Alexander Zverev ist der deutsche Einzelkämpfer

Alexander Zverev

Halbzeitbilanz von den Australian Open

Alexander Zverev ist der deutsche Einzelkämpfer

Von Jörg Strohschein

Die erste Woche bei den Australian Open ist vorbei. Aus deutscher Sicht gibt es nicht viel, was die Tennisfans glücklich stimmen könnte. Aber es gibt auch wieder einmal eine positive Überraschung bei den Spielern. Und die Zuschauer schreiben eine ganz eigene Geschichte.

Alexander Zverev locker wie lange nicht

Alexander Zverev sieht in den Tagen von Melbourne eher wie ein Basketballspieler denn wie ein Tennisprofi aus - ärmellose Shirts, luftige kurze Hosen. Und so leger der letzte verbliebene deutsche Teilnehmer seine Kleidung bei den Australian Open wählt, so entspannt, konzentriert und dominant bestreitet er auch seine Matches.

Erst einen Satz hat der 23 Jahre alte Deutsche bislang in vier Partien abgegeben. Damit ist er zum fünften Mal in die zweite Woche eines Grand-Slam-Turniers eingezogen. Alle übrigen DTB-Spieler wie Jan-Lennard Struff, Dominik Koepfer, Yannick Hanfmann und Cedrik-Marcel Stebe sind frühzeitig ausgeschieden. Zverev ist ein Einzelkämpfer unter der australischen Sonne.

Alexander Zverev schlägt eine Vorhand bei den Australian Open in Melbourne.

Vorbei scheinen die Zeiten, in denen der Hamburger als Wackelkandidat galt und er auch an kleineren Hürden scheitern konnte. Gerade die jüngste Saison-Vorbereitungszeit habe eine entscheidende Rolle gespielt. "Wir haben viele Dinge angeschaut, weshalb ich viele enge Matches verloren habe. Man kann die harte Arbeit so langsam sehen", sagte Zverev nach dem Dreisatz-Erfolg gegen Dusan Lajovic. Zverev steht näher an der Grundlinie, lässt sich nicht mehr dauerhaft so weit in die Defensive drücken. Er sucht zudem viel öfter den Weg zum Netz.

Und seine Labilität und Fehleranfälligkeit bei seinen Aufschlägen gerade in Drucksituationen scheint er in den Griff bekommen zu haben. 65 Assen stehen lediglich 16 Doppelfehler in den vier Begegnungen gegenüber. Eine Fehleranzahl, die Zverev in früheren Zeiten auch schon einmal in nur einer Partie unterlief.

Die ganz große Nervosität scheint gewichen. "Es fühlt sich etwas gewohnter und ruhiger an", sagt Zverev: "Aber die schwersten Matches liegen noch vor mir." Tatsächlich muss Zverev am Dienstag (16.02.2020) gegen die Nummer 1 der Welt, Novak Djokovic, antreten. Der Serbe hat in der Vorrunde gegen Milos Raonic (Kanada) seinen 300. Grand-Slam-Sieg gefeiert. Zverevs Bilanz gegen Djokovic lautet derzeit 2:5.

Zverevs schwere Viertelfinal-Aufgabe gegen Djokovic

Sportschau 15.02.2021 00:50 Min. Verfügbar bis 15.02.2022 ARD Von Matthias Cammann


Deutsches Damen-Tennis in der Bedeutungslosigkeit?

Angelique Kerber bei den Australian Open

Die Bilanz der deutschen Damen könnte kaum ernüchternder sein. Angelique Kerber, Andrea Petkovic, Laura Siegemund mussten bereits nach der ersten Runde wieder ihre Koffer packen. Lediglich Mona Barthel gelang ein Sieg. In Runde zwei war aber auch für die 30-Jährige aus Bad Segeberg Schluss.

Die Zeiten, in denen Kerber, Petkovic und Co. wie selbstverständlich in der Weltspitze eine gute Rolle spielten, scheinen endgültig vorbei. Die "Goldene Generation" um Kerber und Petkovic rückt dem Karriereende immer näher. Aber was kommt danach?

Es scheint, als ob sich die Fans vom deutschen Damen-Tennis erst einmal auf eine längere Durststrecke einstellen müssten. Es gibt derzeit mit Kerber (Nr. 25) und Laura Siegemund (Nr. 49) gerade einmal zwei Spielerinnen unter den Top 100 der Damen. "Wir müssen jetzt sehr viel Geduld haben. Da ist eine große Lücke entstanden", sagt Bundestrainerin Barbara Rittner in Dauerschleife.

