabellenspitze sind die Eisbären vielleicht so etwas wie der Geheimfavorit auf den Titel, was natürlich erstmal komisch klingt, weil die Berliner ja gemeinsam mit Mannheim immer noch DEL-Rekordmeister sind. Aber: Es war nach einer schwachen Vorsaison nicht zwingend abzusehen, dass der Hauptstadtklub so sicher in den Playoff-Hafen einfahren würde. Vor allem auf der Torhüter-Position zeigen die Herren Dahm, Franzreb und Pogge eher Rätsel als Lösungen auf. Dafür besitzen die Eisbären die erfolgreichsten Variablen im Angriff: Schon acht Spieler trafen bislang zweistellig.

Kleine Klubs fürs große Gefühl

Die Straubing Tigers machen die Raupe

Die Straubing Tigers machen die Raupe.

Bleibt abschließend noch der Romantik-Check. Denn nichts anderes verkörpern die kleinen Klubs aus Straubing und Bremerhaven. Hier ist alles noch ein bisschen so wie früher: Die Hallen sind kalt, das Bier gibt’s aus großen Plastikbechern, und auf den Stehplätzen kleben die Schuhe fest.

Straubing verteidigt quasi vom Saisonstart weg seinen Platz im oberen Tabellenviertel, schießt mehr Tore als fast alle anderen Klubs, zeigt das beste Unterzahlspiel und spielt in einer Halle, die den Gegner immer wieder das Grauen lehrt. Außerdem sollte Straubing schon deshalb recht lange im Playoff-Geschäft dabei bleiben, weil die deutschen Sportjournalisten und ihre Leser dann ausgiebig mit dem faszinierenden Pseudonym "Gäubodenstadt" umgehen dürfen. Das klingt nach Schuhplatteln, Jodeln und solchen Sachen – hat damit aber nix zu tun.

Bremerhaven hat sich genauso wie Straubing noch einmal verbessert. Was umso erstaunlicher ist, weil der Klub vor der Saison gleich ein halbes Dutzend Stammspieler an die Konkurrenz verlor. Doch im Norden wird nicht ge(wind)jammert, sondern gesurft. Auf einer Erfolgswelle, die auch die neuen, weithin unbekannten Spieler aus Tschechien, Polen oder der DEL2 auf ein neues Level hievte. Außerdem muss Bremerhaven schon deshalb recht lange im Playoff-Geschäft bleiben, weil der wilde Schnurrbart von Teammanager Alfred Prey noch sehr oft im Bild zu sehen sein sollte. Und damit auch seine Spürnase, die mittlerweile auf dem Weg zum Legendenstatus ist.

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DEG sollte spielen und nicht pokern

Die Jahre, in denen die Düsseldorfer EG mit wenig Kohle noch weniger Punkte einfuhr, und die Saison zu oft auf dem letzten Platz beendete, sind noch nicht so lange her. Und so bedeutet eine direkte Teilnahme an den Playoffs noch immer eine große Genugtuung. In dieser Saison umso mehr, weil gerade zum Jahreswechsel oftmals ein Kleinbus ausgereicht hätte, um das Team zu den Auswärtsspielen zu fahren. Wochenlang musste Trainer Harold Kreis mit nur vier Verteidigern auskommen und schnitzte sich dazu mit viel Phantasie maximal drei Angriffsreihen. Deshalb wurden in dieser Zeit viele Spiele nach Führung noch verloren, weil am Ende einfach die Kräfte fehlten.

Doch nun, rechtzeitig vor der entscheidenden Phase der Saison, tröpfeln die Rekonvaleszenten zurück in die Mannschaft, und die DEG kann längst wieder 60 oder 65 Minuten dagegenhalten. Das Toreschießen und das Powerplay sind zwar noch ausbaufähig, aber: Wer mit Matthias Niederberger den besten und stabilsten Torhüter zwischen den Pfosten weiß, der kann sich auch in den Playoffs etwas ausrechnen. Es darf den Düsseldorfern nur eines nicht passieren: ein öffentlicher Vertragspoker mit dem Nationaltorhüter, der dem Vernehmen nach heftig von Berlin und Köln umworben wird.

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Auch über Nürnberg, Augsburg, Ingolstadt und selbst über Wolfsburg könnte man dieser Stelle ein paar Zeilen verlieren. Was ja vielleicht auch noch passiert, wenn diese Klubs ihre Vorplayoffs ausgespielt haben. Eines haben sie allerdings jetzt schon gemein: Der Neid der kölschen Eishockeyfans ist ihnen gewiss.

Stand: 18.02.2020, 09:08

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