Wasserspringer Patrick Hausding bejubelt seine Goldmedaille bei seiner Heim-EM in Berlin 2014 (imago images/Shutterstock)

Vom Sprungturm an die Schultafel Wasserspringer Patrick Hausding beendet Karriere

Stand: 03.05.2022 21:56 Uhr

Einer der Größten seines Sports macht Schluss: Wasserspringer Patrick Hausding beendet seine Karriere. Der gebürtige Berliner blickt zurück auf eine Zeit voller Erfolge, aber psychischer und physischer Belastung. Jetzt freut er sich auf sein neues Leben.

Es war Ende Juli 2021, als Patrick Hausding zum letzten Mal bei einem großen Wettkampf den Sprungturm erklomm. Später wird er diesen Moment als einen der größten seiner Karriere bezeichnen. Bei den Olympischen Spielen in Tokio trat er gemeinsam mit Lars Rüdiger beim Synchronspringen vom 3-Meter-Brett an.

Zuvor hatte er schon die große Ehre, neben Laura Ludwig die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier tragen zu dürfen. "Es war mental sehr schwierig. (...) Von mir wurde erwartet, wieder eine Medaille zu gewinnen. Gerade als Fahnenträger", erinnert sich Hausding.

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Olympische Medaille zum Abschluss

Vor dem letzten Durchgang im Wettkampf lagen die beiden Deutschen auf Platz sechs mit fast 15 Punkten Rückstand auf die Medaillenränge. Doch mit einem unfassbar starken Sprung gelang es dem Duo, sich nach vorne zu schieben und Bronze zu holen. "Da sind mir viele Steine vom Herzen gefallen", erzählt Hausding. Es sollte seine letzte Medaille sein.
 
Denn der 33-Jährige wird am Mittwoch seinen Rücktritt vom Leistungssport verkünden. Gründe dafür gibt es einige. "Zum einen waren die Olympischen Spiele in Tokio für mich noch einmal ein sportliches Highlight. Zweitens ist es mit Corona und dem Krieg in der Ukraine für uns Sportler gerade schwierig, den Wettkampfcharakter aufrechtzuerhalten. Und drittens war es für mich sowieso schon ein bisschen geplant. Ich bin nicht mehr der Jüngste und habe viel erlebt. Und das Leben geht auch irgendwann mal weiter", sagte er im Vorfeld gegenüber dem rbb.
 
Hausding galt als Aushängeschild der deutschen Wasserspringer. Er wurde 15 mal Europameister und gewann drei Olympische Medaillen. Seinen wohl größten Erfolg feierte er 2013 in Barcelona, wo er Weltmeister im 10-m-Synchronspringen wurde. Er selbst kann sich aber nicht entscheiden, was für ihn das Karriere-Highlight war: "Es sind viele Dinge, die da im Laufe der Zeit zusammengekommen sind. Ich kann es nicht so richtig priorisieren."
 
Neben dem WM-Titel und den olympischen Medaillen in Tokio (2021), Rio de Janeiro (2016) und Peking (2008) nennt er auch seine Heim-Europameisterschaften 2014 in Berlin als eines der größten Ereignisse. In der Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark holte Hausding damals dreimal Gold.

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Das Leben danach

Diese Zeiten sollen jetzt hinter ihm liegen. "So richtig in Worte fassen kann ich das noch nicht, dafür ist es noch zu frisch. Ich habe das 25 Jahre gemacht und mein ganzes Leben hat sich um den Sport entwickelt", erzählt er. Durch das Wasserspringen habe er viele Freunde gewonnen und auch seine jetzige Ehefrau kennengelernt. Dass sein Leben und Tagesablauf sich nun grundlegend ändern werden, könne er noch nicht so richtig realisieren. "Ich habe auf jeden Fall Respekt vor dem, was jetzt kommt. (...) Aber ich freue mich trotzdem drauf", sagt er.
 
Hausding hat einen klaren Plan für das Leben danach. Er studiert Sport und Englisch auf Lehramt an der Humboldt-Universität und will bald seinen Master dort abschließen. Dann soll ein Referendariat folgen. "Und Familienplanung steht auch an", sagt er. Außerdem will er seine Sportart endlich auch mal von der anderen Seite aus wahrnehmen und auf der Zuschauer-Tribüne Platz nehmen. "Dann kann ich mich weiterhin an dem Sport erfreuen, ohne aktiv dabei zu sein. Außerdem will ich meine Teamkameraden anfeuern", erzählt er.
 
Er will auch weiterhin nah dranbleiben an seinen sportlichen Wegbegleitern. "Die Zeit im Training und der soziale Austausch mit Trainer, Sportlern und Freunden", das wird Hausding nach seinem Karriereende am meisten vermissen.

Wasserspringer Patrick Hausding bejubelt seine Goldmedaille bei seiner Heim-EM in Berlin 2014 (imago images/Shutterstock)

"Es war ein lebenswertes Leben bisher"

Bei anderen Dingen ist er froh, sie jetzt hinter sich lassen zu können. Als Superstar seiner Sportart waren die Ansprüche an ihn sehr hoch und er stand oft unter großem Druck. "Je älter ich wurde und je länger ich in dem Sport war, desto anstrengender wurde es." Es habe ihm viel abverlangt, der Erwartungshaltung von Medien und Fans immer gerecht zu werden.
 
Auch über das Ende der physischen Belastung ist Hausding froh. "Was ich gar nicht vermissen werde, sind all die Schmerzen, die sich über Jahre aufgebaut haben. (...) 25 Jahre Wasserspringen hinterlassen halt Spuren", erzählt er. Probleme machen ihm Schulter, Rücken und vor allem die Knie. "Das ist der Preis, den der Leistungssport mit sich bringt."

Ob er den Weg des Profisportlers noch einmal gehen würde, sei deshalb schwer zu sagen. "Den Spagat zwischen Leistungssport und Abwesenheit vom Leben zuhause zu meistern, ist schwierig. Da kann man viele Fehler machen und da würde ich heute anders ansetzen. Aber ansonsten war es schon ein lebenswertes Leben bisher", erzählt der Berliner. Schließlich habe er viel von der Welt sehen können und durfte viele andere Kulturen und Bereiche des Lebens durch das Wasserspringen kennenlernen. "Und auch den Nervenkitzel würde ich sofort wieder eingehen", sagt er.
 
Von diesem wird es zukünftig vor der Schultafel statt auf dem Sprungturm wohl weniger geben. Aber Patrick Hausding ist zufrieden und passt sich gut an die neue Situation an. Er habe für sich den perfekten Zeitpunkt gefunden, um in seinen neuen Lebensabschnitt zu starten. "Ich habe keine schlechten Gedanken, dass ich was verpasst haben könnte oder noch länger hätte springen können. Ich habe einen sehr schönen Abend meiner Karriere genossen", erzählt der Olympiamedaillen-Gewinner.

Sendung: rbb24, 04.05.2022, 18 Uhr