Fußball | Bundesliga Kein "Weiter so" bei Hertha BSC

Stand: 24.05.2022 21:22 Uhr

Nach dem Klassenerhalt blickt Hertha in die Zukunft. Obwohl auch seine Fehler für die desaströse Saison ursächlich waren, ist Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic die größte Hoffnung und einzige Konstante im nächsten Umbruch.

Fredi Bobic hat die Zeichen der Zeit erkannt. "Diese Relegation sollte allen gezeigt haben, dass das die letzte Chance war", erklärte der Sport-Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC am Tag nach dem Klassenerhalt mit ernster Miene in einer Medienrunde. Im letzten von 36 Spielen waren Herthas Spieler endlich wie eine Mannschaft aufgetreten und retteten eine denkwürdig schlechte Bundesliga-Saison.

Umso unheilvoller klingt ein anderer Satz von Bobic: "Das war ein sehr schöner Abend, aus dem wir viel Positives mitnehmen können." Denn Hertha BSC steht vor dem nächsten Umbruch und die einzige Gewissheit dabei ist, dass nichts so bleiben kann, wie es war.

Hertha muss sich neu erfinden

Als erstes kündigte Felix Magath seinen Abschied an. Gemeinsam mit seinen Co-Trainern Werner Leuthard und Mark Fotheringham wird er Hertha verlassen. Für Bobic kein Problem: "Er war unser Retter, er war nicht das Projekt." Für das Projekt "Hertha-zukunft" haben zwei andere Abschiede ungleich größere Folgen. Am Morgen nach dem Sieg in Hamburg verkündete Hertha, dass der langjährige Finanzvorstand Ingo Schiller den Verein verlassen wird. Am Abend folgte dann der nächste Hammer: Nach 14 Jahren als Präsident von Hertha BSC kündigte Werner Gegenbauer seinen Rückzug an. Zahlreiche Spieler könnten folgen, wie Bobic sagt: "Niemand ist unverkäuflich." Hertha muss sich mal wieder neu erfinden.

Drei Fehler müssen vermieden werden

Damit der Umbruch in diesem Sommer gelingt, gilt es allen voran drei Fehler zu vermeiden, die Hertha in den vergangenen Jahren zum Verhängnis wurden. Erstens wurden Trainer nie wegen ihrer Fußballidee verpflichtet. Zweitens wurden Transfers zu selten mit den besagten Trainern abgestimmt. Und drittens war es quasi nie möglich ruhig zu arbeiten, weil den Verein im Wochentakt neues Chaos heimsuchte.
 
"Die Tiefe der Probleme habe ich nicht ansatzweise erwartet", stöhnte auch Bobic am Dienstag. Damit diese sich nicht fortsetzen, muss der Verein in den kommenden Wochen und Monaten zusammenfinden.

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Zumindest der Schulterschluss mit den leidenschaftlichen Fans gelang spätestens in Hamburg. Investor Lars Windhorst scheint den internen Machtkampf gegen Finanzvorstand Schiller und den scheidenden Präsidenten Gegenbauer gewonnen zu haben. Auch wenn Gegenbauer betonte, dass es nie um persönliche Differenzen zwischen ihm und dem Geldgeber gehandelt habe, sondern nur um Diskrepanzen zwischen Hertha BSC und Windhorsts Firma Tennor gehandelt habe.
 
So oder so: Spätestens jetzt darf Windhorsts Ego keine Rolle mehr spielen. Denn egal wer in Zukunft den Vorsitz des Präsidiums übernimmt – Investor, Präsident und die sportliche Führung müssen zusammenfinden. "Am Ende ist Hertha BSC das Wichtigste", sagte Bobic. Zwischen verschiedenen Eitelkeiten ist diese Binsenwahrheit seit Windhorsts Millioneninvestitionen zu oft untergegangen.

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Falsche Entscheidungen

Während Magath nach dem Sieg in Hamburg ganz uneitel Kevin-Prince Boateng für die erfolgreiche Aufstellung lobte, sprach Bobic weniger selbstlos. Angesprochen auf seinen Transfer, der nicht nur an der Taktiktafel, sondern auch auf dem Platz eine gute Figur machte, lobte Bobic sich selbst: "Ich habe es schon im Sommer gesagt. Er wird irgendwann ein Faktor sein."
 
Das "irgendwann" klang bei der Vorstellung des Routiniers im letzten Sommer allerdings noch etwas anders. Kevin-Prince Boateng, so ließ sich Bobic bei der Verkündung des Transfers zitieren, brauche keine lange Eingewöhnungszeit. Am Ende dauerte es 36 Spiele, bis der 35-Jährige erstmals fast über die volle Distanz helfen konnte.

Boateng ist nicht die einzige Entscheidung des Geschäftsführers, die im Laufe der Saison Stirnrunzeln auslöste. Seine Transfers schlugen nicht ein, sowohl die Entlassung von Pal Dardai als auch das Engagement von Tayfun Korkut funktionierten nicht und in der Geschäftsstelle rumort es, weil Bobic viele neue Mitarbeiter mitgebracht hat.

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Hertha wird ihm trotzdem vertrauen. Denn Fredi Bobic wird in diesem Sommer die einzige Konstante des Vereins.

Transfers passend zur Spielidee

Schon in den nächsten Tagen werde er zumindest von einem neuen Trainer Unterstützung bekommen, versprach Bobic am Dienstag. Von diesem erwarte Bobic eine aggressive und offensive Spielidee: "In der Vergangenheit waren wir sehr passiv, wir wollen eine aktivere Mannschaft, die höher spielt und presst."
 
Das klingt erst einmal gut, allerdings werden sich seine Sommertransfers an dieser Aussage messen lassen müssen. Denn wenn Bobic sagt: "In Hamburg standen sechs Neuzugänge auf dem Platz und wir haben gepresst", verschweigt er, dass mit Santiago Ascasibar und Lucas Tousart zwei Akteure die wichtigste Arbeit übernahmen, die sein Vorgänger Michael Preetz nach Berlin lotste. Zumal beide zu den Top-Verdienern der Hertha gehören und Bobic zeitgleich ankündigt: "Wir müssen die Personalkosten in den Griff bekommen."

Hertha konkurriert mit sich selbst

Dazu befindet sich die Hertha in Sachen Transfers im Hintertreffen. Während Liga-Konkurrenten seit Wochen sicher für die erste Liga planen konnten, konnte Hertha dies nicht. Zumindest habe das Team um Kaderplaner Dirk Dufner bereits ein in den letzten Wochen an einem Plan im Falle des Klassenerhalts gearbeitet.
 
Dass der späte Start in die Transfer-Aktivitäten nicht unbedingt ein Nachteil sein muss, bewies der vorige Bundesligist, der in die Relegation musste: Nachdem der 1. FC Köln unter dem neuen Trainer Steffen Baumgart auf aggressiven Pressing-Fußball setzte, erreichte der Verein kürzlich die Conference League.
 
Fredi Bobic hat das genau beobachtet. Trotzdem wird es aus der Hertha-Geschäftsstelle keine Europa-Träume geben. "Wir wollten mit denen ganz oben konkurrieren, aber das hat ja nicht ganz so geklappt", scherzt Bobic. Vorerst konkurriert Hertha BSC in erster Linie mit den eigenen Fehlern aus der Vergangenheit.

Sendung: rbb24 spezial: Gerettet - was nun Hertha BSC?, 24.05.2022, 20:15 Uhr