Boxverband AIBA: Umstrittener Präsident und drohende Abspaltung

Umar Kremljew

Nach Wahl von Umar Kremlew zum AIBA-Chef

Boxverband AIBA: Umstrittener Präsident und drohende Abspaltung

Von Robert Kempe

Der vom IOC suspendierte Box-Weltverband AIBA hat einen neuen Präsidenten. Doch ob die Wahl von Umar Kremlew vor einer Woche den geforderten Neuanfang bedeutet, ist fraglich. Im Hintergrund gibt es offenbar Bestrebungen, einen neuen Verband zu gründen.

"Eigentlich wollten wir einen Neuanfang im internationalen Verband", erklärt Erich Dreke, Präsident des deutschen Boxsport-Verbandes. Am vergangenen Samstag (12.12.2020) entschied sich der skandalträchtige Weltverband AIBA aber eher für Altbewährtes. Mit 57 Prozent der Stimmen wurde der Russe Umar Kremlew zum neuen Präsidenten der AIBA gewählt. Viele im internationalen Boxsport fragen sich nun, wie es mit dem Verband weitergeht, der seit Mai 2019 vom IOC wegen Unregelmäßigkeiten im Kampfrichtersystem, Misswirtschaft und undurchsichtiger Verbandsführung suspendiert ist.

Kremlew will Schulden abbauen - mit welchem Geld?

Kremlew hat angekündigt, die AIBA zu reformieren. Den Verband wolle er "reinwaschen"  und zu einem der "transparentesten Verbände" weltweit machen, ließ er in russischen Medien verlauten. Die AIBA ist bisher so gut wie handlungsunfähig. Verbindlichkeiten von rund 16 Millionen Euro belasten den Verband.

Vor allem da will Kremlew, der auch Generalsekretär des russischen Boxverbandes ist, ansetzen. In den ersten sechs Monaten will er die Schulden ausgleichen und außerdem über zwei Jahre rund 40 Millionen Euro in den Weltverband pumpen. Den nationalen Verbänden verspricht er zusätzlich 1,6 Millionen Euro jährlich. Wo Kremlew das Geld auftreiben will, ist unklar. "Bis jetzt hat er das nicht dargelegt", erklärt Erich Dreke.

Schon vor einem Jahr tönte Kremlew, der in der Vergangenheit seinen Nachnamen änderte, die Schulden des Verbandes zu begleichen. Eine Ankündigung, die auch im IOC Argwohn auslöste. In einem Bericht der IOC-Untersuchungskommission, die die Unregelmäßigkeiten in der AIBA aufgearbeitet hat und den vermeintlichen Reformprozess weiter beobachtet, heißt es: "Recherchen in der Öffentlichkeit zeigen, dass Herr Umar Kremlev seinen Namen von Umar Lutfuloev geändert hat; seine verschiedenen geschäftlichen Unternehmungen scheinen nicht in der Lage zu sein, genügend persönliche Ersparnisse zu sichern, um die Schulden der AIBA zu decken."

Gut vernetzt in der russischen Politik

Es ist also wenig transparent beim Transparenz-Versprecher Kremlew. In Russland ist Kremlew gut vernetzt, gerade versucht sich der frisch gewählte Weltpräsident mit einem finanziell sehr liquiden Oligarchen auf dem russischen Sportwettenmarkt zu etablieren. Dafür wandte sich Kremlew gar an den russischen Premierminister und regte eine Gesetzesänderung an, die vor kurzem das Parlament passierte.

Kremlew ist, wie in Russland üblich, ein Sportfunktionär mit starker Nähe zur russischen Staatsführung. In seinem Büro hängt ein Bild von Wladimir Putin. Kremlew selbst war Mitglied der Nachtwölfe, einer nationalistischen und regierungstreuen Motorrad-Gang, die sich gern als Leibgarde Putins positioniert und deren Chef den einstigen Sowjetführer Josef Stalin als Helden verehrt. Kremlew erhielt, laut russischem Boxverband, gar vom Verteidigungsministerium eine Ehrenmedaille "Für die Rückkehr der Krim".

Fest an der Seite seines Vorgängers

Der neue Boxpräsident gilt als Mann der alten Garde im Verband. Treu hielt er zu seinem Vorgänger Gafur Rachimow, der 2018 den Boxthron erklomm und eine der dubiosesten Figuren im Weltsport war. Das US-Finanzministerium führt den Usbeken auf einer Liste der mutmaßlichen Köpfe organisierter Kriminalität. Als das IOC damals vor der Wahl Rachimows warnte, stand Kremlew an der Seite des zwielichtigen Rachimow. Gegenüber der Sportschau verbat sich Kremlew damals eine Einmischung des IOC. "Man kann den Verbänden nicht vorschreiben, wen sie wählen sollen", kritisiert der Russe.

"Jetzt hängt die Existenz des Verbandes am IOC", sagt der deutsche Verbandspräsident Dreke. "Es kommt darauf an, wie sich das IOC verhält und auf die Wahl Kremlews reagiert." Auf Sportschau-Anfrage erklärte das IOC, dass man weiter "sehr besorgt über den mangelnden Fortschritt in Bezug auf die Governance-Reformen in der AIBA" sei. Die Frage, ob der Boxverband wieder zurückkehren darf in den Kreis der Olympia-Verbände werde "erst nach den Olympischen Spielen in Tokio 2020 überprüft".

Bestrebungen für einen neuen Verband

Doch bis dahin kann viel passieren. Denn die Wahl Kremlews spaltet schon jetzt die Boxwelt. Im Hintergrund laufen im geheimen Vorbereitungen, einen neuen internationalen Verband zu entwickeln, bestätigt der deutsche Boxverbandschef Erich Dreke gegenüber der Sportschau: "Wir wurden über Mittelsmänner kontaktiert, ob wir uns vorstellen könnten, einem neuen Verband beizutreten."

Fünf nationale Verbände sollen bereits die Registrierung eines neuen Verband in der Schweiz beantragt haben. Eine neuer Weltverband sei für die deutschen Boxer eine Option, sollte sich in der AIBA nichts ändern, so Dreke weiter. "Wenn sich ein neuer Verband entwickeln würde, bei dem der Sport im Vordergrund steht, bei dem es ein nachvollziehendes Kampfrichtersystem gibt und transparente Strukturen, dann würden wir uns einem neuen Verband zuwenden." Nach Sportschau-Informationen sollen Rechtsanwaltskanzleien aus den USA und der Schweiz bei dem Prozess einer neuen Verbandsgründung beteiligt sein. In wenigen Wochen will man an die Öffentlichkeit gehen.

Letztlich aber muss das IOC grünes Licht für einen neuen Boxverband geben. Die Idee einer neuen Boxvertretung wurde dort zwar immer wieder diskutiert, doch ist es fraglich, ob man beim Ringe-Konzern offen auf Konfrontationskurs mit dem putinnahen Kremlew geht. Traditionell sind die Verbindungen zwischen manchen IOC-Mitgliedern und Russland eng. Dazu passt, das sich Kremlew in der russischen Presse über reichlich Glückwünsche zu seiner Wahl aus Kreisen des IOC freute.

Olympia 2020 in Tokio - IOC schließt Boxweltverband aus Sportschau 30.06.2019 05:29 Min. Verfügbar bis 31.12.2021 Das Erste

Stand: 18.12.2020, 09:54

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