Spielerinnen wie Anna-Lena Friedsam, Annika Beck, Dinah Pfizenmaier, Antonia Lottner oder auch Carina Witthöft sollten diese Lücke eigentlich füllen. Andere Lebensziele (Beck studiert Medizin), zu hoher Leistungsdruck (Witthöft) oder auch Verletzungspech (Friedsam) oder zu wenig gute Ergebnisse auf der WTA-Tour verhinderten aber den geplanten Fortschritt.

Nahezu eine ganze Generation an talentierten Spielerinnen ist dem deutschen Damen-Tennis damit weggebrochen. Es gebe zwar einige vielversprechende Talente im DTB, aber die bräuchten noch Zeit, sagt Rittner.

Wer ist Aslan Karazew?

Aslan Karazew

Aslan Karazew spielt ein überraschend starkes Turnier in Melbourne.

Eine Überraschung gibt es immer mal wieder bei den vier Grand-Slam-Turnieren. Bei den Australian Open sorgt nun ein Mann für Aufsehen, den wohl nur Insider der Tennis-Tour bislang kannten. Aslan Karazew ist als Nummer 114. der Welt bei diesem Turnier angetreten - wenn er Down Under wieder verlassen wird, dürfte er allerdings einen ordentlichen Sprung nach vorne in der Weltrangliste gemacht haben.

Der 27-Jahre alte Russe hat sich für das Viertelfinale qualifiziert. Dabei hatte er sich erstmals für ein Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers qualifiziert und sich gleich bis in die Runde der letzten acht durchgespielt. Das hatten seit Beginn der Open Era im Jahr 1968 überhaupt erst sechs Spieler geschafft. Dabei hatte Karazew unter anderem die hochfavorisierten Diego Schwartzmann (Argentinien) und Felix Augier-Aliassime (Kanada) mit seinen brachialen Vor-und Rückhandschlägen in die Schranken verwiesen.

Karazew ist bereits seit rund neun Jahren Profi, hatte in seiner Karriere bislang 620.000 Dollar gewonnen. In der bisherigen Woche in Melbourne sind es bislang schon über 400.000 Dollar - Ende offen. Nun muss er gegen Grigor Dimitrov antreten, der dem Österreicher und Vorjahresfinalisten Dominic Thiem eine echte Lektion erteilte (6:4; 6:4; 6:0). Es dürfte die Zeit seines Lebens für Karazew sein.

Die offene Zuschauer-Frage

Was war das für ein Bild: Zuschauer auf den Stadionrängen, ohne Masken und begeistert von dem, was die Tennisprofis da auf den Platz zauberten. Das, was so lange eine Selbstverständlichkeit war, sorgte bei manch einem TV-Zuschauer außerhalb Australiens für Erstaunen. Tatsächlich waren zu Beginn des Turniers Besucher zugelassen - und alle Seiten genossen diese scheinbare "Normalität". Auch wenn nicht immer alle der täglich 30.000 erlaubten Besucher den Weg in die Tennis-Stadien fanden.

Doch am vergangenen Freitag schlug auch in Melbourne die Corona-Pandemie wieder zu. In einem Flughafenhotel wurden 13 Personen positiv auf das Virus getestet - und der gesamte Staat Victoria musste ab Samstag in einen fünftägigen, knallharten Lockdown gehen. In dieser Frage verstehen die australischen Behörden keinerlei Spaß.

Deshalb musste am Freitagabend das Drittrunden-Match zwischen Djokovic und dem US-Amerikaner Taylor Fritz im vierten Satz um 23.30 Uhr Ortszeit unterbrochen werden, damit die Zuschauer die Arena verlassen und rechtzeitig zum Beginn des Lockdowns wieder zu Hause sein konnten. Bis Mittwochabend sind keine Zuschauer mehr zugelassen.

"Es war anders, weil wir mit Zuschauern gespielt haben. Die Energie ist nicht da, man muss sich selber pushen. Aber wir sind das ja von den anderen Turnieren gewohnt", sagte Zverev am Sonntag. Ab Donnerstag soll dann wieder Publikum zugelassen werden - wenn sich keine neuen Corona-Herde in dieser Region auftun.

Stand: 15.02.2021, 08:29

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